Ist das Pop, Jazz oder zeitgenössische Klassik?

Studioatmosphären. Selfies mit Wollny, fotografiert von seinem Drummer Eric Schaefer. Foto: ericschaeferdrums.tumblr.com/
"Nachtfahrten" mit Michael Wollny Es lockte mich ein Irrlicht

Aber was ist das überhaupt für eine Musik? In der zumeist reproduzierbaren Kompaktheit der Stücke hat sie etwas von Pop, in den kompositorischen Verfahren etwas von zeitgenössischer Klassik. Oder fällt sie in ihrem befreiten Atmen doch am ehesten unter das, was man heutzutage unter Jazz verstehen müsste, weil es in den entsprechenden Regalen geführt wird? Der 37-jährige Michael Wollny selbst, seit vergangenem November mit einer Jazzprofessur in Leipzig ausgestattet, hat in den letzten Jahren Wert darauf gelegt, vor allem als improvisierender Künstler betrachtet zu werden. Doch auch damit ist es jenseits der beiden Kollektivimprovisationen nicht weit her.

Auf „Nachtfahrten“ zeigt sich Wollnys Improvisationsgeist vor allem im Ornamentalen, mit dem er Themen umspielt, und spezifisches Jazzvokabular findet sich genau genommen nur ein einziges Mal. Eric Schaefers „Motette Nr. 1“ führt auch am weitesten zurück in die Zeit von (em), dem Trio, mit dem Wollny berühmt wurde. In nicht mal drei Minuten entwickelt das Stück erstaunliche Fliehkräfte, und Wollny rast in seinem Solo über Quartblöcke in der linken Hand hinweg, die zweifelsfrei zur lingua franca des zeitgenössischen Jazz gehören. Sonst fehlt fast jede herkömmliche Jazzharmonik.

Das also ist Wollnys neue Geschlossenheit. Noch souveräner als auf seinem letzten Trioalbum „Weltentraum“ lebt sie von einer konzeptionellen Instinktsicherheit, wie sie die besten Alben von Radiohead auszeichnet und die vielleicht das Geheimnis dieser Musik ist, derer man auch nach dem x-ten Hören nicht überdrüssig wird. Es gibt hier zauberhafte Details: Eric Schaefers in „Marion“ aus dem Handgelenk auf die Toms fallengelassene und dann sanft zurückfedernden Drumsticks; das sich urplötzlich über umherschweifenden Moll-Dreiklängen in Dur und einer feindlich verrutschten Tonart erhebende Zweitthema von „Der Wanderer“; oder die Bach’sche Gravität, mit der er das solistische „Metzengerstein“ angeht, betitelt nach Edgar Allan Poes frühester Kurzgeschichte.

Doch all dies zeigt nur die eine Seite seiner Kunst. Bei anderer Gelegenheit spinnt er sein Material nach wie vor in langen Improvisationen aus, zieht und zerrt an ein paar Brocken Alexander Skrjabin, aus denen er im Juni einen Soloabend im Hamburger Mojo-Club entwickelte, der zu großen ekstatischen Momenten fand. Im zweiten Teil remixte Jan Peter Schwalm das Ganze zu einer fantastischen elektronischen Soundscape. (Beides nachzuhören in der Mediathek des NDR.) Und vor Kurzem nahm er sich mit dem Stimmkünstler Alex Nowitz und dem Elektronikbastler Leafcutter John in Frankfurts Alter Oper Bachs „Goldberg-Variationen“ vor. Oder er begibt sich in einen mitreißenden Dialog mit Wolfgang Haffner, der als grooveorientierter Drummer in vielem das Gegenteil des perkussiven Eric Schaefer ist und ihn zu mächtigen Vamps anstachelte – und zu Reverenzen an eine Jazztradition, der er sonst eher aus dem Weg geht.

Mit seinem Trio beschreitet er, zumindest wie es im Studio funktioniert, nun einen Weg, der in seiner Introvertiertheit einfach klingt und doch schwer zu imitieren ist. Er ist gleich weit entfernt von der Hochenergie des britisch-skandinavischen Trios Phronesis, das da weitermacht, wo (em) aufgehört hat, und von den ironischen Spielereien von The Bad Plus. Und es hat wenig mit den Luftgespinsten und Sturmwolken im Sinn, die der Pianist Paul Bley einst mit Gary Peacock und Paul Motian zauberte – bis heute ein Höhepunkt nicht verabredeten Miteinanders. Fest steht aber auch: Auf der Bühne gelten auch für Michael Wollny andere Gesetze.

„Nachtfahrten“ erscheint beim Münchner Label ACT. Am 28. Oktober beginnt Wollny unter dem Motto „Solo – Duo – Trio“ im Berliner Kammermusiksaal eine ausgedehnte Deutschlandtournee mit Eric Schaefer und Christian Weber.

Zur Startseite