Gegen den Feind vereint. Aisling Franciosi und Baykali Ganambarr. Foto: Drop-Out Cinema
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Nach Venedig nun endlich in den Kinos Auf der dunklen Seite Tasmaniens

Till Kadritzke

In ihrem Film „The Nightingale“ erzählt Regisseurin Jennifer Kent eine grausame Geschichte aus dem Australien der 1820er Jahre.

Irgendwann steht Clare ihrem größten Peiniger endlich gegenüber und erklärt: „Die Frau, die du dir genommen hast, deren Mann und Kind du ermordet hast, ist schon lange tot. Und du kannst nicht töten, was schon gestorben ist.“ Es ist ein fast schon erhabener Moment in diesem Film, und ihn hier vorwegzunehmen, ist kein echter Spoiler, weil „The Nightingale“ sich der erzählerischen Struktur des sogenannten Rape-Revenge-Genres bedient.

Dass Clare (Aisling Franciosi) Lieutenant Hawkins (Sam Claflin) wiedersehen wird, das ist von Anfang an klar. Das Besondere an Jennifer Kents Version dieses Topos, das für gewöhnlich im Horrorfilm beheimatet ist: Die australische Regisseurin erzählt von sexueller Gewalt und weiblicher Rache im Modus des Westerns, vor dem historischen Hintergrund der sogenannten Black Wars, die in den 1820er Jahren einen Großteil der indigenen Bevölkerung Tasmaniens ausrotteten.

Die Jagd durch das ewige Dickicht geht über Tage

Kents Aufsehen erregender Debütfilm „Der Babadook“ war noch klassischer psychologischer Horror, mit ihrem zweiten Film wagt sich Kent nun gleich mehrfach nach draußen: vom Privaten ins Politische, von der Gegenwart in die Geschichte, vom intimen zum epischen Erzählen. Denn „The Nightingale“ ist nach seiner Exposition mit Clares Martyrium vor allem eine auf mehrere Tage gedehnte Jagd durchs ewige Dickicht.

Hawkins ist mit einer Crew auf dem Weg in die nächste Stadt, um seine Beförderung sicherzustellen, Clare ihm auf den Fersen, mit der Hilfe von Aborigine Billy (Baykali Ganambarr).

Das Verhältnis der beiden wird bald zum emotionalen Kern und zum politischen Fluchtpunkt des Films. Clare, die als irische Kleinkriminelle in die Kolonie verschleppt wurde, um ihre Strafe als Leibeigene des Lieutenants abzubüßen, will erst keinen Schwarzen mitnehmen, weil sie „nicht im Kochtopf landen will“. Billy hingegen will für keine weiße Frau arbeiten.

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Dass es bei der Feindseligkeit nicht bleibt, ist keiner Humanisierung geschuldet, die dem Kino oft etwas zu leicht von der Hand geht. Wenn Clare und Billy in lauernden Gesprächen am Lagerfeuer einander zunehmend erkennen, dann nicht als Menschen, sondern als je spezifisch Unterdrückte, mit einem gemeinsamen Feind.

Der Film gehört auf die große Leinwand - schon wegen der Landschaft

„The Nightingale“ porträtiert eine koloniale Ordnung mit so klaren wie komplexen Hierarchien, bleibt aber doch fest im Genrefilm verankert. Nach dem DVD- Start letzten Monat wird der Western nun auch in ein paar Berliner Kinos laufen, und auf die große Leinwand gehört er auch: Das enge Bildformat verweigert der Landschaft jedes Pathos, Aisling Franciosis Gesicht und ihr dunkles Racheengel-Kostüm scheinen einer viktorianischen Gothic-Fantasie zu entstammen. Aber die erdige Farbpalette holt den Film stets auf den morastigen Boden der Tatsachen zurück.

2018 lief „The Nightingale“ in Venedig. Kent war damals die einzige Regisseurin im Wettbewerb, was die Rezeption des Films ebenso überlagerte wie die Diskussionen um die explizite Gewalt. Vor allem im Hinblick auf die namenlosen indigenen Opfer kolonialen Terrors lässt sich tatsächlich fragen, ob der historisch verbürgte Schrecken, dem Kent Rechnung tragen will, auch als dieser Schrecken gezeigt werden muss, um poetische Gerechtigkeit zu erfahren.

[b-ware! Ladenkino, Zukunft (OmU)]

Andererseits durchkreuzt gerade die historische Erdung des Films jene Schaulust, die das Rape-Revenge-Genre trotz seines feministischem Potenzials immer wieder nährt. So ist zwar noch keine halbe Stunde des Films vergangen, da wird Clare zum dritten Mal vergewaltigt, während man ihr schreiendes Baby gewaltvoll und für immer zum Schweigen bringt. Zu sehen aber, und das ist schrecklich genug, ist eher eine Montage aus Gesichtern denn ein sexueller Akt, die gewaltvolle Herstellung einer Hierarchie.

Körperlicher ist da schon die blutige Rache, aber auch die schafft keine Erlösung. Am Ende geht die Sonne nicht unter, sondern auf, ein Bild des Aufbruchs, vielleicht. Oder geht einfach alles wieder von vorne los?

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