Er war auch ein begehrter Dirigent und Lehrer. Krzysztof Penderecki (23. 11. 1933–29. 3. 2020) stand im Zentrum europäischer Musik. Foto: imago
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Nachruf auf den Komponisten Krzysztof Penderecki Polnische Psalmen

Pionier der Sakralmusik und Komponist der Musik von Horrorfilmen wie "Shining" oder "Der Exorzist": Zum Tod von Krzysztof Penderecki.

Jenseits der Popkultur gibt es nicht viele Künstler, deren Name einen derart internationalen Widerhall findet. Krzysztof Eugeniusz Penderecki ist so ein Name, auch wenn er Nicht-Polen schwer über die Zunge geht. Das Tempo, in dem die Nachricht von seinem Tod – nach langer schwerer Krankheit – am Sonntag um die Erde ging, zeugt von seinem Weltruhm.

Ein Mensch mit Widersprüchen

Penderecki war ein Mensch voller Widersprüche. Er vereinte Gaben, die man gemeinhin als Gegensätze darstellt. Er war ein Pionier der modernen ernsten Musik – vor allem der Sakralmusik, der er oft die lateinische Liturgie zugrunde legte – und zugleich ein Virtuose der populären Vermarktung. Das galt bereits, als sein Heimatland Polen noch hinter einem Eisernen Vorhang lag.

Er machte im Kommunismus Karriere und wurde zu einer Symbolfigur der Opposition. Manche beschreiben ihn als schwierigen, unnahbaren Charakter. Andere heben sein Interesse an jungen Menschen und seine Förderung des Nachwuchses hervor. Sie gipfelte in der Gründung des Europäischen Zentrums für Musik in Lutoslawice in Südostpolen.

Dort lebte er seit 1976 auf einem Gutshof im Stil des früheren polnischen Landadels.

In vielen seiner Werke und ihrer Benennung mischen sich religiöse und politisch-zeitgenössische Motive: „Aus Davids Psalmen“ (1959); „Threnos. Den Opfern von Hiroshima“ für 52 Saiteninstrumente (1960), wofür er den Preis der Unesco erhielt; „Polnisches Requiem“ für die Opfer der Arbeiterunruhen in Danzig 1970, uraufgeführt in Stuttgart 1984.

Er schrieb aber auch die Filmmusik für Kassenschlager wie „Der Exorzist“, „Shining“, „Fearless“ „Inland Island“, „Children of Men“, „Shutter Island“. Viermal gewann er einen „Grammy“.

Viele Werke ließ er in Deutschland uraufführen

Penderecki war auch ein Pionier der deutsch-polnischen Verständigung. Als viele Polen nach dem Krieg die Sprache der Henker nicht mehr über die Lippen brachten, nutzte er sein fließendes Deutsch für die Wiederannäherung. Von 1966 bis 1968 – es gab noch nicht einmal wieder diplomatische Beziehungen; die Kirchen hatten gerade erst mit der Ostdenkschrift der EKD und dem Briefwechsel der Katholischen Bischöfe tastende Schritte gemacht – ging er nach Essen und lehrte an der Folkwang-Hochschule.

Viele Werke ließ er in Deutschland uraufführen, darunter die Oper „Die Teufel von Loudon“ 1969 in Hamburg und, natürlich, die „Lukas-Passion“ zur 700-Jahr Feier des Doms von Münster. Er war regelmäßig Gast der Donaueschinger Musiktage und wurde 1988 erster Gastdirigent des NDR-Sinfonieorchesters.

Brüche, Leiden - Kunst

Widersprüche, Brüche, Ungleichzeitigkeiten – wie kann das auch anders sein angesichts der Zumutungen in Pendereckis Leben. Es überspannt die dunkelsten wie die hellsten Momente der jüngeren Geschichte Europas. Und wirft eine ewige Frage erneut auf: Welchen Anteil haben Leiden und Unterdrückung, das Aufbegehren dagegen wie ihre Überwindung an der Entstehung großer Kunst?

