Eric Carle und seine „kleine Raupe Nimmersatt (Archivbild von 2009) Foto: dpa/AP/Richard Drew
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Nachruf auf Eric Carle Seine „kleine Raupe Nimmersatt“ verzauberte ganze Generationen

Über 55 Millionen Mal wurde der Kinderbuchklassiker seit 1969 verkauft. Er war Ausdruck einer kindlichen Neugier, die Eric Carle sein ganzes Leben begleitete. Ein Nachruf.

Millionen von Kindern auf der ganzen Welt haben ihre Finger durch die Seiten gesteckt, die die gefräßige Raupe scheinbar auch nicht verschont hat, und ebenso viele Erwachsene werden das auch getan haben. 224 Wörter zählt das Original, das in mehr als 70 Sprachen übersetzt wurde und über 55 Millionen Mal verkauft worden ist. Es hat seinen Schöpfer weltberühmt gemacht.

Eric Carles Bilderbuch „Die kleine Raupe Nimmersatt“ ist ein Klassiker der Kinderliteratur, ein Buch, das Generationen verzaubert hat. Carles’ Idee mit den Löchern, die die Raupe auch durch das Buch fraß, war innovativ. Er erfand damit das Spielbuch, ein Buch, mit dem man mehr machen kann als es nur zu lesen oder zu betrachten. 1969 war das eine Revolution.

Carle wurde 1929 als Sohn deutscher Auswanderer in Syracuse in den USA geboren, doch 1935 hatte seine Mutter Heimweh und die Familie kehrte nach Stuttgart zurück. Dem Kunstlehrer fiel Carles’ Zeichentalent auf und er zeigte ihm Werke von damals verbotenen Künstlern, etwa Franz Marcs „Blaues Pferd“, für Carle ein prägendes Erlebnis. Mit 15 Jahren musste er Schützengräben ausheben. 1950 studierte er Typographie und Grafik in Stuttgart und kehrte alsbald in die USA zurück, wo ihm der Illustrator Leo Lionni einen Job als Graphikdesigner bei der „New York Times“ verschaffte.

Als GI kehrte Carle noch einmal für zwei Jahre nach Deutschland zurück. Das Grau, das Braun und das schmutzige Grün, mit dem die Nazis ihre Häuser getarnt hätten, habe in ihm eine Sehnsucht nach kräftigen Farben geweckt, hat er einmal erzählt. Nach seiner Militärzeit kehrte er 1954 zur „New York Times“ zurück, entschied sich aber 1963 für eine Karriere als freier Künstler.

Im Wartezimmer eines Arztes sah der Kinderbuchautor Bill Martin 1967 einen Hummer, den Carle für eine Anzeige in einer Fachzeitschrift gezeichnet hatte. Martin lud ihn ein, sein Buch „Brauner Bär, wen siehst denn du?“ zu illustrieren – im gleichen Jahr schuf Carle sein erstes eigenes Buch „1,2,3 ein Zug zum Zoo“, zwei Jahre später folgte dann „Die kleine Raupe Nimmersatt“. Carle, der die Collagen der Dadaisten liebte, kombinierte in seiner Kunst Formen aus buntem Seidenpapier, er klebte sie auf und kreierte so seinen unverwechselbaren Carle-Stil.

Über 70 Bücher hat Carle im Laufe seines Lebens geschaffen, 170 Millionen Exemplare wurden insgesamt verkauft. Aber damit nicht genug. Carle pflegte auch seine „art art“, wie er es nannte, seine „Kunst Kunst“, in der er das Prinzip Collage auf die Spitze trieb und alles nutzte, was ihm in die Finger kam: Aluminium, Seide, Glas, Papier und Schrott.

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Bei allem was er tat, ist Carle seiner kindlichen Neugier treu geblieben. Und die Raupe war für ihn immer ein Zeichen der Hoffnung, denn aus einer Raupe würde eines Tages ein bildschöner Schmetterling hervorgehen. Sein Vater habe ihn immer ermutigt, auf die kleinen Dinge des Lebens zu achten, seinen Kokon zu verlassen, sich zu entfalten. Das ist Carle bis ins hohe Alter gelungen.

2002 eröffnete er mit seiner zweiten Frau Bobbie das „Eric Carle Museum of Picture Book Art“ in Amherst, Massachusetts, das bis dato über 50 000 Kinder besucht haben und in dem Workshops stattfinden. Carle blieb bis ins hohe Alter kreativ – maßgeblich für ihn war das Urteil seiner kleinen Leser. „Viele Kinder haben zu Hause oder in ihren Klassen Collagen gefertigt. In der Tat haben manche von ihnen gesagt ,Oh, das kann ich'. Für mich ist das das größte Kompliment", zitiert ihn die "New York Times". Eric Carle ist in seinem Atelier in Northampton, Massachusetts, im Alter von 91 im Kreise seiner Familie gestorben.

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