Organisch, anorganisch. Die Berliner Bildhauerin Katja Strunz lässt mit „Unfolding Process“ (2020) eine Skulptur sich selbst entfalten. Foto: Hanno Plate
© Hanno Plate

Mit Werken von Ai Weiwei bis Tony Cragg In Schwante lockt ein neuer Skulpturenpark

Zwei Berliner Kunsthändler haben eine Schlossanlage in Brandenburg mit Skulpturen belebt. Auf weiter Fläche lässt sich hier Kunst sehen, der Sommer genießen.

„Das Blau des Himmels herunterholen“, nennt Loretta Würtenberger bei ihrer Führung durch den Park die Skulptur von Katja Strunz, deren Titel doch eigentlich „Unfolding Process“ lautet. Beides stimmt.

Die Berliner Bildhauerin lässt den blau lackierten Stahl mit seinen Knicken und Falten sich gen Himmel entfalten. Und Loretta Würtenberger holt ihn auf ihre Weise wieder zurück, mitten in den großen Garten, in dem sie nun steht.

Gemeinsam mit ihrem Mann Daniel Tümpel hat die Juristin und Unternehmerin für ihre sechsköpfige Familie vor einem Jahr Schloss Schwante im Havelland erworben, 25 Kilometer nördlich von Berlin.

Drumherum befindet sich ein 20 Hektar großer Park, der bei einem Duo, das sich beruflich der Kunst verschrieben hat, geradezu unweigerlich mit Skulpturen gefüllt werden musste. Und öffentlich sollte er sein, das stand für die beiden ebenso fest. Ein Schloss mitten im Dorf muss ein lebendiges Zentrum sein und nicht abgeriegelt zur privaten Nutzung abseits stehen, das ist ihre Überzeugung.

Also haben Würtenberger und Tümpel mit zwei Beratern eine Künstlerliste erstellt und am Ende 24 Werke zusammengetragen, die sich da und dort in der rundum von meterhohen Pappeln eingefassten Anlage verteilen.

Ein Ort mit wechselhafter Geschichte

Stets sind nur vier, fünf auf einmal in diesem Hortus conclusus zu sehen, der dennoch Brüche aufweist. Der nach englischem Vorbild angelegte Landschaftsgarten ist über die Jahre nicht unversehrt geblieben.

Um 1900 wurden unmittelbar vor dem barocken Schloss, das ein Entwurf von Knobelsdorff sein könnte, für die landwirtschaftliche Nutzung gerade Linien eingezogen. Eine Streuobstwiese entstand, Beete wurden angelegt, zu DDR-Zeiten kam ein Sportplatz hinzu.

[Behalten Sie den Überblick über die Corona-Entwicklung in Ihrem Berliner Kiez. In unseren Tagesspiegel-Bezirksnewslettern berichten wir über die Krise und die Auswirkungen auf Ihre Nachbarschaft. Kostenlos und kompakt: leute.tagesspiegel.de.]

Nach 1945 war das Schloss in Gemeindeeigentum übergegangen, diente als Kindergarten, Krankenhaus, kommunale Küche. 2009 wurde die Immobilie zunächst an den Generalkonsul von Grenada verkauft, der sie verkommen ließ und zurückgeben musste.

Auch sein Nachfolger Christian Schulz, der Betreiber von Monbijou-Theater und Clärchens Ballhaus, hatte kein Glück. Nach seinem Aus in Berlin konnte er auch den Spielort auf dem Lande nicht länger halten.

Schlossbesitzer. Loretta Würtenberger und Daniel Tümpel. Foto: Leo Pompinon Vergrößern
Schlossbesitzer. Loretta Würtenberger und Daniel Tümpel. © Leo Pompinon

Loretta Würtenberger und Daniel Tümpel sprangen spontan ein und übergeben Schloss und Garten nun seiner nächsten Bestimmung. Vier Wochen nach Eröffnung des Skulpturenparks samt Restaurant und Hofladen im Backsteinhaus wird die Familie von Sacrow nach Schwante ziehen.

Ganz dürfte es das nicht gewesen sein. Als Begründer des Institutes of Artists Estates, das sich um Künstlernachlässe unter anderem von Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp kümmert, organisieren die beiden internationale Workshops, in London, Berlin, zuletzt Los Angeles. Ein Schloss samt Skulpturengarten bietet sich als Standort für weitere Veranstaltungen geradezu an.

Erst einmal abwarten, weicht Würtenberger aus. Durch Corona sei ohnehin alles heruntergefahren. Der Kunstmarkt werde von Männern über 60 dominiert, die vorläufig garantiert nicht ins Flugzeug steigen. Die Realisierung des Parks sei ein Katalysator gewesen, die ursprünglich für Mai geplante Eröffnung eine positive Brücke in die Zukunft.