Penderecki wurde im Jahr der Machtergreifung Hitlers geboren: am 23. November 1933 in der südpolnischen Kleinstadt Debica im Karpatenvorland. Er wuchs in einem bürgerlichen Elternhaus mit großer Zuneigung zur Musik auf. Der Großvater war Bankdirektor, der Vater Rechtsanwalt; beide spielten Instrumente und komponierten. Die Einflüsse kamen aus West wie Ost. Eine Großmutter stammte aus Armenien. Trotz des Kriegsbeginns – er war da noch nicht einmal sechs Jahre alt – lernt er Klavier und Geige und wird in Komposition unterrichtet.

1955 nimmt ihn die Musikakademie Krakau auf. Das erste Studienjahr fällt noch in die Zeit des Stalinismus. Mit dem „Posener Frühling“ 1956 liberalisiert sich das akademische Leben vorübergehend; die Heimatkommunisten unter Wladyslaw Gomulka verdrängen den Moskau-treuen Flügel von der Macht.

Er schrieb auch Konzerte für Anne-Sophie Mutter

Penderecki erhält nach dem Abschluss 1958 einen Lehrauftrag als Professor. Und erste Preise für seine neuartigen Klangkompositionen. Zu deren Merkmalen zählen unter anderem Töne, die durch Klopfen auf die Holzkörper von Streichinstrumenten hervorgerufen werden. Sein Stil weckt das Interesse der jüngeren Generation und findet später auch international Anhänger unter dem Begriff „Postserielle Musik“.

Die Erfolge in Polen und – damals politisch bahnbrechend – in Deutschland öffnen dem Komponisten Penderecki eine zusätzliche internationale Karriere als Dirigent und Hochschullehrer. Von 1973 bis 1978 unterrichtet er in Yale. Bald kann er sich die Gastdirigate aussuchen. Er wird mit Preisen, Orden und Doktorwürden geehrt, von Washington bis Moskau, von Glasgow bis Seoul.

Prominente Solisten wie die Geigerin Anne-Sophie Mutter und der Cellist Mstislaw Rostropowitsch fühlen sich geehrt, als Penderecki Konzerte für sie schreibt. Die Einspielungen werden 1988 und 1999 mit „Grammies“ bedacht.

Ein Meister der Depression

Der Grundton in Pendereckis zahlreichen Werken – darunter acht Symphonien, vier Opern, ein Requiem und viele Chorwerke – ist dunkel und melancholisch, als wolle er Tod, Verzweiflung und Katastrophen in Musik ausdrücken. Der Musikkritiker der „New York Times“ schreibt, Penderecki sei „der geschickteste Lieferant von Angst, bösen Ahnungen und Depression“.

Da ist Penderecki, der frühe Versöhner, Europäer und Weltbürger, zugleich der Jünger einer prägenden polnischen Tradition. Er selbst hat über seine Musik in den Zeiten der kommunistischen Diktatur gesagt: Der Glaube an die Freiheit habe sich als Illusion erwiesen. Doch in Polen reicht diese künstlerische Haltung, die sich eng mit dem katholischen Glauben verbindet, weiter zurück. Schon in der Zeit, als das Land von 1772 bis 1918 zwischen Österreich, Preußen und Russland aufgeteilt war, war der Messianismus eine starke Strömung. Er stand für die Interpretation, dass Polen als Messias unter den Völkern stellvertretend leide, um die Erlösung für alle zu erreichen.

Späte Wende zum Lobgesang: auf den polnischen Papst

Andererseits hat Penderecki durchaus auf die Wende zur Freiheit 1989 reagiert. Und Werke unter dem Eindruck historischer Entwicklungen fortgeschrieben. Das „Polnische Requiem“, zum Beispiel, war anfangs ein „Lacrimosa“, ein Weinen um die 1970 in Danzig getöteten Arbeiter. 1984 wurde daraus die in Stuttgart uraufgeführte Messe. Penderecki machte 1993 und 2005 weitere Ergänzungen nach der friedlichen Wende sowie Polens Beitritt zur EU und dem Tod von Johannes Paul II. mit einem Lobgesang auf den „polnischen Papst“.

Auch Karol Wojtyla stammte aus einer Kleinstadt im südpolnischen Karpatenvorland, Wadowice, nur etwas weiter westlich. Ganz in der Nähe, in Krakau, ist Penderecki am Sonntag im Alter von 86 Jahren gestorben.

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