Über den Dächern von Berlin. So soll der Blick von der Terrasse des Anbaus der Komischen Oper Richtung Brandenburger Tor aussehen. Simulation: Kaderwittfeldarchitektur
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Neue Probesäle, lichte Büros und ein Dach-Restaurant So sieht die Zukunft der Komischen Oper aus

Die Komische Oper wird generalsaniert und bekommt einen Erweiterungsbau. Eine Begegnung mit den Architekten Kilian Kada und Gerhard Wittfeld.

Die Ecke war ihnen sofort aufgefallen, eine merkwürdige Leerstelle auf dem Boulevard Unter den Linden. Linkerhand ein ziemlich verwohnter Plattenbau, rechterhand die Glinkastraße mit dem angrenzenden Aeroflot-Gebäude, ebenfalls aus DDR-Zeiten. Und dazwischen: eine Stadtbrache, ein Filetgrundstück mitten in Mitte, das geradezu nach einer belebenden Bebauung schreit. Solche Unorte beflügeln die Fantasie jedes Architekten.

Eigentlich betreiben Kilian Kada und Gerhard Wittfeld ihr 1999 gegründetes Büro in Aachen, aber sie haben auch eine Dependance in Berlin. Wenn sie in der Hauptstadt sind, dann gehen sie immer auch ins Café Einstein Unter den Linden - das genau vis à vis der Glinkastraßen-Brache liegt.

Während andere Besucher hier nach Promis Ausschau halten oder Passanten beobachten, machten sich die beiden Baumeister beim Cappuccino darüber Gedanken, wie man die urbane Wunde gegenüber heilen könnte.

Kein Wunder also, dass sie sofort mitmachen wollten, als der Wettbewerb um die Komische Oper ausgeschrieben wurde. Denn bei dem Projekt geht es ja nicht nur darum, den 1898 erbauten Neorokoko-Saal zu ertüchtigen und die in den sechziger Jahren hinzugefügten Foyerbereiche sowie die Eingangsfassade an der Behrenstraße denkmalgerecht zu sanieren – das 227 Millionen Euro-Vorhaben sieht auch einen Erweiterungsbau für das Musiktheater vor.

Und der soll just auf jenem Areal entstehen, über das die beiden Architekten aus Aachen schon so oft im Kaffeehaus nachgedacht hatten.

Workshops für die Nutzer

Und vielleicht war es ja tatsächlich dieser gedanklichen Vorarbeit geschuldet, dass sie einen Entwurf einreichen konnten, der nicht nur die Jury überzeugte, sondern auch Barrie Kosky, den Intendanten der Komischen Oper. Am 27. Oktober wurden Kadawittfeldarchitektur als Wettbewerbssieger von Senatsbaudirektorin Regula Lüscher bekanntgegeben, aktuell laufen die Vertragsverhandlungen, die sich bis ins nächste Frühjahr hinziehen werden.

Im Videointerview erklären die beiden glücklichen Preisträger, was passiert, wenn die Unterschriften dann gesetzt sind. „Der erste Schritt ist immer, dass wir uns an die Nutzer wenden“, sagt Gerhard Wittfeld.

„Wir bilden uns nicht ein, alles besser zu wissen als diejenigen, die dort tagtäglich arbeiten. Wir werden Workshops veranstalten und haben auch vor, mal einen Tag lang mit den Mitarbeitern mitzulaufen, damit wir sehen, wie die üblichen Wege durchs Haus verlaufen. Wir sammeln Ideen und schlagen dann zwei, drei Lösungen vor. Am Ende aber entscheiden die Nutzer, was sie am meisten überzeugt.“

Aus dem Westen was Neues. Gerhard Wittfeld (links) und Kilian Kada haben ihr Architekturbüro 1999 in Aachen gegründet. Foto: Carl Brunn Vergrößern
Aus dem Westen was Neues. Gerhard Wittfeld (links) und Kilian Kada haben ihr Architekturbüro 1999 in Aachen gegründet. © Carl Brunn

Als Außenstehende hätten sie die Möglichkeit, „den Prozess mit gewissem Abstand wie ein Mediator begleiten zu können“, fügt Kilian Kada hinzu. „Wir wollen außerdem von Anfang an offenlegen, wie lange welche Arbeitsschritte dauern werden und welche Kosten letztlich entstehen. Wobei wir nicht den Fehler begehen werden, wie bei den Sanierung der Staatsoper zu früh Zahlen bekanntzugeben, die sich dann später als nicht haltbar erweisen, weil noch nicht alle wesentlichen Informationen eingeflossen waren.“

Wenn es um die Forderung nach größtmöglicher Transparenz geht, liegen Kadawittfeldarchitektur auf einer Linie mit Barrie Kosky. Und auch bei der Wertschätzung, die sie dem traditionellen Handwerk entgegen bringen, passen sie gut zur Komischen Oper.

