Behutsame Erzählerin. Zoë Beck. Foto: Victoria Tomaschko
© Victoria Tomaschko

Moderne Überwachungsstaaten Der Sci-Fic-Thriller „Paradise City“ blickt in eine vertraute Zukunft

Der Roman von Zoë Beck erzählt die Geschichte einer Journalistin im Big-Tech-Überwachungsstaat. Wie weit ist die hier beschriebene Zukunft noch entfernt?

Man fragt sich bei der Lektüre dieses neuen Romans der Übersetzerin und Krimiautorin Zoë Beck unentwegt, wie nahe die hier beschriebene Zukunft ist. Wie viel darin schon eingetroffen, wie gegenwärtig das alles ist?

Zum Beispiel das sogenannte Smartcase, ohne das in „Paradise City“ (so der Titel des Romans) niemand vor die Tür geht.

„Mit dem Smartcase bezahlt man, es dient als Personalausweis, sämtliche Zugangsberechtigungen – ebenso wie die Bereiche, für die man gesperrt ist – sind darauf gespeichert, die Gesundheitsdaten sind darüber im Notfall abrufbar, einfach alles. Das Smartcase ist ein flexibler Körperteil, und seit gefühlten Ewigkeiten reden Tech-Konzerne davon, dass es bald komplett unter der Haut verschwindet.“

Sehr groß unterscheidet sich das gewöhnliche, allseits parate Smartphone davon nicht. Und dass Frankfurt nun die Megacity geworden ist, Berlin ein historischer Themenpark, an den Küsten ständig Land unter herrscht, aus Stammzellen Organe gezüchtet werden und die Regierung nur das Beste für ihre Bürgerinnen und Bürger will, mit „Integrationsunterbringungen“ für Unwillige und Gesundheitsapps, dafür aber einen veritablen Überwachungsstaat auch mithilfe der Staatsmedien geschaffen hat – auch das alles ist kein Szenario für das 23. Jahrhundert.

„Paradise City“ liest sich also andeutungsweise wie ein Science-Fiction-Roman, ist aber auf seiner Oberfläche ein ordentlich packender, im Übrigen feministischer Thriller, der nicht übermäßig viel Tempo hat: Dafür nimmt er sich zu viel Platz und Zeit für die Beschreibung dieser neuen Welt sowie der seiner Hauptfigur Liina und ihres Lebens.

Die Welt ist spannender als der Mordfall

Liina ist eine Mittdreißigern finnischer Abstammung, die für eins der noch übrig gebliebenen „Wahrheitsmedien“ arbeitet: für „Gallus“, eine Agentur, in der die Belegschaft früher investigativ recherchierte, heute primär Fake News nachspürt – und die der Regierung natürlich ein Dorn im Auge ist.

Es beginnt damit, dass Liina in der Uckermark eine Meldung über den tödlichen Angriff eines Schakals auf einen Menschen überprüfen soll. Währenddessen wird ihr Chef Yassin in Frankfurt vor die U-Bahn gestoßen und eine Kollegin ermordet.

[Zoe Beck: Paradise City. Thriller. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 282 Seiten, 16 €.]

Liina versucht nun mit ein paar Kolleginnen herauszufinden, wer Yassin, den sie liebt, umbringen wollte und wem er selbst auf der Spur war. Ihre Recherchen führen sie ins Gesundheitsministerium, zu einer früheren Freundin und noch einer, zu einer Gesundheitsapp, die in andere Länder verkauft werden soll – und von der Liina selbst profitiert, sie hat zwei Herztransplantationen hinter sich.

Doch auch am Ende zeigt sich: Interessanter als die schnöde, nicht so aufregende Auflösung dieses Falls, in der jede darin verstrickte Frau eigentlich nur das Beste wollte, ist die beunruhigende Tatsache, dass wir schon in Smart, Verzeihung: Paradise City leben.

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