Im letzten Jack-Reacher-Roman von Lee Child geht es um die Opioid-Krise in den USA. Foto: picture alliance/dpa
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Neuer Roman um Jack Reacher Schmerzensmann des entwurzelten Lumpenproletariats

Lee Child schickt in „Bluthund“ seinen unkaputtbaren Helden Jack Reacher in die Hölle der amerikanischen Opioid-Krise. Ein würdiger Abschied von seiner Figur.

Es ist selten, dass ein Autor mit nur einer einzigen Reihe zum Megaseller wird. 1998 veröffentlicht der Brite Lee Child sein Kriminaldebüt „Größenwahn“ und etabliert damit eine der erfolgreichsten Serienfiguren aller Zeiten: den ehemaligen amerikanischen Militärpolizisten Jack Reacher, der sich nach seinem unglücklichen Ausscheiden aus der Army nur mit einer Zahnbürste im Gepäck durch die USA treiben lässt – und sich mit seinem gnadenlos übersteigerten Gerechtigkeitssinn massiv Ärger einhandelt.

Insgesamt 25 Jack-Reacher-Romane sind seitdem entstanden, zwei wurden mit Tom Cruise verfilmt. Die weltweite Auflage liegt bei sechzig Millionen Exemplaren; Lee Childs Privatvermögen wird auf fünfzig Millionen Dollar geschätzt. Er ist jetzt 65. Zeit also, sich zur Ruhe zu setzen: Im Februar gab er bekannt, dass er die Serie an seinen 15 Jahre jüngeren Bruder Andrew Grant weiterreichen wird. Vier Bücher werden sie gemeinsam schreiben, dann soll Grant komplett übernehmen.

„Bluthund“ ist einer der letzten Jack-Reacher-Romane, die Lee Child im Alleingang geschrieben hat. Ein bisschen Wehmut ist zu spüren. Der härteste Straßenschläger der US-Gegenwartsliteratur scheint weich geworden zu sein: Reacher hat aus dem vorletzten Roman „Keine Kompromisse“ Liebeskummer mitgenommen.

Und dann wird er am Rand des Highways beim Anblick eines älteren Truckers melancholisch: „Der Beruf passte nicht mehr in diese Zeit, in der jeder abends zu Hause sein wollte.“ Ahnt hier ein in die Jahre gekommener Superheld, dass auch seine Reise einmal an ein Ende kommt? Jack Reacher in einem Vorort, mit netter Frau, Kindern und einem munteren Labradoodle, der durch den Garten tobt?

Reacher legt sich gleich mal mit sieben Bikern an

Keine Angst, noch ist es nicht so weit. Lee Child weiß, was er seinen Fans schuldig ist. Jack Reacher ist in „Bluthund“ wieder unterwegs im mittleren Westen, gelangt mit dem Bus und per Anhalter von Wisconsin über South Dakota nach Wyoming, und früh gibt es die erste Schlägerei, ein Standard: Der unkaputtbare Jack Reacher allein gegen sieben Biker. Anlass ist ein Abschlussring der amerikanischen Militärakademie Westpoint, den Reacher in einem gottverlassenen Nest im Schaufenster eines Leihhauses entdeckt.

Reacher ist selbst Absolvent der Schule und weiß, dass kein Soldat diesen Ring freiwillig hergibt. Weil er gerade nichts Besseres zu tun hat, hakt er nach: Die eingravierten Initialen „S. R. S.“ gehören zu Serena Rose Sanderson, einer Afghanistan- und Irak-Veteranin, die nach ihrer Rückkehr spurlos verschwunden ist. „Ehrensache“, „Kameradschaft“, das ist das Benzin, das Jack Reacher tankt. Nachdem er die ersten Anhaltspunkte aus den Bikern herausgeprügelt hat, macht er sich auf die Suche.

Die schmutzige Wirklichkeit von Provinz-Amerika

Trotzdem ist „Bluthund“ kein „Reacher“ von der Stange. Denn Lee Child hat sein mythisch überhöhtes Provinz-Amerika erstmals mit einem Fenster in die schmutzige Wirklichkeit versehen. Serena Sanderson ist mit einer schweren Verletzung aus dem Kampfeinsatz zurückgekehrt und hat wie viele Veteranen und Veteraninnen eine Schmerzmittelabhängkeit entwickelt.

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Damit steckt Reacher mitten in der Opioid-Krise, die die US-Städte verwüstet. Der großzügige Einsatz von Schmerzmitteln wie Oxycontin und anderen Opiaten hat auch in der Mittelschicht zu einer Welle von Abhängigkeit, illegalem Handel und Beschaffungskriminalität geführt. Und das ist kein rein urbanes Phänomen, sondern betrifft auch das Reacher-Territorium: die dünn besiedelte Landschaft im Westen und Mittleren Westen der USA.

„Bluthund“ liest sich stellenweise wie eine krasse Reportage, wenn Lee Child erzählt, wie Schmerzmittelabhängigkeit auch dort Teil des Alltags geworden ist, wo der nächste Dealer nicht unbedingt im Park um die Ecke wartet: Fentanylpflaster, die sparsam in Streifen geschnitten werden, die für einen schnellen, direkten Kick abgeleckt werden, unter die Zunge geschoben oder gleich wie Kaugummi gekaut werden – und Patienten, die in der Notaufnahme eines Krankenhauses sitzen und „unerträgliche Rückenschmerzen“ vortäuschen, um ein Rezept zu ergattern.

Schmerzensmann des entwurzelten Lumpenproletariats

Am Rand streut Lee Child historische Anmerkungen ein. Morphium wird seit 1805 herstellt, die Injektionsspritze wurde 1851 erfunden. „Eine großartige Kombination, gerade rechtzeitig für den Amerikanischen Bürgerkrieg, nach dem es Hunderttausende von Süchtigen gab.“ Dann kam der Erste Weltkrieg, in dem es erstmals eine große Zahl von Gesichtsverletzungen gab. Und stigmatisierte, infektionsgeplagte Invalide, die sich im Drogennebel vor ihrer Umwelt verbargen – wie jetzt Serena Rose Sanderson: ein Kollateralschaden an der Heimatfront.

Interessant ist diese bedrückende Geschichtslektion noch aus einem anderen Grund. Auch Lee Childs bestsellergestählte Kunstfigur hat ihren historisch-politischen Kontext: Jack Reacher ist ein Nachfahre der Hobos, Tramps, Drifter und Bums, jener mobilen Heerscharen also, die die amerikanischen Grundwerte „Freedom“ und „Liberty“ notgedrungen auf eigene Art ausleben, und das nicht erst – wie so oft behauptet – mit der Großen Depression Ende der zwanziger Jahre.

Auch sie sind ein Kollateralschaden, ein Produkt des amerikanischen Bürgerkriegs – und der vielen, vielen bewaffneten Konflikte, die darauf folgten. Lee Child hat Jack Reacher auch für sie erschaffen, den Schmerzensmann, der das Leid des entwurzelten amerikanischen Lumpenproletariats auf sich nimmt. Kurz vor dem Ruhestand bringt Lee Child in „Bluthund“ die einfache, leider aktuelle Botschaft seiner Romane auf den Punkt: Amerika tut schrecklich weh.
Lee Child: Bluthund. Ein Jack-Reacher-Roman. Aus dem Englischen von Wulf Bergner. Blanvalet, München 2020. 448 Seiten, 22 €.

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