Dort entsteht ja alles in Maßanfertigung, von den Kostümen über die Schuhe und Perücken bis hin zu den Bühnenbildern. Und auch im Aachener Architekturbüro wird nicht nur mit dem Computer gearbeitet, sondern auch noch manuell. „Damit das Technische nicht überhand nimmt und damit man die wesentlichen Ideen nicht aus den Augen verliert, muss man auch einfach mal zum Stift greifen“, findet Kilian Kada. „So verinnerlicht man das Projekt über die Schnittstelle zwischen Hand und Hirn.“

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Darum bauen sie auch noch echte Modelle in verkleinertem Maßstab. „Unser Büro sieht aus wie eine Werkstatt. Dadurch spürt man, dass hier wirklich etwas produziert wird“, erzählt Gerhard Wittfeld. „Die Planung am Computer berücksichtigt schnell viel zu detaillierte Informationen wie zum Beispiel den exakten Aufbau oder die genaue Fügung von Bauteilen. Das brauchen wir am Anfang aber noch gar nicht. Da geht es vor allem um Formen und Verhältnisse.“

Der Neubau soll mit der Umgebung kommunizieren

Sprechende Architektur wollen die beiden erschaffen, Gebäude, die mit ihrer Umgebung kommunizieren. „Es gibt ja nichts Öderes als ein Haus, das von außen völlig konform ist, obwohl drinnen ganz viele unterschiedliche Dinge passieren“, sagt Wittfeld. Den Neubau an der Glinkastraße hat das Duo so gestaltet, dass von außen erkennbar wird, welcher Bereich welche Funktionen erfüllt.

Gläsern und einladend sind zum einen an der Ecke Unter den Linden die Vorverkaufskasse samt Shop und Café und zum anderen das doppelgeschossige Casino an der Ecke zur Behrenstraße, das sowohl den Mitarbeitern wie auch den Besuchern offenstehen soll. Hier ist auch ein kleiner Platz geplant, auf dem bei gutem Wetter Tische aufgestellt werden können.

Einige der Bäume, die dort jetzt schon stehen, lassen sich dadurch erhalten. Die Probesäle, die keine Fenster brauchen, sind mit Keramik verschalt, ganz oben auf dem Gebäudekomplex schließlich sitzen als Stahlkonstruktion drei Etagen mit Büros.

Die Vielfalt der Kunstform Oper nach außen tragen

„Wichtig war uns, das große Volumen klar zu gliedern, durch die vor- und zurückgesetzten Bereiche die Vielfalt der Kunstform Oper nach außen zu tragen“, sagt Kada. „Außerdem wollen wir mit dem Neubau eine optische Alternative bieten zum steinernen, gerasterten Umfeld.“ Trotz einer Höhe von gut 26 Metern, einer Länge von fast 120 Metern sowie 8600 Quadratmetern Nutzfläche soll nach dem Willen der Architekten der „menschliche Maßstab“ gewahrt bleiben.

An allen drei Seiten wird das Gebäude durch die Staffelung des Baukörpers zudem Terrassen und Balkone erhalten. „Toll wäre es, wenn die Leute, die hier vorbeikommen, sagen: Wow, was ist denn das? Was passiert denn da?“, erhofft sich Gerhard Wittfeld. „Durch die Terrassen, wo etwas wächst und auf denen sich Menschen aufhalten, bekommt das Haus ein Gesicht.“

Rundumblick über Berlins Mitte

Ganze 250 Quadratmeter Außenfläche sind für das Dach-Restaurant vorgesehen. Was sich schon in den neunziger Jahren der damalige Staatsopern-Intendant Georg Quander für sein Haus erträumte, wird nun bei der Komischen Oper Realität: ein auch tagsüber zugängliches Panorama-Plateau in luftiger Höhe mit Rundumblick über die ganze Berliner Mitte. Genau hier, hat Barrie Kosky bei der Bekanntgabe der Wettbewerbsgewinner gesagt, will er am Eröffnungsabend seinen ersten Martini trinken: „Wodka, zwei Oliven“.

Wann das sein wird? Auf ein konkretes Datum will sich derzeit keiner der Verantwortlichen festlegen. Klar ist nur, dass es im Sommer 2023 mit den baulichen Voruntersuchungen losgehen kann, wenn die Komische Oper in ihr Interimsquartier im Schillertheater umgezogen ist. Wer Vorfreude als etwas Genussvolles empfindet, ist bei diesem Projekt definitiv im Vorteil.

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