Hält nichts von „weiblicher Selbstüberhöhung“. Die Berliner Schriftstellerin Monika Maron, 79. Foto: Jonas Maron/S. Fischer
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Monika Marons Roman "Artur Lanz" Das Unglück der Männer

Monika Maron hadert in ihrem literarisch verunglückten Roman „Artur Lanz“ mit dem postheroischen Zeitalter, dem Feminismus, dem Klimawandel und der Migration.

Es geschieht nach gut zwei Dritteln dieses neuen Romans von Monika Maron. Die Ich-Erzählerin Charlotte Winter kommt von einer abendlichen Verabredung mit ihrer besten Freundin Lady, denkt beim Heimweg durch das nächtliche Berlin über deren Satz nach, ob sie, Charlotte sich selbst nicht allmählich komisch vorkomme, als sie plötzlich Schritte hinter sich vernimmt, unverkennbar die eines Mannes. 

Gott sei Dank, stellt sie fest, sind es die eines „hellhäutigen Mannes von dreißig oder vierzig Jahren.“

Gleich darauf fällt Winter ein, dass sie mal gelesen hat, wie dem schwarzen Bürgerrechtler Jesse Jackson dasselbe widerfahren sei, in New York oder Washington, und wie erleichtert dieser sich gezeigt habe, dass der Mann hinter ihm ein Weißer war: „Sein Gefühl, so realistisch es war, hat ihn beschämt. So ähnlich ging es gerade mir.“

Die Beschämung mag Charlotte Winter schützen. Sie ändert nichts daran, dass allein der Vergleich mit Jesse Jackson ein schiefer ist, mit der Erleichterung, es mit „einem hellhäutigen Mann“ zu tun zu haben, recht unverblümt rassistische Vorurteile gepflegt werden. Reicht nicht einfach ein Mann? Gerade vor dem Hintergrund des Romanthemas?

Denn im Zentrum steht das Verschwinden des Heldentums aus unserer postheroischen Gegenwart und die dennoch gleichzeitig weiterhin zu spürende Sehnsucht nach Helden und Heldinnen. „Wer sich nicht bedroht fühlt, braucht keine Helden, das war klar, aber wie konnte es sein, dass sie in allen Zeiten vor uns gebraucht und geliebt wurden, dass sie in Märchen und Legenden ein ewiges Leben führten und ausgerechnet mit uns die heldenlose und heldenunbedürftige Zeit angebrochen sein wollte?“

Das fragt sich Marons Erzählerin mehrmals. Allerdings hat man nicht nur bei diesem Satz den Eindruck, dass zwischen Charlotte Winter und Monika Maron kein Blatt Papier, kein voneinander differierender Gedankengang passt, von wegen Figurenrede und Rollenprosa, die in solchen Fällen gern eingeklagt werden.

Maron warnt seit Jahren vor den Gefahren des Islams

Alle Figuren dieses Romans sind blass, entwickeln wenig Eigenleben und dienen allein dazu, Marons Lektüren über das Heldentum und das postheroische Zeitalter sowie ihre Thesen zu illustrieren. Überdies dürfen sie stellvertretend für die Autorin die ihrer Meinung nach gesellschaftliche Fehlentwicklungen anprangern, vom Gendern in der Sprache über den Feminismus jedweder Couleur bis hin zu der Islamisierung des Westens.

Vor den Gefahren des Islams warnt Maron seit vielen Jahren, in Essays, die mit „Warum der Islam nicht zu Deutschland gehört“ überschrieben sind, in denen sie gesteht, dass „ich vor dem Islam wirklich Angst habe“. Maron sprang 2018 ihrem Kollegen Uwe Tellkamp zur Seite, als dieser sich mit seinen Aussagen zur Flüchtlingspolitik und Meinungsfreiheit stark nach rechts vergaloppierte, und sie war vergangenes Jahr maßgeblich an einer Petition des Vereins Deutscher Sprache beteiligt, die „Schluss mit dem Gender-Unfug!“ forderte.

Zuletzt antwortete die 1941 in Berlin geborene und in der DDR aufgewachsene Schriftstellerin der „Berliner Zeitung“ auf die Frage nach der eingangs geschilderten Szene: „Ich habe ein verunsichertes Lebensgefühl. Das ist so. Und andere Leute haben das auch.“

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Immerhin macht Marons Charlotte Winter erst einmal einen alles andere als verunsicherten Eindruck. Sie wirkt tough, so wie sie, die in ihren mittleren, späten Siebzigern ist und ebenfalls DDR-sozialisiert, im Kreise ihrer Bekannten verbal auszuteilen weiß; wie sie mit Freuden und Genuss raucht oder mit Lady in ihrer Stammbar den Cocktails zuspricht. Zumal ihr eines Tages jenes Exemplar von Mann über den Weg läuft, der ihr Nachdenken über das verlorene Heldentum auslöst und Marons Roman den Titel gegeben hat: Artur Lanz. (S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main, 220 Seiten, 24 €.)

Der ist um einiges jünger als die Erzählerin und das Gegenteil von Charlotte Winters Toughness: fünfzig Jahre alt, frisch geschieden, gerade von einem Herzinfarkt genesen, ein Jüngelchen in ihren Augen; ein verweichlichtes, orientierungsloses Exemplar von Mann, „in dem sich viel von dem neuen männlichen Unglück zu vereinen schien“, der in den Jahrzehnten „dieser weiblichen Selbstüberhöhung zum Mann“ heranwuchs.

