Gefühl und Power. Die Berliner Musikerin J. Lamotta, 28, bastelt ihre eigenen Beats. Foto: Jakarta Records
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Musikerin J. Lamotta im Porträt Ein Spatz sucht die Sonne

Ken Münster

Die Wahlberlinerin J. Lamotta hat Jazzgesang studiert und produziert ihre soulige Musik selbst. Jetzt spielt sie auf dem X-Jazz-Festival. Eine Begegnung.

Es nieselt in Kreuzberg. Eigentlich sollte an diesem ruhigen Nachmittag die Sonne rauskommen, sie will aber erst mal in Deckung bleiben. Also tut es als Treffpunkt auch ein Café im Bergmannkiez. J. Lamotta nimmt es gelassen. Fünf Jahre schon ist Berlin ihr Lebensmittelpunkt, doch garantiert nicht für ewig. „Ich kann hier keine Wurzeln schlagen. Dafür ist es einfach zu kalt in dieser Stadt!“, sagt die Musikerin, die in Tel Aviv aufgewachsen ist. Dort sind es gerade sonnige 21 Grad.

Sie ist aus Schöneberg hergefahren, im Deutschlandfunk Kultur hat sie ihr gerade erschienenes Album „Suzume“ präsentiert. Auch darauf widmet sie sich dem Thema: „Where’s The Sun In Berlin?“ heißt ein Track. Doch statt über das Wetter zu jammern, besingt sie darin ein Arbeitsethos, das das Schöne im Spontanen und Fehlerhaften sucht und auf ihre Erdung im Jazz verweist: „Perfection is so far out of style. I would much rather do mistakes with a smile“. Unter ihren Vocals strahlen rhythmische Keyboardflächen auf dem Offbeat, daran schmiegt sich der Bass an und löst sich wieder, auf der Zwei und der Vier stolpern trockene Claps, dann komplettieren die schaukelnden Drums den Groove. Neo Soul heißt das Genre, in dem die Musik J. Lamottas meistens verortet wird: zeitgenössischer Soul, gespeist von den samplingbasierten Produktionstechniken des Hip-Hop und seiner torkelnden Schlagzeugästhetik.

Mit „Suzume“ kommt die 28-Jährige zum sechsten X-Jazz-Festival, das von Mittwoch bis Sonntag in Berlin stattfindet. Die Platte ist für J. Lamotta, deren Künstlerinnenname auf den Boxer Jake La Motta alias The Raging Bull verweist, gleichzeitig eine Rückbesinnung und eine neue Herausforderung. „Mit 15 Jahren stellte ich mir vor, die zweite Billie Holiday zu werden“, erzählt sie. Damals studierte sie noch Jazzgesang am Konservatorium in Tel Aviv, war aber schon bald frustriert. Der kanonisierte, klassische Jazz der 50er und 60er engte sie ein, während sich ihre Interessen ausweiteten: „Warum redet keiner über Mal Waldron oder Sun Ra?“ Sie stellte fest, dass ihre vom Jazzkanon übersehenen Lieblingskünstler eines verband: Sie forschten alle nach ihrem eigenen Sound, abseits der Akademie. Also entschied sie sich gegen ein Jazzstudium an der prestigeträchtigen New School in New York und fing stattdessen an, Beats zu bauen, tauchte in R’n’B und Soul ein – und zog nach Berlin.

„Suzume“ dokumentiert eine neue Etappe von J. Lamottas Schaffen. Hatte sie auf ihrem Debütalbum „Conscious Tree“ von 2017 noch ganz auf ihre eigenen Beats gesetzt, die sie zu Hause am Computer produzierte, ist das neue Werk das Ergebnis einer kollektiven Arbeit. Seit drei Jahren hat J. Lamotta eine Band, mit der sie Live-Versionen ihrer Songs spielt. Jetzt ist sie mit dem Ensemble zum ersten Mal auch ins Studio gegangen. Bläser und Streicher arrangieren, die Rhythmusgruppe anleiten, ihre Soundvorstellung kommunizieren. „Die Herausforderung, diesen organischen Band-Sound zu präsentieren, war für mich wirklich groß. Aber damit geht ein Lebenstraum in Erfüllung“, sagt sie. Aus eigener Tasche hat sie Sessions in vier Studios bezahlt.

