Allein auf der Welt. Kathrin Wehlisch als Kriegsheimkehrerin. Foto: IMAGO/Martin Müller
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Moderner Klassiker der Kriegsdramatik Der lachende Tod

Kriegsspielerei: Michael Thalheimer inszeniert Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ am Berliner Ensemble.

Als das Berliner Ensemble seine Spielzeit zusammenstellte mit Wolfgang Borcherts Drama „Draußen vor der Tür“, rechnete noch niemand mit Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine. Der Regisseur Michael Thalheimer wollte mit dem Kriegsheimkehrer-Stück in sehr grundsätzlicher Weise unsere Verdrängungsleistungen problematisieren. „Welche Verantwortung übernehmen wir für die Folgen der Kriege ,draußen vor der Tür’, an denen wir beteiligt sind?“, fragt die Produktionsdramaturgin Amely Joana Haag im Programmheft. „Was wollen wir wissen von den Auswirkungen der Gewalt, von der wir profitieren?“

Weil Thalheimer prinzipiell nicht mit szenischen Aktualisierungen und Gegenwartsbezügen arbeitet, sondern sich, im Gegenteil, gerade für das Zeitlose und Allgemeingültige an Texten interessiert, ist aber das, was jetzt tatsächlich draußen vor der Tür bleibt, fatalerweise vor allem die tagesaktuelle Realität: die fünfte Kriegswoche in der Ukraine.

Himmel voller Glühbirnen

Thalheimer hat das expressionistische Drama, das der Kriegsheimkehrer Borchert 1947 in nur acht Tagen niederschrieb, in einem surrealen Horrorkabinett angesiedelt: Jahrmarkts-Bling-Bling trifft Gruselschocker. Der Bühnenbildner Olaf Altmann lässt unzählige bunt leuchtende Glühbirnen vom Schnürboden hängen, die wechselweise einen romantischen Sternenhimmel vortäuschen oder ausdrücklich ihren Wesenskern als schale Kunstlichterkette offenlegen. Davor abendfüllend an der Rampe: Kathrin Wehlisch im übergroßen Wollpullover und mit einem signalroten „Gasmaskenbrillen“-Gestell als Borcherts Protagonist Beckmann, der nach seiner Rückkehr aus dem Krieg lauter verschlossene Türen vorfindet. Seine Frau hat einen anderen Mann, seine Eltern sind tot, von seinen Traumata will niemand etwas wissen und von Verantwortung erst recht nicht.

Dem Alptraum entstiegen

Die Figuren, an denen Borchert dies durchspielt, tauchen in Thalheimers Inszenierung nacheinander aus der Bühnentiefe auf, arbeiten sich für ihre Szenen jeweils durchs Glühlampendickicht zu Beckmann an die Rampe vor und wirken sämtlich, als seien sie einem dezidiert kunstwilligen Alptraum entstiegen. Den infolge des Krieges, wie es bei Borchert heißt, „rund und fett und gut gelaunt“ aufspielenden Tod gibt Jonathan Kempf in einem Bodysuit aus lauter einander überlappenden Fettwülsten. Das „Mädchen“, das Beckmann kurzzeitig mitnimmt, hat Kostümbildnerin Nehle Balkhausen mit bleichen Zombie-Anleihen bis zum Wasserleichen-Appeal ausgestattet. Peter Luppa tritt als Gott im Hochzeitskleid auf. Und Bettina Hoppe, die der neuen Bewohnerin von Beckmanns Elternhaus einen pointiert gnadenfreien hemdsärmligen Ton verleiht, könnte mit ihrer angedeuteten Vokuhila-Frisur und dem Gymnastikanzug über den Glitzerleggins auch aus einem Aerobic-Video der 1980er Jahre stammen.

Diskurse von gestern

Michael Thalheimer und sein Ensemble wollen dem Text universelle Gültigkeit abringen: die Brutalität des Krieges, die Traumatisierung der Opfer (und auch der Täter – Beckmann ist ja als deutscher Soldat des Zweiten Weltkriegs beides), das Ignorieren von Schuld und das Abwälzen von Verantwortung. Insbesondere Kathrin Wehlisch bringt in einer bemerkenswerten Energieleistung über reichlich hundert pausenlose Minuten hinweg sämtliche Tonlagen zwischen schriller Anklage und stiller Verbitterung, stummem Entsetzen und lautem Schrei zur Geltung.

Und auch, wenn Borchert universelle Fragen aufwirft, sind die Diskurse heute andere als im Nachkriegsdeutschland. Das fällt nicht nur in der Szene mit dem Kabarettdirektor auf, bei dem Beckmann als bitterer, versehrter, trauriger Clown vorspricht. Thalheimer lässt den Varietéchef in Gestalt des Schauspielers Tilo Nest auf Rollschuhen an die Rampe rollen. Im langen Tüllrock zur weißen Weste überm nackten Oberkörper doziert der Direktor über ein nach „Biskuit“ verlangendes Publikum, das sich nicht mit Schwarzbrot abspeisen lasse, und eine Kunst, die nichts mit der Wahrheit am Hut habe. Nicht, dass unsere Tage eskapismusfrei wären. Aber die Verdrängungsenergie verdichtet sich eher an anderen Stellen als auf den ohnehin sich gerade wieder stärker politisierenden Theatern. So wirkt der Abend weniger allgemeingültig als realitätsfern – bis man den Theaterausgang erreicht, an dem das Abendpersonal Spenden für die Ukraine sammelt.

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