Charles Péguy meinte es mit seinem Katholizismus bitterernst.

Welche Religion eignet sich für einen Décadent? Michel Houellebecq. Foto: Miguel Medina/AFP
Michel Houellebecq: Roman "Unterwerfung" Der kommende Aufstand

Huysmans hat mit dem Klosterleben letztlich nur in seinen Oberflächenreizen geflirtet. Schriftsteller aus seinem Dunstkreis wie Léon Bloy und Charles Péguy meinten es, bei aller persönlichen Verrücktheit, mit ihrem Katholizismus jedoch so bitterernst wie mit dessen nationalistischen Auswüchsen. Beide sind, in Frankreich wie in Deutschland, in den entsprechenden Kreisen noch immer anschlussfähig, wie es im Soziologendeutsch heißt. Insbesondere Charles Péguy hat zu seinem 100. Todestag im vergangenen Jahr links wie rechts eine Aufmerksamkeit erfahren, über die sich gesondert nachzudenken lohnte. Davon zeugen sowohl eine Doppelausgabe der traditionsreichen Literaturzeitschrift „Europe“ vom vergangenen August wie das aktuelle Januarheft der „Revue des deux mondes“.

Auch die Wirtschaftslehre, der Mohammed Ben Abbes folgt, ein getreuer Leser des Weltstaatstheoretikers Arnold Toynbee auf den Spuren des Untergangspropheten Oswald Spengler, ist katholischen Ursprungs. Der Distributismus, der die Produktionsmittel so weit wie möglich dem Einzelnen und der kleinen Gemeinschaft zukommen lassen will, geht auf Gilbert Keith Chesterton und Hilaire Belloc zurück, beide erklärte Antisemiten, was andeuten mag, dass in der großen Annäherung von Rechtsnationalen und Muslimen die Juden das Nachsehen haben. So verlässt Francois' Ex-Freundin Myriam mit ihren Eltern schließlich für immer Paris, um in Tel Aviv Zuflucht zu suchen.

Literatur im besten Sinne

Das alles besitzt eine intellektuelle Farbigkeit, die sich nicht auf satirische Absichten reduzieren lässt und weit über die metafiktionalen Spielchen von „Karte und Gebiet“ und „Die Möglichkeit einer Insel“ hinausgeht. Es ist, bei aller Neigung zu referierenden Passagen, die Houellebecq auch in „Unterwerfung“ ereilt, im besten Sinne Literatur: eine in ihrer Vieldeutigkeit unausdeutbare Versuchsanordnung, die an jener Mischung aus Verblendung und Opportunismus rüttelt, die Intellektuelle zu Stalin, Mao und Pol Pot führte – und sich nun dem wahren und einzigen Propheten andient.

Zugleich ist es sehr viel weniger ausgedacht, als man meinen könnte. Man denke an einen Holocaust-Leugner wie den zum Islam konvertierten Kommunisten Roger Garaudy, an die offen antijüdischen Attacken in Frankreich, oder an den seltsamen Schulterschluss, den die „Sezession“, die Zeitschrift des rechtsextremen Instituts für Staatspolitik, jüngst im Gespräch mit einem Pater der Piusbruderschaft suchte, einer fundamentalistischen Gemeinschaft, die sich gleichfalls für den Distributismus ausspricht.

Houellebecs schillerndste Figur ist dabei Robert Rediger. Einst ein Kopf der identitären Bewegung und nun muslimischer Präsident der Sorbonne, hat er eine drei Millionen Mal verkaufte Schrift verfasst, die auf die denkbar unschuldigste Weise „Zehn Fragen zum Islam“ beantwortet. Was für Polygamie spricht, erklärt er in einer Mischung aus Darwinismus und Intelligent-Design-Gründen, die auch von Kreationisten stammen könnten. Die Halal-Ernährung befördert für ihn ökologisches Denken, und in einer Zeitschrift erklärt er in Anlehnung an den wirren französischen Sufisten René Guénon alias Abdel Wahid Yahia, warum der Islam zur Weltherrschaft aufgerufen sei. Mit ihrer Betonung des liberalen Individualismus seien die abendländischen Gesellschaften dem Untergang geweiht. Michel Houellebecqs so schwer politisierbarer wie unendlich duldsamer und gefügiger Held tritt nun an, das Gegenteil zu beweisen.

Michel Houellebecq: Unterwerfung. Roman. Aus dem Französischen von Norma Cassau und Bernd Wilczek. DuMont Buchverlag, Köln 2015. 279 Seiten, 22,99 €. Erscheint am 16. Januar.

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