Zwei Mütter. Robin Lyn Gooch (l.) und Brigitte Grothum. Foto: DerDehmel/Urbschat
p

„Monsieur Claude und seine Töchter“ im Theater Ach, was sind wir tolerant

0 Kommentare

Beseelt vom Schaumkuss-Geist: Das Schlosspark Theater bringt den französischen Kinohit „Monsieur Claude und seine Töchter“ auf die Bühne.

Der Witz geht so: Ein verknöcherter alter Franzose und seine Frau haben vier Töchter. Die eine ist mit einem Moslem, die nächste mit einem Juden und die dritte mit einem Chinesen verheiratet. Eine harte Probe fürs konservative Gemüt. Weil Claude und Marie Verneuil selbst nämlich weiß und katholisch sind, das sollte man vielleicht dazusagen. Als nun die vierte Tochter ihre Verlobung verkündet, scheint es endlich ein Schwiegersohn nach Wunsch zu werden. Charles heißt er, wie de Gaulle, und den rechten Glauben hat er obendrein. Aber ach – er ist schwarz! Jetzt wird es den braven Eheleuten Verneuil, pardon, wirklich zu bunt. Es braucht viel Streit, Schnaps und gemeinsames Getrommel mit Charles’ afrikanischen Eltern, bis sich die Erkenntnis durchsetzt, dass der Untergang des Abendlandes vorerst ausbleibt.

Was nicht von ungefähr klingt wie die Mario-Barth-Variante von Lessings Ringparabel, war 2014 in Frankreich als Filmkomödie „Monsieur Claude und seine Töchter“ („Qu’est-ce qu’on fait au Bon Dieu?“) ein gigantischer Hit mit über zehn Millionen Zuschauern. Seit 2016 erfreut sich die interkulturelle Clash-Geschichte auch in deutschsprachigen Privattheaterkreisen einiger Beliebtheit. Regisseur Philip Tiedemann bringt sie jetzt im Schlosspark Theater auf die Bühne, und vielleicht fangen wir mit der guten Nachricht an: Das Haus, das vor ein paar Jahren die große Blackfacing-Debatte angestoßen hat (mit einem bemalten Joachim Bliese und der Begründung, es sei kein geeigneter schwarzer Schauspieler gefunden worden), lässt diesmal den Schminkkasten geschlossen.

Auf der anderen Seite gibt es diese Szene, in der sich Patriarch Claude (Peter Bause) und André Koffi (Errol Trotman Harewood), Charles’ von der Elfenbeinküste stammender Vater, beim gemeinsamen Angelbesäufnis näherkommen und über einem „Schaumkuss“ die überschießende politische Korrektheit unserer Tage verlachen. Hey, ein paar N-Wörter haben noch keinem geschadet! Hausherr Dieter Hallervorden im Publikum amüsiert sich köstlich, aber der hat ja auch in der U2 mit Begeisterung die Station „Mohrenstraße“ angesagt. Kurzum: Von diesem Schaumkuss-Geist ist „Monsieur Claude“ beseelt. Der Film war schon schrecklich, die Bühnenfassung von Stefan Zimmermann macht’s keinen Deut besser.

Kopfschütteln über den koscheren Halal-Truthahn

Die Familienposse segelt unter dem Banner eines windigen Toleranzbegriffs, der vor allem meint, dass es eine ziemliche Leistung für vermögende weiße Menschen bedeutet, komische Fremde zu akzeptieren, obwohl sie zum Beispiel Chinesen sind und „Schwiegelpapa“ sagen. Keine dankbare Rolle für Maverick Queck. Was, nebenbei, genauso für sämtliche Parts der titelgebenden Töchter gilt (von Berrit Arnold, Birge Funke, Lisa Julie Rauen und Melanie Isakowitz gespielt), über die man erfährt, dass sie gerne heiraten.

Zum Thema Moslems und Juden fällt dem Stück ein, dass die kein Schweinefleisch essen und ihre Kinder beschneiden. Großer Lacher, wenn Monsieur Claude die Vorhaut seines Enkels in einer Box überreicht bekommt. Allerdings sind weder Abderazak (David A. Hamade) noch Abraham (Oliver Dupont) so religiös, dass es den Komödienfrieden stören würde. Auf dem Plakat des Schlosspark Theaters ist der jüdische Ehemann trotzdem mit Kippa und Schläfenlocken markiert, sicher ist sicher. Jedenfalls: Über den koscheren beziehungsweise den Halal-Truthahn, den Mutter Marie (Brigitte Grothum) toleranzhalber auftischt, schütteln die Schwiegersöhne nur den Kopf.

Mit der Ankunft von Charles (Philip Bender) und seiner Familie (mit Robin Lyn Gooch als Mutter) kommt die Reproduktionsmaschine der Vorurteile und Klischees dann erst so richtig in Schwung. Stichwort: afrikanische Sangesfreude und Rhythmus im Blut. Regisseur Tiedemann spult das alles mit braver Ergebenheit runter, bis zum grob angenagelten Ende, wo sich alle lieb haben. Was soll man sagen? Ein schlechter Witz.

Nächste Vorstellungen: 14. bis 23. 12., 20 Uhr, weitere im Januar und Februar

Zur Startseite