Ravi Sund Rojo ist mit seinem Lehrer Dominique Sertel online verbunden. Foto: Antonia Stermann
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Musik lernen in der Pandemie Das klingende Klassenzimmer

Bruno Gaigl

Fernunterricht ist an Musikschulen mittlerweile zum Alltag geworden - doch beim Datenschutz gibt es noch Probleme.

An der grünen Wand hängen Familienfotos, Blumen dekorieren den Raum. Ravi Sund Rojo hat seine Kamera so aufgebaut, dass man ihn von Kopf bis Fuß sehen kann. Der Unterricht beginnt mit Gesangsübungen – die Tonleitern. Lehrkraft Dominique Sertel singt vor und begleitet auf dem Klavier: „Haaaleeeluuuhhuuuujaaaaaa!“ Anschließend steigt Sund in die Übung ein. Mit seiner linken Hand geht er beim Singen auf imaginären Stufen die verschiedenen Töne mit.

Dominique Sertel war professioneller Sänger bis er vor neun Jahren anfing, Gesang an der Leo-Borchard-Musikschule in Steglitz-Zehlendorf zu unterrichten. Mit dem 20-jährigen Ravi Sund Rojo, der sich momentan für ein Studium an der Musikhochschule vorbereitet, arbeitet er schon seit präpandemischen Zeiten zusammen.

Das Coronavirus zwang die beiden, ihren Unterricht auf die digitale Ebene zu verlegen. „Der Online-Unterricht funktioniert gut. Das liegt aber auch daran, dass wir uns schon vom Präsenzunterricht kennen. Die Tonqualität ist natürlich nicht die gleiche.“ Weil er seinen Schüler aus früheren Zeiten kenne, wisse er, wie Ravi auf bestimmte Dinge reagiere. „Das hilft mir sehr“, sagt Sertel.

Dass der Online-Unterricht auf diesem Niveau überhaupt möglich ist, verdankt Sertel einer neuen Plattform, die speziell für die Übertragung von Ton und Gesang entwickelt wurde. „Gerade der Gesang ist ein extrem anspruchsvolles Medium. Klassische Stücke sind vergleichsweise sehr laut. Außerdem sind viele Obertöne dabei.“ Skype, Zoom oder Facetime sind so programmiert, dass sie besonders hohe Töne einfach herausfiltern, erklärt Sertel. „Je lauter gesungen wird, desto weniger hört man.“ Deshalb sei es wichtig, einen Übertragungsweg zu haben, mit dem man ungefähr wisse, was auf der anderen Seite passiert.

Größte Herausforderung: die technische Ausstattung

Der 54-jährige Christian Schommartz sieht in Tools wie Sirius eine neue und gute Perspektive für den Online-Musikunterricht. Ein reibungsloser Ablauf wie bei Sertel und Sund ist allerdings nicht die Regel. „Die größte Herausforderung sind nach wie vor die technischen Voraussetzungen, die wir vor allem auf der Seite der Schülerinnen und Schüler schwer steuern können“, so der staatlich geprüfte Klavierlehrer und Diplom-Pianist, der seit Oktober 2019 die Leo-Borchard-Musikschule leitet.

Defizite beim Setup können vor allem bei den neuen Videokonferenzsystemen, die sich noch in der Entwicklungsphase befinden, schnell zu Störungen führen. Um auch mit weniger Ausstattung eine einigermaßen stabile Verbindung aufbauen zu können, müssen Lehrkräfte und Schüler in solchen Situationen oft notgedrungen auf gängige Plattformen zurückgreifen.

Diese wurden aber von der Berliner Datenschutzbeauftragten als bedenklich eingestuft. Auf Vorschläge zu realistischen Alternativen warten die Musikschulen mittlerweile seit vergangenem Juli, als die zuständige Behörde einen offiziellen Bericht zu geprüften Konferenzsystemen veröffentlichen ließ.

Da Schulen wie die Leo-Borchard-Musikschule aus öffentlichen Geldern finanziert werden, ist für die offizielle Nutzung eines Systems eine positive Einstufung seitens der Datenschutzbehörde unerlässlich. „Stellt die Schule oder Institution keine ausgewählte und geprüfte Anwendung zur Verfügung, stehen Lehrkräfte und Schüler vor einer Herausforderung“, meint Astrid Auer-Reinsdorff, Fachanwältin für IT-Recht.

Fernunterricht wird nach Corona bleiben, als Ergänzung

Wählt die Lehrerin oder der Lehrer das System individuell aus und verwaltet die Nutzerdaten, so müsse sie alle technischen und organisatorischen Anforderungen sowie die Nutzungs- und Datenschutzbestimmungen prüfen. „Hat aber die Schule ein Tool ausgewählt, darf sich die Lehrkraft darauf verlassen, dass dies den Datenschutzanforderungen grundsätzlich entspricht.“ Der einheitliche Einsatz eines Videokonferenzsystems an den Berliner Musikschulen würde den Lehrenden ihre Arbeit aus dem Homeoffice demnach um einiges erleichtern.

Schulleiter Schommartz hofft, dass es in dieser Diskussion zu einer baldigen Lösung kommt. „Nach Klärung aller technischen und datenschutzrechtlichen Fragen wird der Online-Musikunterricht als eine hilfreiche Ergänzung zum Alltag von musikpädagogischen Einrichtungen gehören“, vermutet er. „Schon vor der Pandemie haben wir uns an der Leo-Borchard-Musikschule intensiv mit digitalen Möglichkeiten des Musikschulunterrichts befasst. Von daher hat uns die Pandemie nicht ganz unvorbereitet getroffen.“ Dennoch freut es ihn, dass der Diskurs über die Bedeutung von Digitalisierung in der Musikpädagogik nun Fahrt aufgenommen hat.

Auch Dominique Sertel findet, dass Plattformen wie Sirus durchaus Potential haben, über die Pandemie hinaus integraler Bestandteil des Musikunterrichts zu werden. Viele Lehrkräfte gingen damit schon fast routiniert um, auch die Akzeptanz auf der Seite der Schülerinnen und Schüler ist groß. „Ich bin natürlich froh, wenn ich wieder Präsenzunterricht machen kann. Aber wenn mal jemand verhindert oder in einer anderen Stadt ist, denke ich, kann auch in Zukunft auf den Online-Unterricht zurückgegriffen werden“. Nur Online-Unterricht sei aber auf Dauer unbefriedigend, denn dabei gehe der menschliche Faktor verloren. Der kehrt hoffentlich bis zum Sommer 2022 wieder zurück. Denn dann ist Ravi Sund Rojos Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule.

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