Hier können sich alle furchtlos an der frischen Luft bewegen, endlich wieder Kunst sehen, den Sommer genießen. Martin Creeds über dem Teich hängende Neonschrift „Everything is going to be alright“ klingt wie ein Versprechen, auch wenn nach den Erfahrungen der letzten Wochen unsichtbar ein Fragezeichen mitschwingt.

Teilnehmerliste liest sich wie ein gut gemischtes Portfolio

Ein reiner Lustgarten ist der Skulpturenpark nicht, das wird auch mit Ai Weiweis „Flag for Human Rights“ spürbar, die den Parcours eröffnet. Der Künstler entwarf die Fahne im Blau der Vereinten Nationen vor zwei Jahren zum 70. Jahrestag der Menschenrechtsdeklaration.

Auf ihr prangt der Abdruck eines Fußes als Symbol für die weltweite Migration, er stammt von einem Rohingya-Flüchtling, der seine Heimat in Myanmar verlassen musste. Signalhaft in die Höhe ragt auch Gregor Hildebrandts Säule, die aus gepressten, in Bronze gegossenen Schallplatten besteht. Wie zusammengeklappte Muscheln türmen sie sich aufeinander. Nicht mit Politik, sondern dem Sound der 60er und 70er sind sie aufgeladen. Nostalgiker glauben hier Musik zu hören.

Tony Cragg, Dan Graham, Björn Dahlem, Hans Arp, Carsten Nicolai, George Rickey, Yehudit Sasportas – die Teilnehmerliste liest sich wie ein gut gemischtes Portfolio: Junge, Alte, Klassiker, aufstrebende Karrieren.

Ihre Skulpturen kamen als Leihgaben über Galerien, Stiftungen oder die Künstler direkt nach Schwante. Daniel Tümpel, der aus einer Künstler- und Kunsthistorikerfamilie stammt und zuvor im Finanzsektor in London und Frankfurt tätig war, und Loretta Würtenberger geben zugleich eine Visitenkarte ihres anderen Business ab.

Mit dem Finanzdienstleister Fine Art Partners, den sie 2008 gründeten, verdienen sie ihr Geld, indem sie Kunsthändlern auf dem Sekundärmarkt beim Kauf von Werken unterstützen. Richter, Picasso, Warhol, Schiele, Klimt haben auf diesem Wege neue Besitzer gefunden, an Fine Art Partners fließt das eingesetzte Kapital plus Aufschlag anschließend zurück, umso mehr, je länger der Weiterverkauf dauert.

Der Skulpturenpark besticht vor allem durch sein Konzept

Doch davon bleibt der Park unberührt. Wer in den Glaspavillon von Dan Graham schlüpft, sieht nur noch die ziehenden Wolken darüber oder in der Ferne wie ein Gemälde das Schloss. Und wer den Aluminium-Garten von Toshihiko Mitsuya weiter hinten entdeckt, ist ohnehin verzaubert.

Der japanische Künstler baut Skulpturen aus Alufolie, Pflanzen, Tiere, Fantasiegeschöpfe. Für Schwante entstand seine erste Außenarbeit, ein silbriges Arboretum, das in der Sonne glitzert.

Von dort ist es nicht weit zu Maria Lobodas Neuinterpretation der Arp-Skulptur „Ruhendes Blatt“. Die polnische Künstlerin hat sie nachgeformt, mit vermeintlichem Vogelschiss bemalt und schief in einen Waldteich gesetzt. Dort steht er nun als moderne Version einer antiken Ruine, dem klassischen Element eines Landschaftsparks aus dem 19. Jahrhundert.

Schwante ist mehr als nur eine schöne Girlande von Kunstwerken in einem großen Garten. Der Skulpturenpark besticht vor allem durch sein Konzept.

Kunst bringt Erinnerung zurück

Jedes Werk zeigt eine andere Form der Auseinandersetzung mit der Natur. Lee Ufan lässt den Regen malen. Von ihm liegt ein schlichter Stein auf einer Eisenplatte mitten im Gras. Mit jedem Guss verändert sich die Oberfläche des Stahls, der regelmäßig eingeölt wird.

Toby Ziegler stellte seinen Aluminium-„Sklaven“ zwischen Apfelbäume, Yehudit Sasportas platzierte neun Tongefäße unter Weiden, in ihnen soll der Klang von Bäumen konserviert sein. Unweit liegt Monika Sosnowskas zerbeulte Stahltreppe auf der Wiese, als wäre sie ein vergessenes Landwirtschaftsgerät.

Als der Bürgermeister von Schwante ihre Skulptur das erste Mal sah, wurde er ganz aufgeregt. Genau an der gleichen Stelle, auch aus verbogenem Metall, lagerten lange die Spielplatzreste vom Kindergarten aus DDR-Zeiten. Ein Déjà-vu. Die Kunst bringt die Erinnerung und Stücke vom Himmel zurück.

Zur Startseite