Im "Weißen Rössl" am Wolfgangsee: Das Singspiel eröffnet den Premierenreigen. Szene mit Valda Wilson und Gregor Trakis. Foto: Martin Kaufhold/Saarländisches Staatstheater
© Martin Kaufhold/Saarländisches Staatstheater

Modellregion Saarland Lebenslust statt Coronafrust: In Saarbrücken wird wieder Theater gespielt

Natürlich corona-konform, mit dem "Weißen Rössl" zum Auftakt. Intendant Bodo Busse will die Besucher persönlich begrüßen - und auf die Einhaltung der Regeln achten.

Die Schlange vor der Saarbrücker Theaterkasse ist lang. Zum Anfang vom Ende des 13-monatigen Kulturlockdowns (mit kurzer Unterbrechung im Herbst) meldet die seit Dienstag wieder geöffnete Kasse gleich am Mittwoch 1100 verkaufte und reservierte Tickets. Die Premieren sind so gut wie ausverkauft.

Vier Neuinszenierungen stehen im Saarländischen Staatstheater bis zum 18. April auf dem Programm, dazu drei Wiederaufnahmen und ein Konzert. An diesem Donnerstag startet der Reigen mit dem Lustspiel „Im weißen Rössl“ im Großen Haus, in der von Michael Schachermaier inszenierten , corona-tauglichen legendären Kammerspielvariante der Berliner Bar jeder Vernunft. Der Intendant wird das Publikum zwar nicht mit Handschlag, aber doch persönlich begrüßen. Bodo Busse ist bundesweit gerade der einzige Theaterchef, dem dieses Glück zuteil wird. „Hurra, wir spielen wieder!“, steht auf der Webseite des Drei-Sparten-Hauses.

„Ich werde auch höchstpersönlich auf die Einhaltung der Abstandsregeln achten“, erzählt Busse am Telefon. Es sei ihm eine große Freude, dem Publikum unter den Bedingungen des Infektionsschutzes wieder ein kulturelles Angebot zu machen. Wegen der Sehnsucht nach Austausch, nach Reflexionsräumen, nach anderen emotionalen Erfahrungen. In Anspielung auf Armin Laschets Brücken- Lockdown fügt er hinzu: „Wenn man die Sicherheitsbarrieren akzeptiert, gewinnen wir die Freiheit des ästhetischen Erlebens zurück. Auch das ist eine wichtige Brücke, zurück ins kulturelle Leben.“

Es folgen die Uraufführung des Schubert-Balletts „Winterreise“ in der Feuerwache, das Zwei-Personen-Stück „Gespräch mit einer Stripperin“ auf der Studiobühne, das Kultmusical „Hair“ und die europäische Erstaufführung des surrealen Schauspiels „Eine kurze Chronik des künftigen China“. Und schließlich Pascal Dusapins zeitgenössische Oper „Macbeth Underworld“ – der Inzidenzwert macht’s möglich.

Fünf Personen aus zwei Haushalten dürfen im Saal zusammensitzen

Noch ist er mit 77,8 vergleichsweise niedrig im Land an der Saar, in Saarbrücken lag er am Mittwoch bei 84,3, Tendenz steigend. Bei 100 ist Schluss mit der Modellregion unter der eigenwilligen Regie von Ministerpräsident Tobias Hans, dann muss auch das Theater wieder schließen. Intendant Busse ist dennoch zuversichtlich, das Angebot mit einem dynamischen Platzvergabe-System, Hygieneregularien und tagesaktuellen Schnelltests vorerst aufrechterhalten zu können. Maximal fünf Personen aus zwei Haushalten dürfen zusammensitzen, mit mindestens 1,50 Abstand folgt die nächste Kontaktgruppe. Ein knappes Viertel der 980 Plätze im Großen Haus kann so belegt werden. Corona-Bedingungen halt.

