Praktisch gedacht. Anna Gritz in der von den beiden Designerinnen Desiree Heiss und Ines Kaag im Seitentrakt der Kunst-Werke eingerichteten Wohnung. Foto: Stefanie Herbst / Tagesspiegel
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Neustart im Haus am Waldsee Sauerkraut-Rap und andere Zutaten

Anna Gritz, zur Zeit noch Kuratorin bei den Berliner Kunst-Werken war, wird neue Direktorin vom Haus am Waldsee. Was sind ihre Pläne? Eine Begegnung.

Klar, wir ziehen uns wie gewünscht am Eingang die Schuhe aus und schlüpfen in die bereitgestellten Sneakers und Slipper aus Filz. Willkommen im Reich von Desiree Heiss und Ines Kaag, die als Designerinnen-Duo unter dem Namen BLESS firmieren. Für ein Jahr haben die beiden eine Wohnung im Seitentrakt der Kunst-Werke in Berlin-Mitte umgestaltet: humorvoll, mit kuriosen Möbeln, etwa einem Stuhl auf einem Gummiball, und lustigen Accessoires für die Küche wie Gläsern, deren Stiel in einem Stein steckt. Im Bad baumeln Seifen an Schnüren von der Decke. Wer duschen will, greift sich einfach eine.

Den Ort für das Treffen hat Anna Gritz ausgesucht. Die Einrichtung der Wohnung zusammen mit den beiden Situationsdesignerinnen, wie sich Heiss und Kaag bezeichnen, ist eine ihrer letzten Taten am KW Institute for Contemporary Art. Nach sechs Jahren als Kuratorin zieht sie beruflich weiter, in den Südwesten Berlins. Im Dezember kam die Nachricht: Anna Gritz wird ab Juni 2022 neue Direktorin vom Haus am Waldsee.

Zuletzt war das Haus am Waldsee in der Krise

Ein Seufzer der Erleichterung wird da mancher Brust entwichen sein. Nicht weil Gritz geht, im Gegenteil, sie hat hervorragende Ausstellungen an den Kunst-Werken kuratiert, man wird sie dort vermissen. Sondern weil sie an ein Haus kommt, das zuletzt in die Krise geraten ist. Die bisherige Chefin Katja Blomberg musste im September, mehrere Monate vor Ablauf ihres Vertrags, die Institution verlassen, die sie 16 Jahre lang erfolgreich geführt hatte. Mehr drang nicht nach draußen. Die Chemie mit dem neuen Vorstand des Trägervereins schien nicht zu stimmen. Man begann sich schon Sorgen um den exzellenten Ruf des Hauses zu machen.

Sie weichen nun der Vorfreude auf eine beherzte Ausstellungsmacherin mit zahlreichen Verbindungen ins Ausland, die ab Sommer die Geschäfte an der Argentinischen Allee übernimmt und damit die Zeit des Interregnums beendet. Gritz strahlt ebenfalls über das ganze Gesicht, als sie nach ihrer künftigen Arbeitsstätte gefragt wird: „ein Traum“, sagt sie. Das Haus, der Skulpturengarten, das Team – es passt. Die 41-Jährige muss bei dem Berufungsgremium – darunter Stephanie Rosenthal, Direktorin vom Gropius Bau, und der künftige Intendant vom Haus der Kulturen, Bonaventure So Bejeng Ndikung – entsprechend Eindruck hinterlassen haben, das Bewerber:innenfeld soll stark gewesen sein. Ihre Vorschläge für das Haus am Waldsee überzeugten.

Anna Gritz bringt jede Menge Auslandserfahrungen mit

Die partizipative Installation BLESSlet gibt eine Ahnung davon: hintergründig, politisch, lebenspraktisch. An den Kunst-Werken hat sich die Düsseldorferin, die nach dem Master in Kunstgeschichte Curatorial Practice am California College of Arts in San Francisco studierte, weil sie näher an Künstler:innen sein wollte, mit Positionen einen Namen gemacht, die ihrer Meinung nach nicht genügend gewürdigt wurden: darunter Judith Hopf, Amelie von Wulffen, Lynn Hershmen Leeson und zuletzt der Neuseeländer Michael Stevenson, von dem die wenigsten wussten, dass er seit vielen Jahren in Berlin lebt.

Wer allerdings glaubt, dass nach dem von Katja Blomberg stark auf internationale Künstler:innen fokussierten Programm, die in ihrer Heimatstadt bislang noch nicht institutionell ausgestellt hatten, nun mehr Positionen aus dem Ausland kommen würden, könnte sich wundern. Ja, Anna Gritz bringt jede Menge Auslandserfahrungen mit.

So arbeitete sie nach ihrem Masterabschluss in San Francisco als Ausstellungsmanagerin bei apexart in New York, wechselte dann als kuratorische Assistentin an die Londoner Hayward Gallery, wurde als nächstes Assoziierte Kuratorin am dortigen Institute of Contemporary Arts und schließlich Kuratorin für Film und Performance an der South London Gallery, bevor sie nach Berlin an die Kunst-Werke ging. Aber nach ihrem ihren ersten Plänen für das Haus am Waldsee befragt, kommt eine überraschende Antwort: Margaret Raspé möchte sie dort gerne zeigen, die Filmemacherin und Fotografin wohnt gleich in der Nachbarschaft. Sie gehörte zu den Erstmitgliedern des Fördervereins.

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Warum genau Gritz die 89-Jährige ausstellen will, klingt dann doch nach Avantgarde. Raspé erfand 1971 den Kamerahelm, setzte ihn sich auf den Kopf und filmte die alltäglichen Handlungen einer Hausfrau. Das war als künstlerisches, feministisches Statement damals revolutionär. Sie wurde Mitglied der London Film-Makers’ co-op, in ihrer Küche gingen die Wiener Aktionisten ein und aus. Im Garten fanden Ausstellungen zu Kunst und Natur statt. Bei der Schau im Haus am Waldsee sollen dann jüngere Positionen hinzugenommen werden, die auf ihre Art radikal wie Raspé sind.

Forum für den Nachwuchs

Als weitere Leitlinie für die Institution kristallisiert sich heraus, dass sie ein Ort für Künstler:innen, vor allem eine jüngere Generation werden soll. So plant Gritz die Gründung eines Forums, wo Künstler:innen, die ihren Weg noch suchen, eigene Arbeiten vorstellen können, wo erste Texte zum Werk gemeinsam entstehen. „Professionalisierung kann eine einsame Praxis sein“, sagt die künftige Direktorin. Mit dem Forum will sie ein Angebot machen, an dem auch das Publikum teilhaben kann.

Gerade die Mischung aus privat und öffentlich besitzt Charme. Das Haus am Waldsee, das seit 1946 ein Kunstort ist, steht dafür. War es doch eine Fabrikantenvilla, deren Geschichte immer noch mitschwingt: So existiert noch ein schwarz-weißer Fliesenboden, der zur Küche gehört haben könnte, im Gartensaal dürfte sich das Familienleben abgespielt haben. Auch Desiree Heiss und Ines Kaag geben in ihrem in den Kunst-Werken eingerichteten Apartment Privates preis. Anna Gritz gefällt dieses Detail ganz besonders.

Bevor wir die Filzschuhe wieder gegen die eigenen tauschen, führt Gritz den Beitrag eigens vor, geht in die Hocke und stellt den Plattenspieler unter der Spüle an: Musik ertönt, das Designerinnenduo trägt die Zutaten für Sauerkrautsuppe, Traubengelee und Bärlauchpesto, seine Lieblingsrezepte, gerappt vor. Klingt vielversprechend.

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