Singen heißt leben: Neil Diamond Foto: Luke MacGregor/rtr
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Neil Diamond Aufhören, um noch einmal anzufangen

Neil Diamond tritt von der Konzertbühne ab. Aber er will noch lange Zeit schreiben und Songs aufnehmen. Unter Coolness-Verdacht stand er schon lange.

Vom Aufhören und Abschiednehmen hat Neil Diamond schon oft gesungen. In der Akustikgitarren- und Streicherballade „Are you going away with no word of farewell“, die 1971 auf seinem vielleicht besten Album „Stones“ erschien, fragt er halb bitter, halb lakonisch: „Are you going away with no word of farewell / Will there be not a trace left behind?“ Es geht um einen Mann und eine Frau, um die Spuren, die von einer Liebe, einem Leben bleiben. Sind unsere Pläne nicht sowieso immer auf Sand gebaut?

Der Walzer „September Morn“, den er 1979 mit Gilbert Bécaud schrieb, feiert die Vergänglichkeit aus der Perspektive einer strahlenden Spätsommernacht: „September morn / Do you remember / How we danced that night away?“ Spätestens mit der melancholischen Unplugged-Platte „Home Before Dark“, die Diamond 2008 mit dem legendären Produzenten Rick Rubin aufnahm, schien der Herbst dieser großen amerikanischen Singer/Songwriter-Karriere erreicht. Begleitet von sparsamen akustischen Arrangements bearbeitet der Sänger noch einmal seine Großthemen. Die Schönheit von Momenten, die sich nicht zurückholen, bloß beschwören lassen. Und die Liebe, auf die wir dennoch vertrauen dürfen. „Coming back for one more bite of the apple / Tastes as sweet / It’s the nectar of life.“ Der Bariton ist hörbar gealtert, die Zuversicht bleibt ungebrochen.

Er leidet an der Parkinson-Krankheit

Nun hat Diamond seinen Abschied verkündet. Auf seiner Facebook-Seite teilte er mit, dass er an der Parkinson-Krankheit leidet und deshalb das letzte Drittel seiner Konzerttourne absagen muss, die ihn zum 50-jährigen Bühnenjubiläum noch einmal um den Globus führen sollte. „Ich werde noch lange Zeit schreiben und Songs aufnehmen“, versicherte er. Der Rücktritt ist auch eine Rückkehr. Denn begonnen hat Diamond, der 1941 als Sohn polnisch-russischer Einwanderer in Brooklyn geboren wurde, seine Laufbahn als Lohnschreiber für die Tin Pan Alley, dem Sitz der großen amerikanischen Musikverlage. Für die Monkees schrieb er „I’m A Believer“, für Cliff Richard „Just Another Guy“.

„Solitary Man“ war 1966 der erste Song, mit dem es Diamond unter eigenem Namen in die Charts schaffte. Seitdem hat er mehr als 130 Millionen Tonträger verkauft. Lange litt er unter dem Ruf, kein Rocker und Rebell, sondern bloß ein Schönsänger und Schnulzenlieferant zu sein. Einer, dessen Musik von Menschen geschätzt wird, die Jeans mit Bügelfalten tragen. Das änderte sich, als Quentin Tarantino 1994 die Country-Ballade in den Soundtrack seines Films „Pulp Fiction“ aufnahm. Seither haben neue Hörergenerationen nicht bloß das ohnehin bereits unter Coolness-Verdacht stehende Frühwerk des Sängers, sondern auch dessen mittlere Schaffensperiode mit so grandiosen Easy-Listening-Sinfonien wie „I Am... I Said“ oder „Forever in Blue Jeans“ entdeckt. „Ich habe nie wirklich Songwriter werden wollen“, hat der Weltstar einmal seine Biografie zusammengefasst. „Aber die Songs nahmen mich gefangen.“

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