Ein goldener Teller aus der Ausstellung. Foto: BUMILLER COLLECTION
© BUMILLER COLLECTION

Miniaturmalerei in Kreuzberg Zweihaarpinsel

Helena Davenport

Kleinformatige Fantasiewelten: Die Bumiller Collection in Kreuzberg zeigt Werke des usbekischen Miniaturmalers Davlat Toshey.

„al-barzakha“ heißt im Islam der schmale Grat zwischen der materiellen und der spirituellen Welt, der nur unter bestimmten Bedingungen überschritten werden kann – etwa im Traum oder in Trance. Eben diese Grenze hält Davlat Toshev in seinen fabelhaften Bildern fest. Da wäre etwa der massige Körper eines Elefanten mit einem Sitz auf seinem Rücken. Eine Person mit weißem Turban bedankt sich dort oben gerade für eine gereichte Kostbarkeit.

Der Elefant scheint mit seiner Umwelt zu verschmelzen, besteht er doch aus unzähligen kleineren Kreaturen: blauen Hasen, Fischen, Panthern und Affen. In der Luft breitet ein bunter Phoenix derweil seine Flügel aus. „Shifting Knowledge“ heißt die Schau in der Bumiller Collection (Naunynstraße 68, bis 13. April), die in Zusammenarbeit mit der Botschaft Usbekistans entstand. Toshevs Arbeiten werden hier mit usbekischen Metall- und Keramikobjekten aus der Sammlung gezeigt.

Miniaturmalerei als Familientradition

Beeindruckend ist die Präzision, mit der der usbekische Miniaturmaler seine kleinformatigen Fantasiewelten gestaltet, jeder Millimeter enthält eine neue Information. Nicht selten öffnen sich in seinen Bildern weitere Räume mit noch mehr Geschöpfen. Zwei bis drei Monate lang malt der 44-Jährige, der seine Familientradition in vierter Generation fortführt, mit einem zweihaarigen Pinsel an einem Bild. Als Bezahlung nimmt er am liebsten alte Buchseiten aus Seidenpapier entgegen, die ihm den Untergrund für weitere Kreationen liefern.

Die Miniaturmalerei entwickelte sich zwischen dem 13. und 19. Jahrhundert – hier hatte sie auch ihre Hochzeiten, bis sie mehr oder weniger in Vergessenheit geriet. Die meisten erhaltenen Miniaturen hätten in Manuskripten des 16. Jahrhunderts überlebt, die in der usbekischen Stadt Bukhara kopiert wurden, schreibt der Usbekistan-Experte Gulomov Shokhrukh im Ausstellungskatalog. Durch die Bürgerkriege Anfang des 20. Jahrhunderts habe das Genre in dem zentralasiatischen Land an Bedeutung verloren, um dann in den Siebzigern und Achtzigern ein Revival zu feiern.

Toshey ließ sich von Dichtern inspirieren

Toshevs Tochter Munisa Buronova, Jahrgang 1998, malt ebenfalls. Sie ist die erste Frau in der Familie, die das Handwerk ausführt. Ihre Farben sind noch knalliger, die Konturen schärfer. Die Bumiller Collection zeigt auch einige ihrer Arbeiten. Toshev selbst erlernte die Malweise ab dem Alter von sechs Jahren. Zu seinen Motiven lässt er sich von Dichtern des Mittelalters inspirieren, etwa vom Sufi-Poeten Rumi, weswegen über seine Bildflächen auch Derwische tanzen. Außerdem kommen unzählige glänzend rote Granatäpfel vor, die für Leben und Fruchtbarkeit stehen. Und Pflanzen ranken sich nahezu auf jeder seiner Arbeiten zwischen den geschäftigen Menschen empor.

Seine Bildgestalten steckt Toshev oft in aufwändig gemusterte Kleidung, lässt sie musizieren, baden, essen, reiten. Einiges ist zum Schmunzeln, sieht ein Schoßkätzchen doch tatsächlich wie Garfield aus. Modernere Szenarien kommen nicht vor, zeitgenössischen Alltag bildet der Miniaturmaler nicht ab, auch keine Missstände oder Krieg. Selbst ein Ungeheuer mit Hörnern und Teufelsschwanz lächelt bei ihm friedvoll aus der Märchenwelt heraus.

Naunynstraße 68, bis 13. April

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