Rutger Hauer Foto: AFP
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Nachruf auf Rutger Hauer Der große Blonde mit den Lachfalten

Rutger Hauer musste im Kino meist den Bösen spielen. Jetzt ist er mit 75 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

Träumen Androiden von elektrischen Schafen?, fragte Philip K. Dick in seiner berühmten Kurzgeschichte, auf der Ridley Scotts Science-Fiction-Klassiker „Blade Runner“ basiert. Wie sich im Film herausstellt, träumen sie von Einhörnern. Ob die Tränen eines Androiden salzig schmecken, beantwortete er hingegen nicht, dafür gab Scott dem Kino einen der stimmungsvollsten Filmtode. Der desertierte Replikant Roy Batty spricht, nur mit einer Unterhose bekleidet und völlig durchnässt, seine Abschiedsworte: „Ich habe Dinge gesehen, die würdet ihr Menschen nicht glauben. Brennende Schlachtschiffe über der Schulter des Orion. Ich sah das Schimmern in der Finsternis beim Tannhäuser Tor. All diese Momente werden in der Zeit verloren sein wie Tränen im Regen. Zeit zu sterben.“

Die Abschiedsworte schrieb er selbst

Nun hat auch der Schöpfer dieser Zeilen das Zeitige gesegnet. Wie am Mittwoch bekannt wurde, starb Rutger Hauer, der einzige Star von Weltformat, den das niederländische Kino hervorgebracht hat, bereits am vergangenen Freitag im Alter von 75 Jahren nach kurzer Krankheit im friesischen Beetsterzwaag. Hauer hat sich mit dem „Tränen im Regen“-Monolog sein eigenes Denkmal gesetzt. Ridley Scott erzählte später, wie sein Darsteller kurz vor Drehbeginn mit einem Notizzettel vor ihm stand. Er habe sich ein paar Gedanken für seine letzte Szene gemacht. Scott hörte zu und verwarf den Originaldialog. Der Rest ist Kinogeschichte.

Den Namen Rutger Hauer kann man im Grunde nicht ohne seinen Verbündeten, den Regisseur Paul Verhoeven, denken. Die beiden setzten in den 70er Jahren die Niederlande im Alleingang auf die Karte des Weltkinos. Der Liebesfilm „Türkische Früchte“ sorgte 1973 für erste Erschütterungen. Hauer und seine Partnerin Monique van de Ven vögelten sich durch Verhoevens Regiedebüt, das von einer wahrlich toxischen Beziehung handelt: Die Liebenden können nicht miteinander, aber auch nicht voneinander lassen. Die expliziten Nacktszenen und das libertäre Außenseitertum dieses „Bonny und Clyde“-Pärchens passten gut in das gesellschaftliche Klima der Niederlande, die kurz zuvor den Marihuanaverkauf legalisiert hatten.

Die Niederlande waren zu klein für ihn

Der blonde, blauäugige Hauer wurde mit seinen entwaffnenden Lachfalten zum Gesicht dieses neuen Hollands. Zum Sunnyboy ließ er sich aber nicht domestizieren. In kurzer Zeit drehten er und Verhoeven eine Reihe weiterer kontroverser Filme: Das historische Drama „Das Mädchen Keetje Tippel“ brachte seine Stars aus „Türkische Früchte“ erneut zusammen, „Der Soldat von Oranien“ wurde in der Heimat kritisiert, weil er vorsichtig die Rolle der Kollaborateure während der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg thematisierte, das Jugenddrama „Spetters“ löste Proteste wegen einer homosexuellen Vergewaltigungsszene aus. Danach bestand kein Zweifel, dass die Niederlande für Hauer zu klein waren. Mit seinem ersten Hollywood-Auftritt als Terrorist Wulfgar in „Nachtfalken“, an der Seite von Sylvester Stallone, lieferte er die Blaupause für den Typus des „Euro-Bösewichts“ in den 80ern.

Aber auch „Blade Runner“, seinerzeit ein Kassenflop, brachte Hauer kein Glück. Die Dekade gab ihm einige denkwürdige Rollen, als sanfter Ritter in der Fantasyromanze „Der Tag des Falken“ und als Psychopath par excellence in dem lehrbuchmäßigen Thriller „Hitcher – Der Highway-Killer“. Richtig angekommen ist er in Hollywood dennoch nie.

Zuletzt variierte er frühere Rollen

Man begann sich erst in den vergangenen Jahren wieder an Rutger Hauer zu erinnern: als Erscheinung eines Stars, der er auf dem Höhepunkt seiner Karriere nie sein durfte. In der B-Movie-Hommage „Hobo with a Shotgun“, in „Sin City“, in Til Schweigers „Knockin’ on Heaven’s Door“ und zuletzt im Western „The Sisters Brothers“ als skrupelloser Viehbaron spielte er Variationen früherer Rollen. Fanfilme für eine gute Seele im Filmgeschäft, die doch meist auf den Bösen abonniert war. Im Privatleben gründete Hauer eine AIDS-Stiftung und trat als Umweltaktivist auf. Darin unterscheidet sich die Karriere Rutger Hauers von einer Träne im Regen: Man wird den großen Blonden nie vergessen.

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