Drehmoment. Sasha Perera alias Perera Elsewhere kommt aus London und lebt seit 18 Jahren in Berlin. Foto: Joi Bix Photography/ Art direction Hugo Holger Schneider
© Joi Bix Photography/ Art direction Hugo Holger Schneider

Musikerin Perera Elsewhere im Porträt Mit Volldampf in die Schräglage

Perera Elsewhere mixt Minimal und Trip-Hop. Die Berlinerin spielt beim Festival Club Transmediale. Eine Begegnung.

Sasha Perera ist Londonerin. Und Berlinerin. Beides. In London wurde sie vor 40 Jahren geboren, in Berlin lebt sie seit 18 Jahren. Beiden Städten ist sie in einer Art Hassliebe verbunden. London nennt sie einen „Druckkessel“, eine Stadt, die sich dem „Hyperkapitalismus“ verschrieben habe und in der man stundenlang in der U-Bahn sitzen müsse, um von A nach B zu kommen. Gleichzeitig ist es die Stadt der hybriden Kulturen, von elektronischen Subgenres wie UK Garage, Future Bass und Dubstep, die sie als Musikerin geprägt haben.

In Berlin fährt sie Rad und fühlt sich weniger gestresst. Aber sie merkt hier stärker, dass sie eine andere Hautfarbe hat als die meisten anderen. Ihre Eltern kommen aus Sri Lanka und sind in den Siebzigern nach Großbritannien emigriert. „In London gibt es nur wenige Orte, an denen die Leute überrascht reagieren, wenn jemand mit meiner Hautfarbe auftaucht“, sagt sie. „In Berlin gibt es davon noch sehr viele.“ Perera wirkt bei diesem Thema nicht genervt, eher gelangweilt. Sie hat sich inzwischen daran gewöhnt, dass Berlin im Vergleich zu ihrer Geburtsstadt eine weniger bunte Stadt ist. „Es ist alles okay“, sagt sie, „ich bin noch da, es geht mir gut und ich werde nicht dauernd beschimpft.“ Und in ein paar Jahren, da ist sie sich sicher, werden dunkelhäutige Menschen in Berlin auch nicht mehr angeglotzt, als seien sie Außerirdische oder Drogendealer.

In den nuller Jahren war sie Mitglied von Jahcoozi

Man trifft sich mit ihr im Südblock Kreuzberg, ganz in der Nähe ihrer Wohnung. Sie spricht super Deutsch, streut gelegentlich ein paar englische Begriffe ein. Gerade ist sie zurück aus der Elfenbeinküste, wo sie einen Musikworkshop gegeben hat. Das macht sie hin und wieder, überall in der Welt, auch das Goethe-Institut hat sie bereits mehrfach eingeladen. Perera ist DJane, Sängerin und Produzentin von elektronischer Musik, seit bald 15 Jahren im Geschäft.

In den nuller Jahren war sie Mitglied von Jahcoozi. Das Berliner Trio klang mit seiner abstrakten Mischung aus Dancehall, Hip-Hop und Elektronik schon eher nach London als nach Berlin. Jahcoozi waren schnell ziemlich erfolgreich und gaben international Konzerte. Nach dem Ende der Band machte Perera solo weiter, vor allem unter ihrem Künstlernamen Perera Elsewhere. Als Perera Anderswo ließe sich dieses Alias übersetzen. „Das bezieht sich darauf, dass ich eigentlich nie irgendwo wirklich zu Hause bin. Und ich mich immer frage – egal wo ich gerade bin –, warum bin ich eigentlich nicht woanders“, erklärt sie.

Bei Jahcoozi war sie hauptsächlich Sängerin, inzwischen produziert sie auch ihre Musik selbst in ihrem Kreuzberger Studio. Bei ihren Auftritten präsentiert sie sich entweder alleine auf der Bühne oder tritt zusammen mit einem Bassisten und einem Drummer auf. So wie jetzt, beim Jubiläumsprogramm zum zwanzigjährigen Bestehen des Musikfestivals Club Transmediale, das am heutigen Freitag beginnt. Im letzten Jahr war Perera schon mit einem DJ-Set vertreten. Ihre schwer zu kategorisierende Musik, die Einflüsse aus vielen Genres aufnimmt, passt gut zu diesem Festival, das stets auf der Suche nach ungewöhnlicher elektronischer Musik ist.