"Vom Rang einer Verschwörung" ist hier wegen des Klimawandels die Rede

Lanz hat von seiner „heldenverliebten“ Mutter seinen Vornamen nach König Artus aus der Artussage bekommen, „König Artus und Lancelot in ihrem einzigen Sohn vereint, davon muss sie geträumt haben.“ Und dieser arme neue Mann erzählt Marons Heldin von einem Schlüsselerlebnis, das ihn verändert, ihn unter anderem zur israelischen Selbstverteidigungssportart Krav Maga geführt hat: die von ihm vorgenommene Rettung seines Hundes, für ihn ein einziges Glück, inklusive der Erkenntnis, diesen mehr zu lieben als die eigene Frau.

Maron schildert nun die Entwicklung ihres Artur Lanz hin zu einem Helden. Lanz setzt sich für den Freund und Kollegen Gerald Hauschildt ein, mit dem er in einem Institut arbeitet, das an einer neuartigen, mit einem Duftstoff versehenen Beschichtung für die Rotorblätter von Windrädern forscht, um Vögel und Insekten von diesen fernzuhalten.

Hauschildt, das Thema fehlt noch auf der Agenda, klar, ist Klimawandelskeptiker. Für ihn hat die Klima-Wissenschaft „den Rang einer Verschwörung“. Weshalb er bei Facebook diesen Satz postet: „Wir marschieren vorwärts ins Grüne Reich, aber heute nicht über Autobahnen, sondern über die Stromtrassen der Grünen.“

In Marons Roman kommt es dann, wer hätte es gedacht, von wegen „Meinungskorridor“, zu einem Tribunal im Institut, bei dem Hauschildt sich erklären soll.

Nicht nur dass Hauschildt und seine Gegenspielerin Franziska Schwarz wie Karikaturen wirken, nicht nur, dass es auch noch einen Navid geben muss, der als kleiner Junge aus dem Iran nach Deutschland kam und „auch viele Muslime für nicht integrierbar hält“ – nein, es ist literarisch dürftig, wie offensichtlich, ohne Zwischentöne, ohne weitere Ebenen Maron ihre Geschichte entfaltet.

Da helfen die vielen Lesefrüchte zum Heldenthema nicht, die Diskussionen, die Winter mit sich und anderen führt über Thomas Malorys „König Artus und die Ritter der Tafelrunde“, Fontanes „Stechlin“ oder Brechts „Die Maßnahme“. Und natürlich fehlt auch nicht der Vergleich mit der DDR, in der Winters Freundin Lady zur Ritterin wurde, als sie sich für eine Kommilitonin einsetzte, die auf einer Party Biermann-Lieder aufgelegt hatte und dafür gemaßregelt werden sollte.

Gut, dass Corona für diesen Roman zu spät gekommen ist

Noch Marons 2018 veröffentlichter Roman „Munin oder Chaos im Kopf“ ist um einiges vielschichtiger gewesen als „Artur Lanz“. Die Ich-Erzählerin Mina Wolf hat eine ähnliche politische Gesinnung wie Maron und jetzt Charlotte Winter, doch gibt es hier eine Krähe als Gesprächspartnerin und den Dreißigjährigen Krieg als Folie für die Gegenwart. Von dem „impressionistischen Flirren“, um die Wirklichkeit besser literarisch formen zu können, wie Maron das zuvor häufig gut gelang, findet sich hier kaum eine Spur, geschweige denn dass es Ironie oder Brechungen anderer Art gibt, abgesehen von Charlotte Winters schön non-chalanten Gedanken zum Alter.

Aber schon ein Sturmtief über Berlin und die Freude an dem „Pfeifen, Jaulen und Stöhnen des Windes“ sind für sie wieder ein Grund, die vorgebliche Hysterie wegen zu hoher Kohlendioxidmengen in der Atmosphäre und die deshalb „notwendige Transformation“ zu geißeln. „Reflexhaft“ fallen Winter gleich Namen wie Stalin, Mao oder Pol Pot ein, von wegen DDR-Sozialisation: „Vielleicht musste man wirklich die Erfahrung mit so einer Transformation gemacht haben, um ihren Ausgang zu fürchten.“

Immerhin: Artur Lanz kehrt mit seinem Kollegen dem gesinnungsengen Institut den Rücken, in Richtung Schweiz, zum Kernforschungsinstitut Cern. Ein Held unserer Zeit? „Artur Lanz“ ein Heldenepos? Wie man ein Heldinnenepos schreibt, einfach mal so, mit Leichtigkeit, mit Abstand, ohne Sehnsucht nach neuen Helden und Heldinnen, das hat gerade Anne Weber mit ihrem in lockeren Versen geschriebenen Porträt der französischen Résistance-und FLN-Kämpferin Anne Beaumanoir gezeigt.

Der Ärger über die gesellschaftliche Moderne, die eigene politische Sendung, das Sich-so-gar-nicht-komisch-finden, all das scheint Monika Maron beim Schreiben die Hand geführt zu haben. Ihren literarischen Anspruch hat sie dabei aus den Augen verloren. Nur gut, dass die Covid-19-Pandemie zu spät für diesen Roman gekommen ist.

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