Frauen-Klischees gibt es auch in der Jazzszene

Das Ergebnis ist kohärenter als der Vorgänger. Rhodes-Keyboard, Bass, Schlagzeug und die vielfach mit Overdubs versehenen Gesangsparts von J. Lamotta bilden das sonore Grundgerüst. Sofort werden Assoziationen an die frühen nuller Jahre geweckt, als eine Handvoll wegweisender Alben die Popmusik nachhaltig veränderte. Man muss an „Mama’s Gun“ von Erykah Badu denken oder an D’Angelos „Voodoo“. So macht etwa Bassist Martin Buhl seinem Vorbild, dem stilprägenden Bass von Pino Palladino auf „Voodoo“, alle Ehre. Bläser und Streicher tauchen hier und da dezent auf, und auch die Instrumentalsoli werden nicht zum Selbstzweck, wie es im Jazz der Fall wäre.

Dass J. Lamotta alle ihre Songs selbst schreibt, die Beats produziert, zu denen sie singt und rappt und die meisten Instrumente selber einspielt, ist für sie eine Selbstverständlichkeit. Doch sowohl in der Hip-Hop- und auch in der Jazzszene werden Frauen immer noch anders behandelt. „Eigentlich ist es ganz simpel: Frauen können ebenso Musik kreieren in diesen Genres“, stellt sie mit einem Achselzucken fest. Doch als Sängerin muss sie immer wieder mit denselben Klischees kämpfen. „Wow, du produzierst deine Tracks alle selber?“, sei eine typische Reaktion auf ihre Art, Musik zu machen. „Das ist vielleicht nett gemeint, hören muss ich es aber nicht.“

Live braucht sie nur einen Sampler und ein Mikrofon

Und wie geht es jetzt weiter für J. Lamotta? Womöglich zieht sie bald weiter. Soul und R’n’B seien nicht so populär in der deutschen Hauptstadt, das sieht sie auch an den Streamingzahlen, die Spotify ihr liefert. London, New York, Japan – dort sitzen viele ihrer Fans. Die Bar-Jobs, die sie gemacht hat, braucht sie seit einem Jahr nicht mehr. „Jetzt habe ich diesen kreativen Freiraum“, sagt sie. Dafür arbeitet sie hart und tourt viel. Mindestens drei Mal im Jahr ist sie unterwegs, gibt Konzerte in den verschiedensten Ecken der Welt. Dass sie Beatbauerin und Sängerin zugleich ist, hilft ihr auch in ganz pragmatischer Hinsicht: Sie ist bei ihren Performances völlig unabhängig. Einen Roland- Sampler, mit dem sie ihre Tracks abspielt und live arrangiert, und ein Mikrofon. Das ist alles, was sie auf der Bühne braucht.

Mittlerweile ist sogar die Sonne über Kreuzberg herausgekommen. Ein Spaziergang durch die Hasenheide ist eine gute Gelegenheit für die letzte Frage: Was hat es mit dem Albumtitel auf sich? Denn J. Lamotta hängt das Wort „Suzume“ – auf Japanisch „Spatz“ – auch immer wieder an ihren Künstlernamen, etwa auf dem aktuellen Albumcover. Dann jedoch in der Originalschrift, drei japanischen Zeichen. „Ich habe eine Kurzgeschichte geschrieben, die zwischen Berlin und Tel Aviv spielt. Über ein Erlebnis, das mir diesen Namen gab“, erklärt die Musikerin. Mehr will sie aber nicht verraten – im Booklet kann man die Geschichte lesen und herausfinden, was es damit auf sich hat. Oder sie am Freitag persönlich fragen, wenn sie die neuen Songs auf dem X-Jazz-Festival vorstellt.

X-Jazz Festival, 8. bis 12. Mai, J. Lamotta: 10. Mai, 20 Uhr, Privatclub

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