Wenn man sie fragt, wie sie selbst ihren eigentümlich somnambulen Sound nennen würde, sagt sie: „schräge Popmusik“. Die Stimmung auf ihrem bislang letzten Album mit dem Titel „All Of This“ ist ziemlich düster. Trip-Hop-artig werden die Klänge verschleppt, mal erklingt eine Orgel, dann eine gestopfte Trompete, gespielt von Perera selbst, die dabei an den große Fusion-Trompeter Jon Hassell erinnert. Man hört bei diesem Hybridsound Einflüsse von Dupstep genauso heraus wie von klassischer Minimal Music. Dazu singt Perera betont ausdruckslos. Die melancholische Grundstimmung, die dabei entsteht, kriegt man gar nicht so richtig verbunden mit der Sasha Perera, die vor einem im Südblock Kreuzberg sitzt. Denn die ist aufgekratzt, fröhlich und lustig.

Die Musikkulturen von London und Berlin sind eng verflochten

Die Musik von Perera Elsewhere mag in Berlin entstehen, aber sie kommt von überallher. Sasha Perera bezeichnet sich selbst als Musiknerd, sie hört alles von afrikanischem Psychedelic-Rock über Brian Enos Ambient bis hin zu den Klangexperimenten eines Christian Fennesz. All diese Einflüsse fließen in irgendeiner Form in ihre eigene Musik ein. Und Perera hält natürlich ihre permanente Standleitung zum vibrierenden Musikgeschehen Londons. Diese Leitung gab es schon, als sie Ende der Neunziger für ihr Studium in den Fächern Europapolitik und Deutsch erst in Köln landete, bevor sie dann nach Berlin weiterzog. Bereits in Köln ging sie auf Drum’n’Bass-Partys, Events, bei denen eine typische Londoner Musikkultur zelebriert wurde. Nach ihrem Umzug nach Berlin hat sie Grimepartys mitorganisiert und so eine Londoner Form von Hip-Hop importiert. „Diesen Austausch zwischen London und Berlin gibt es weiterhin“, sagt sie. „Die Musikkulturen beider Städte sind eng miteinander verflochten.“ Britische Bassmusik, Soundsystems, wie man sie im von jamaikanischer Musikkultur geprägten London findet, all das lässt sich auch in Berlin finden, sagt sie, etwa im Club Gretchen oder der Griessmühle. „Es gibt letztlich viel mehr in Berlin als immer nur David Bowie und Techno.“

Sie hat hohe Erwartungen an Berlin

Gerade ist sie dabei, die deutsche Staatsbürgerschaft zu erwerben. Den Einbürgerungstest hat sie bereits bestanden, „29 von 33 Fragen habe ich richtig beantwortet.“ Kommt ihr Antrag vor dem Brexit durch – wann immer der kommen mag –, darf sie ihren britischen Pass auch als frischgebackene Deutsche behalten. Ihre Einbürgerung ist durchaus bereits ein Brexit-Effekt. Als Musikerin muss sie viel reisen und ein deutscher Pass wird das für manche Visa einfacher machen als ein britischer nach dem Brexit.

Das Brexit-Votum selbst habe sie nicht so sehr überrascht, sagt sie. „Ich war viel schockierter darüber, dass die AfD in das Berliner Abgeordnetenhaus eingezogen ist, das habe ich viel persönlicher genommen.“ Je präsenter die AfD, desto stärker das Elsewhere-Gefühl. „Ich habe hohe Erwartungen an Berlin“, sagt Perera, „ich bin schließlich hierhergezogen, weil ich dachte, hier gibt es ein besseres Leben.“

Konzert beim CTM-Festival am 2.2., 19.30 Uhr im Festsaal Kreuzberg

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