Überraschung voraus. Peter P. Pachl eröffnet neue Hörhorizonte. Foto: Tatyana Kronbichler
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Neuer Intendant Pachl Berliner Symphoniker präsentieren wagemutiges Programm

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Unerhörte Projekte: Unter ihrem neuen Intendanten Peter P. Pachl zeigen sich die Berliner Symphoniker experimentierfreudig.

Ludwig Thuille, Christian Sinding, Clement Harris, Günter Kochan – wer durch die Saisonbroschüre der Berliner Symphoniker blättert, kommt aus dem Staunen nicht heraus: Mehr unbekannte Komponistennamen, mehr Raritäten bietet kein anderes Orchester der Hauptstadt. Möglich gemacht hat diese Reise in unbekannte Regionen des Repertoires Peter P. Pachl. Im November 2017 wurde der Kulturmanager und Musikwissenschaftler zum Nachfolger des verstorbenen Intendanten Jochen Thärichen gewählt und öffnete sofort das Füllhorn seiner Ideen. Pachl, 1953 in Bayreuth geboren, ist ein intimer Kenner des spätromantischen Repertoires, 1972 hat er die Internationale Siegfried Wagner Gesellschaft gegründet, um das Oeuvre des Sohnes von Richard Wagner zu erforschen, seit 1980 ist er künstlerischer Leiter des auf Abseitiges spezialisierten „Pianopianissimo Musiktheaters München“, Anfang der 1990er Jahre hat er als Intendant des Thüringischen Landestheaters Rudolstadt so manche Ausgrabung auf die Bühne gebracht.

Bei den Berliner Symphonikern eröffnet sich Pachl nun die Chance, jede Menge vergessene Orchesterwerke des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts zur Diskussion zu stellen. Wobei er keine Überrumplungs-, sondern Überraschungsprogramme anbieten will. Sein Ziel ist eine Erweiterung des Hörhorizonts, eine stilistische Pluralität. Bei ihm sollen künftig die Neugierigen und die Entdeckungsfreudigen auf ihre Kosten kommen.

Nachdem der Senat den Berliner Symphonikern 2004 sämtliche Zuschüsse gestrichen hatte, ging das finanziell ganz auf sich allein gestellte Orchester verständlicherweise auf Nummer sicher, bot bei seinen traditionellen Sonntagnachmittagskonzerten vor allem altvertraute Stücke aus der ewigen Klassik-Hitparade an. Zusammen mit einer intensiven Gastspieltätigkeit sicherten die nur noch projektweise bezahlten Musiker so das Überleben der 1967 gegründeten Institution. Jetzt aber, findet Peter P. Pachl, ist der richtige Moment gekommen, um den Berliner Symphonikern innerhalb der hauptstädtischen Kulturszene ein unverwechselbares Profil zu geben – ohne dabei die treuen Stammgäste zu verschrecken.

Neue Reihe „Brückenschläge Ost-West“

Die Saison startet am 14. September mit einem nordischen Abend, bei dem Griegs „Peer Gynt“ und Sibelius’ „Finlandia“ die Werke zum Wiedererkennen sind. Dazwischen spielt die junge Violinistin Michiko Lena Feuerlein eine 1910 komponierte Romanze von Christian Sinding, von Karl-Birger Blomdahl, einem studierten Biochemiker, der 1960 die erste Weltraumoper der Musikgeschichte komponierte, gibt es einen „Lebenstanz“, vom Mendelssohn-Zeitgenossen Franz Berwald die „Erinnerungen an die norwegischen Alpen“ und von dem Spätromantiker Hugo Alfven einen „Tanz der Schäferin“. Der Abend findet im Rahmen der „Konzerte für die ganze Familie“ statt, die nun wieder im Konzertsaal der Universität der Künste beheimatet sind, wie schon in den achtziger Jahren, als die Symphoniker in Berlin einsame Vorreiter bei der musikalischen Kinder- und Jugendarbeit waren.

Eine neue Reihe will Peter P. Pachl mit den „Brückenschlägen Ost-West“ etablieren. Außerdem gibt es einen Abend mit Werken von Siegfried Wagner, ein „Very british“ betiteltes Programm, das von einer Purcell-Chaconne bis zu Ralph Vaugh Williams’ Konzert für Basstuba und Orchester einen Überblick über die Musikgeschichte der Insel gibt. Chefdirigent Lior Shambadal wird Mozarts Opernfragment „Die Gans von Kairo“ dirigieren, aber auch Verdis „Messa da Requiem“ und die traditionellen Silvesterkonzerte.

Vollmoellers „Das Mirakel“ ist das verrückteste Projekt

Das verrückteste Projekt der Saison aber findet am 23. Dezember statt. Beim Weihnachtskonzert in der Philharmonie werden die Symphoniker zusammen mit dem Oratorienchor Berlin und dem Löwenkinder-Chor Engelbert Humperdincks Musik zu Carl Vollmoellers „Das Mirakel“ aufführen. Dieser Bühnenhybrid aus Oper, Ballett und Pantomime war 1911 in der Regie von Max Reinhardt ein Sensationserfolg, trotz – oder gerade wegen – der irrwitzigen Handlung: Als eine junge Nonne von einem Ritter aus ihrem Kloster entführt wird, nimmt die Jungfrau Maria höchstselbst ihren Platz ein.

Über 2000 Darsteller wirkten bei der Uraufführung in London mit, Gastspiele führten das „Mirakel“ durch ganz Europa und bis an den Broadway. Auf die szenische Seite des Spektakels muss Peter P. Pachl aus Platz- und Geldgründen leider verzichten. Doch während des Konzertes werden Sequenzen aus der Verfilmung von 1912 auf Monitoren im Saal zu sehen sein.

Saisoneröffnung am 14. September um 20 Uhr im Konzertsaal der Universität der Künste. Weitere Informationen unter: www.berliner-symphoniker.de

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