Montserrat Caballé im Konzerthaus Wien 2011 Foto: REUTERS
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Montserrat Caballé gestorben Die Diva mit dem Gänsehaut-Pianissimo

Liebesgrüße aus Barcelona: zum Tod der großen katalanischen Sopranistin Montserrat Caballé

Sie war wohl die einzige Butterfly, die ihren Pinkerton ein Leben lang behalten durfte. Im Winter 1963 sang Montserrat Caballé zusammen mit dem Tenor Barnabé Martì in Puccinis Oper – und wurde von ihm auf der Bühne so leidenschaftlich geküsst, dass sie bald einwilligte, ihn zu heiraten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat diese Künstlerehe gehalten, kurz vor seinem 90. Geburtstag musste sich Barnabé jetzt von seiner Montserrat verabschieden. In der Nacht zum Samstag ist die große katalanische Sopranistin in ihrer Heimatstadt Barcelona gestorben, 85-jährig. Im April noch war sie in Kiew aufgetreten. Denn sie mochte, sie konnte einfach nicht von der Bühne lassen. „Ich gehöre zur Musik und die Musik gehört zu mir. Es ist etwas, das ich nicht ablegen kann.“

Der Karrierestart war hart

Hart musste sich die 1933 geborene Katalanin ihren Ruhm erkämpfen. Die Eltern haben ihr Hab und Gut durch den spanischen Bürgerkrieg verloren, nur dank einer Mäzenin kann die hochbegabte Tochter ihr Studium an der Musikhochschule von Barcelona abschließen. Als Allzweck-Solistin ist Montserrat Caballé zunächst an mittleren Stadttheatern engagiert, von 1956–59 in Basel, anschließend bis 1962 in Bremen. Hier träumt sie von einer Karriere mit den großen Verdi-Rollen. Der internationale Durchbruch gelingt 1965 dann aber mit einer Donizetti-Rarität, als sie in New York für die berühmte Marilyn Horne als „Lucrezia Borgia“ einspringt. Danach wollen sie die Opernhäuser am liebsten nur noch für Belcanto buchen.
Auch wenn sie sich in ihrer langen Karriere 90 verschiedene Rollen erarbeitet hat, in Puccinis „Turandot“ nicht nur die Liù, sondern auch die Titelrolle gesungen, ja sich sogar an Richard Strauss’ „Salome“ gewagt hat –<TH>in die Musikgeschichte ist sie mit ihren Belcanto-Einspielungen aus den späten sechziger und frühen siebziger Jahren eingegangen.

Zur Perfektion gesteigerte Pianissimokultur

Da betört sie mit einer Stimme von seltener Schönheit, sanft, sinnlich und koloraturgewandt, mit einer zur Perfektion gesteigerte Pianissimokultur. In Höhenregionen, die andere nur mit Mühe und Nachdruck erreichen, vermag sie die Töne sanft anzusetzen, dann ebenmäßig abzudimmen und schließlich sogar hauchzart verklingen zu lassen.
In Sachen Belcanto, so hat sie es selber formuliert, ging sie durch Türen, die Maria Callas zuvor geöffnet hatte. Wo sich die Griechin allerdings in flammendem Begehren verzehrte, beglückte Montserrat Caballé das Publikum mit makellosem Schönklang und ätherischer Leichtigkeit.
Stets sah „La Montse“ihre Fans als echte Freunde an, mit denen sie gerne Zeit verbringt. Dank ihrer naiv-lebensbejahenden Art und einer unglaublich ansteckenden Lache berührte sie mit jedem Auftritt noch tiefer die Herzen ihrer Anhänger. Zu denen auch „Queen“-Sänger Freddie Mercury gehörte: Ihr 1987 entstandenes Duett „Barcelona“ avancierte 1992 zur Hymne der Olympischen Spiele in Montserrats Heimatstadt.
Ihr Humor und ihr perfektes Deutsch machten die Diva hierzulande auch zum attraktiven Gast in Talkrunden, im ZDF moderierte sie die Sendung „Stars von morgen“. Auch vor Freiluftkonzerten hatte sie keine Scheu, bei „Classic open air“ auf dem Berliner Gendarmenmarkt trat sie gleich mehrfach auf, 1993, 1999 und 2004, sang sogar mit spanischem Akzent „Das ist die Berlinerrr Luft“.

Zuletzt war nicht mehr viel vom alten Glanz geblieben

Nur wenig war zuletzt vom legendären Zauber ihrer Stratosphärenstimme noch übrig. Mit Bühnenpräsenz und geschickt verhauchten Tönen vermochte sie viel zu überspielen, bei einem Liederabend 2007 in der Philharmonie aber sprach nur noch die Mittellage an, schnelle Tempi waren nicht mehr drin. Das wusste sie selber natürlich am besten und wählte darum vor allem Abseitiges, den Barockkomponisten Nicolò Piccinni statt Giacomo Puccini, französische Salonmusik, spanische Zarzuelas. Ein kluger Schachzug, um auszuschließen, dass man ihre Versionen mit Interpretationen anderer Künstler verglich – oder womöglich gar mit ihren eigenen Aufnahmen aus goldenen Zeiten.

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