[Wenn Sie alle aktuellen Entwicklungen zur Coronavirus-Pandemie live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können ]

Das „Berliner Pilotprojekt Testing“ fand unter ähnlichen Auflagen statt, im Berliner Ensemble, in der Philharmonie, im Friedrichshainer Club Säälchen. Die Oster-Termine wurden allerdings kassiert, auch die zunächst geplante Fortsetzung gleich in den Wochen nach Ostern hat sich wegen der dritten Welle erledigt. Wobei die Kulturbehörde betont, das Projekt sei mitnichten gecancelt. Die ausstehenden Abende, etwa „Le nozze di Figaro“ in der Staatsoper und „Francesca da Rimini“ in der Deutschen Oper, sollen stattfinden.

„Unser Ziel ist es, den Piloten zu beenden und auszuwerten“, heißt es aus dem Hause Lederer. Auch wenn die Volksbühne die Petras-Uraufführung „Come as you are…“ aus dispositionellen Gründen gestrichen hat. Über Ersatztermine für den Rest wird noch entschieden, so die vage Auskunft.

Die Kinos bleiben lieber geschlossen: zu großer Aufwand

In Saarbrücken hatte Bodo Busse mehrfach vorgeschlagen, ein zentrales Testzentrum fürs Kulturpublikum einzurichten, gerne auf dem Tbilisser Platz direkt vor dem Haus am Saarufer. Der Ball liege bei der Politik. Es gebe genügend nahegelegene Testzentren, aber es sei doch „eine schöne Idee, zentral in der Innenstadt eins zu haben, auf dem Platz vor dem Theater. Auch im Verbund mit den anderen Kulturakteuren, etwa dem Theater im Viertel, dem Theaterschiff und mit den Museen.“

Apropos andere Akteure: Im Saarland dürfen sogar die Kinos wieder öffnen. Aber anders als die Gastronomie haben sie dem Modellversuch eine Absage erteilt. „Der Aufwand steht in keinem Verhältnis zum Risiko“, sagte Hanns Peter Ebert, Vorsitzender der Filmfreunde der Lichtspiele Wadern, der „Saarbrücker Zeitung“. Wegen zu vieler offener Fragen, nicht nur bei den Testkontrollen. Die Kinobetreiber wie die Verleiher brauchen bundesweite Starts, damit neue Filme sich auch nur ansatzweise rechnen.

Im Januar lag Schnee, jetzt bricht am Saarländischen Staatstheater der Frühling aus. Foto: Imago/BeckerBredel Vergrößern
Im Januar lag Schnee, jetzt bricht am Saarländischen Staatstheater der Frühling aus. © Imago/BeckerBredel

Lebenslust statt Corona-Frust. Auch deshalb hat sich das Theater fürs „Weiße Rössl“ zum Auftakt entschieden. „Wir brauchen andere Farben, andere Bildwelten“, so Busse. Das sei im Moment das richtigere Signal, als nochmal „Die Pest“ auf die Bühne zu stellen. Das Singspiel helfe dabei, aus dem Pandemiealltag zu transzendieren. Wobei die Inszenierung die Sicherheitsvorkehrungen augenzwinkernd ironisiert. „Es passt gut, dass die Geschichte im Salzkammergut spielt, auch Tirol war ja lange Hochrisikogebiet. Wenn wir dort nicht hinreisen können, kommt das Salzkammergut eben zu uns.“

Und wenn doch der nächste Lockdown Realität wird? Die Premieren sind bereits auf Video produziert; im worst case kann das Online-Angebot der Saarbrücker Landesbühne (Backstage- Reihe, Solo-Performances, derzeit das Karfreitags-Konzert) um hochwertige Aufzeichnungen bereichert werden, auch vom „Weißen Rössl“. Bis dahin soll das Publikum möglichst normale Vorstellungen erleben. Für Bodo Busse ist die Theaterpause dafür unerlässlich – wenn auch noch ohne Gastronomie. „Wir müssen mit Einschränkungen arbeiten, aber wir machen keine Instantversionen. Die Stücke haben ihren jeweiligen Bogen, die Pause gehört zum Theater dazu.“
Durchs Foyer wandeln, im Theatersessel sitzen, auch das sei wiedergewonnene Lebensqualität. Nach dem Berliner Pilot-Konzert in der Philharmonie wollte das Publikum den Saal am liebsten gar nicht mehr verlassen.

Zur Startseite