Alles unter einem Dach. Das Gebäude des niederländischen Stararchitekten Rem Koolhaas wurde 2018 eröffnet. Die Nationalbibliothek von Katar beherbergt eine Million Bücher und vieles mehr. Foto: Rolf Brockschmidt
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Nationalbibliothek von Katar in Doha Im Bücher-Palast

Bildung statt Öl: ein Besuch in der Qatar National Library, inmitten der Education City von Doha.

Wer den schmalen Eingang unter dem weit auskragenden Dreieck des schwebenden Dachs passiert, dem verschlägt es den Atem. Der Besucher betritt einen lichten, hellen Palast für Bücher, getragen von Glaswänden und wenigen schlanken, 22 Meter hohen Säulen. Die Regale gruppieren sich auf ansteigenden Rängen, wie Zuschauer in einem römischen Theater. Die Qatar National Library ist eine Hommage an das Wort, sei es das geschriebene, gedruckte oder das digitale.

Auch im Inneren vermittelt der Prachtbau des niederländischen Stararchitekten Rem Koolhaas nicht die klassische Aura einer Bibliothek. Er hat eher etwas von einem Flughafenterminal oder einem Marktplatz, als lebendiger Ort des Austauschs. Eine Million Bücher besitzt die im April 2018 eröffnete Bibliothek, die von Gründungsdirektorin Claudia Lux aufgebaut wurde – Lux war zuvor Generaldirektorin der Berliner Zentral- und Landesbibliothek. 500 000 Bände sind in den offenen Regalen präsent, weitere 500 000 lagern im Magazin. Zum Vergleich: Die Staatsbibliothek Berlin besitzt elf Millionen Bücher.

Die jetzige Direktorin, die Ägypterin Sohair Wastawy, genießt sichtlich die Verblüffung der Gäste aus Europa. Stolz präsentiert sie im Eingangsbereich die großen digitalen Tafeln mit Informationen über die nächsten Veranstaltungen. Eine Touchscreenwand lädt Kinder ein, sich spielerisch mit der Welt der Bücher zu befassen. Der Clou ist eine lange, geschwungene Sushi-Bar, auf der keine japanischen Köstlichkeiten vorbeifahren, sondern die Neuerwerbungen des Hauses. Und zur lockeren Atmosphäre tragen die zahlreichen Sitzsäcke bei, auf denen Kinder und Erwachsene lümmeln, vertieft in die Lektüre von Büchern.

Die Nationalbibliothek liegt in der Education City von Doha, in der zahlreiche Bildungseinrichtungen konzentriert sind. Sie ist gleichzeitig Universitätsbibliothek und eine Art Stadtbücherei, mit einer bebauten Fläche von 45 000 Quadratmetern. Und: Sie ist die erste öffentlich zugängliche Bibliothek in Katar überhaupt: ein offener urbaner Raum, in dem man sich auch in großer Sommerhitze entspannt treffen kann, bei angenehmen Temperaturen. Studieren, sich informieren, sich bilden und spielen gehen hier Hand in Hand.

Das Herz des Büchertempels ist die Erbe-Bibliothek

Das Herz des Büchertempels bildet die sogenannte Erbe-Bibliothek, die Koolhaas wie eine archäologische Grabungsstätte in der Mitte der Haupthalle eingelassen hat. Die Wände sind aus Travertin gestaltet und heben sich so von der Marmorumgebung ab. In die Wände sind Glasvitrinen eingelassen, mit Kostbarkeiten des arabischen Schrifttums von Katar und der gesamten Golfregion. Das erste Buch, das die Stifterin, Sheika Moza, die Mutter des Emirs, einstellte, war ein üppig verzierter osmanischer Koran aus dem 18. Jahrhundert, aber auch Schätze aus dem 7. Jahrhundert sind dabei.

Wie frei ist eine Bibliothek in einem streng religiösen Emirat wie Katar, einem Land, in dem Zensur herrscht und Homosexualität verboten ist? Man habe sie beauftragt, „eine kritische Vielfalt bereitzustellen“, erklärte Claudia Lux 2015 im Tagesspiegel-Interview. „Aber es sollte wissenschaftlich fundiert sein.“ Fachliteratur und Belletristik in Massen, das sei für das Land schon ein riesiger Fortschritt, so Lux. Bildung statt Öl, lautet die Devise – was auch die Hoffnung weckt, dass dies vor allem den Frauen zugute kommt.

