Luigi Reitani leitete bis 2019 das italienische Kulturinstitut in Berlin. Foto: Thilo Rückeis
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Nachruf auf Luigi Reitani Mit wachem Auge und feinem Humor

Der Literaturwissenschaftler und Hölderlin-Übersetzer Luigi Reitani hat den deutschsprachigen Kulturraum geprägt. Nun ist der Universalgelehrte gestorben.

Er war ein Gelehrter von europäischem Rang und zwischen Italien und Deutschland einer der großen kulturellen Brückenbauer. Darum erschüttert die Nachricht, dass der Autor, Übersetzer, Herausgeber und literarisch-künstlerische Impresario Luigi Reitani, der bis zum Herbst 2019 auch Direktor des Italienischen Kulturinstituts in Berlin war, am vergangenen Wochenende mit erst 62 Jahren gestorben ist.

Reitani lebte auch nach seinem Ausscheiden aus dem kulturdiplomatischen Dienst weiter mit seiner Familie in Charlottenburg. Als nunmehr wieder hauptberuflicher Professor für neuere deutsche Literatur der Universität Udine begann er gerade zwischen Berlin und Italien zu pendeln, als die Pandemie ihn ins Homeoffice zwang und er seine Vorlesungen per Video halten musste. Nun, nach einem Sommer der neuen Hoffnung und trotz zweimaliger Impfung, hat der Covid-Tod Reitani binnen zwei Wochen in einer Berliner Klinik ereilt.

Nicht nur in der zwischen Venedig und Triest gelegenen Stadt Udine, wo er auch mehrere Jahre das Amt eines höchst ambitionierten, damals von den rechten Kräften der Lega Nord bedrängten Kulturdezernenten versah, ist der Süditaliener Reitani dem alten habsburgischen und dem ganzen deutschsprachigen Kulturraum nahe gewesen.

Im apulischen Foggia 1959 geboren, hat er in Bari über Arthur Schnitzler und Sigmund Freud, über den Zusammenhang von Literatur und Traumdeutung promoviert und ist dann für sechs Jahre als Forscher und Journalist nach Wien gegangen. In Oxford entdeckte er einen unbekannten Brief Schnitzlers an Freud. Über Stationen in Basel und München spannte sich sein Radius immer weiter, von der Klassik bis in die deutschsprachige Gegenwart.

Seine Hölderlin-Übersetzung ist weltweit gepriesen

Vollendet hat Reitani als Herausgeber und Übersetzer in Berlin noch seine zweibändige italienische Hölderlin-Ausgabe. Diese 4000 Seiten, teilweise zweisprachig (wobei Reitani selbst die Gedichte und das dramatische „Empedokles“-Fragment mit poetischem Feinsinn übertragen hat), wurden 2019 in italienischen Zeitungen auf den Titelseiten gefeiert, so von Reitanis bedeutendem Kollegen Claudio Magris.

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Tatsächlich überstrahlt die im Mailänder Mondadori Verlag erschienene Edition mit ihrem Blick für die Rätsel und poetische Dichte Hölderlins fast alle deutschen und anderen internationalen Ausgaben. Doch auch auf den Spuren Goethes und Paul Celans, von Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek oder Ingeborg Bachmann ist Reitani mit diesem hellen Auge für das leicht zu Übersehende oder schwer zu Ergründende gewandelt. Als literarischer Flaneur von Walter Benjamins Karat.

Wir hatten uns lange vor seiner Berliner Zeit schon in Udine im Theater bei einer italienischen Kleist-Premiere seines Freundes Cesare Lievi kennengelernt. Luigi war ein sehr feiner Mensch, mit seiner Liebenswürdigkeit, seinem leisen Humor, seiner Geisteskraft und Herzensbildung. Der Regisseur und Dichter Cesare Lievi nennt seinen Tod jetzt einen „unermesslichen Verlust“. Für Italien und Deutschland.

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