Ausnahmetalent: Michaela Coel. Foto: Laura McCluskey
© Laura McCluskey

„Misfits“ von Michaela Coel Nur wer radikal ehrlich ist, kann Veränderung bewirken

Wie ist das, sich als Schwarze Frau im Fernsehen zu behaupten? In „Misfits“ beschreibt die Serienmacherin Michaela Coel ein kaputtes System.

Trockenshampoo, Bräunungslotion, eine helle Foundation. Das waren die Goodies in der Geschenktüte der ersten Fernsehawards, bei denen die Drehbuchautorin und Schauspielerin Michaela Coel zu Gast war. Es tat weh, als sie diese Geschenke auspackte. Sie ist Schwarz, kann mit nichts davon etwas anfangen. Für Coel nur ein weiterer Hinweis darauf, was sie ohnehin längst spürte: „Dies ist nicht dein Haus.“

Die Metapher des Hauses zieht sich durch Michaele Coels Rede, die sie 2018 vor tausenden einflussreichen britischen TV-Funktionär:innen hielt, der prestigeträchtigen MacTaggart-Lecture auf dem Edinburgh International Television Festival. Fernsehen; ein Haus, das kaputt ist und für viele verschlossen bleibt. Coel war die fünfte Frau, die diese Rede halten durfte, und die erste Schwarze. Unter dem Titel „Misfits. Ein Manifest“ ist sie jetzt in überarbeiteter Version auf Deutsch erschienen.

Die 34-jährige Michaela Coel ist ein Ausnahmetalent. Mit 27 Jahren schrieb sie ihre erste Fernsehserie „Chewing Gum“, basierend auf ihrer One-Woman-Show. 2020 folgte die HBO-Serie „I May Destroy You“. Coel war Drehbuchautorin, Regisseurin, spielte die Hauptrolle – und gewann zwei Emmys, unter anderem für „Outstanding Writing“. Die Protagonistin der Serie wird zu Beginn mit K.O.-Tropfen betäubt und vergewaltigt, die restlichen Episoden handeln von den Auswirkungen dieser Tat und den verschiedenen Abstufungen von consent, also Einverständnis.

Misfits sehen die Welt anders

Radikale Ehrlichkeit, dafür steht Coel. „I May Destroy You“ basiert auf ihren eigenen Erfahrungen, in der Rede von 2018 sprach sie erstmals öffentlich darüber. Wie die ersten Personen, die sie – nach der Polizei – anrief, ihre Producer waren, damit die Deadline verlängert werden konnte. Sie erzähle, um einen Einblick in die Branche zu geben, in das Haus, in dem alle im Raum versammelten Menschen leben. Transparenz sei ihr das wichtigste.

Michaela Coel hat für sich und die ihren das Wort „Misfit“ gefunden, mit Begriffen wie „Diversity“ oder „Außenseiter“ könne sie nichts anfangen. Eine Definition liefert sie gleich mit: „Misfits sehen die Welt anders; manche von uns werden zu Misfits, weil sie von der Welt anders gesehen werden.“

Mitschüler nannten sie Kokosnuss

Mit einer bunten Truppe solcher Misfits war sie auf der Schule befreundet. Sie beschreibt ihre Kindheit in einer Sozialsiedlung mitten im Bankenviertel Londons. Ihre Mutter schickte sie ins Theater, um das Geld für die Kinderbetreuung zu sparen. In der Schule wurde sie Kokosnuss genannt, außen schwarz und innen weiß, weil sie Klarinette spielte und gern Stepptanz machte.

[Michaela Coel: Misfits. Ein Manifest. Aus dem Englischen von Dominique Haensell, Ullstein Verlag, Berlin 2022, 128 Seiten, 16,99 €.]

Mehrmals brach sie die Uni ab, kurzzeitig war sie evangelikal, kam davon aber auf der Schauspielschule durch ihre Freund:innen wieder ab. „Homosexuelle Bindungen ersetzten biblische Bindungen.“ Vor allem aber geht es in dem Buch um den Rassismus der Industrie, wie auf der Schauspielschule das N-Wort benutzt wurde, wie sich am Set ihrer ersten Serie die Schauspieler:innen of Colour einen Trailer teilen sollten, während die weiße Schauspielerin einen für sich hatte.

Verschlossene Türen, morsche Leitern

„Misfits“ ist ein kleines Buch mit großem Inhalt. Es macht Spaß, Coels bildreiche Sprache zu lesen, für die Buchversion hat sie Einleitung und einen Epilog verfasst. Einige ihrer Wortwitze gehen allerdings in der Übersetzung verloren, und allein um Mimik, Ton und die Stimmung im Saal mitzubekommen, lohnt es sich, ihre Rede im Original anzuschauen.

Michaela Coel will in ihrem Haus zu Hause sein. Was bringt es, fragt sie, wenn sie Menschen hineinlässt, dann aber Türen verschlossen bleiben? Wenn die Leitern morsch sind, auf denen die Misfits nach oben klettern sollen? Sie wolle alles tun, was nötig ist, um das Haus zu reparieren. Die Lektüre von „Misfits“ macht vor allem deutlich, wie alles verbunden ist. Rassismus in den obersten Rängen und der Inhalt von Geschenktüten bei Preisverleihungen.

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