Warten auf die Philharmoniker von Katar in der Nationalbibliothek von Katar (Qatar National Library QNL) von Rem Koolhaas. Sie werden Mozart spielen. Foto: Rolf Brockschmidt Vergrößern
Warten auf die Philharmoniker von Katar in der Nationalbibliothek von Katar (Qatar National Library QNL) von Rem Koolhaas. Sie werden Mozart spielen. © Rolf Brockschmidt

Der Ruf des Muezzins ertönt aus der nahegelegenen, hypermodernen Moschee der Education City. Wenig später ist plötzlich Mozart zu hören. Leise zwar, aber Musik in einer Bibliothek? Im Auditorium, das rund 200 Besucher fasst, spielen Mitglieder der Philharmonie von Katar vor fast vollbesetzten Rängen. Hier sitzen Katarer und Expats, Kinder und Erwachsene aus vielen Nationen, ein wunderbarer Anblick. Der Eintritt ist frei.

Aber wie steht es um die Ruhe, die wahres Lesen erfordert? „Wer studieren will, der kann sich in die kleinen Lesesäle und Studierzimmer zurückziehen“, erklärt Wastawy. Es gibt komfortable Einzelkabinen und Gruppenräume, auch sonst bietet die Bibliothek alles Wünschenswerte, vom vollautomatischen Buchrückgabesystem bis zum Rollband, das es Rollstuhlfahrern erlaubt, alle Niveaus zu erreichen.

150 000 Titel in der Kinderbibliothek

85 Workshops bietet das Haus pro Monat an, darunter auch einen Kurs zu gesundem Essen. Und die Kinderbibliothek verfügt über 150 000 Titel, für Leserinnen und Leser bis 12 Jahre. Für Teenager gibt es einen eigenen Bereich. Man kann hier nicht nur in Büchern schmökern, sondern auch schlaue Spiele spielen. Und wer sich nicht mehr konzentrieren kann, der geht in den angrenzenden Bereich, dort wo sich Dach und Boden in einem spitzen Winkel berühren. Auf dickem Schaumstoff können die Kids hier unter Aufsicht toben, ohne andere zu stören. Die Jugendlichen wiederum können im Computerlabor Musik komponieren oder den 3-D-Drucker nutzen. Ein weiteres Labor mit Blue- und Greenscreen vermittelt TV-Studio-Atmosphäre. Wer will, kann hier Interviews üben oder Videos drehen, das Angebot ist verblüffend. Auch an Hightech für Blinde ist gedacht.

Ausstellungspavillon im Obergeschoss der Nationalbibliothek von Katar (Qatar National Library QNL) von Rem Koolhaas. Die Ausstellung läuft noch bis zum 30. April und ergänzt die Ausstellung "Syria Matters" im Museum für Islamische Kunst in Doha. Foto: Rolf Brockschmidt Vergrößern
Ausstellungspavillon im Obergeschoss der Nationalbibliothek von Katar (Qatar National Library QNL) von Rem Koolhaas. Die Ausstellung läuft noch bis zum 30. April und ergänzt die Ausstellung "Syria Matters" im Museum für Islamische Kunst in Doha. © Rolf Brockschmidt

Der erste Stock beherbergt die Wechselausstellungen. „Syrien unter dem französischen Mandat“ läuft bis zum 30. April, eine Ausstellung mit Fotografien und Dokumenten parallel zur großen Schau „Syria Matters“ im Museum für Islamische Kunst. Seit 2014 unterhält die Nationalbibliothek zudem die Qatar Digital Library (www.QDL.qa) mit der größten Sammlung zur Geschichte der Golfregion.

Katar setzt auf Kultur: Auch das Ende März eröffnete Nationalmuseum in Form einer Wüstenrose von Jean Nouvel will ein Zeichen setzen. Ob die Bildungsoffensive zu mehr Gedankenfreiheit führt? Die Besucher aus Katar, Europa, Indien oder Pakistan nutzen jedenfalls eifrig das Bibliotheksangebot.

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