Retten oder reden? Papst Pius XII. mit arbeitstypischer Handbewegung. Foto: picture alliance / dpa
© picture alliance / dpa

Michael Hesemann verteidigt Papst Pius XII. Der Vatikan und der Holocaust

René Schlott

Die Rolle von Pius XII. während des Nationalsozialismus erhitzt seit Jahrzehnten die Gemüter. Nun legt Historiker Michael Hesemann eine groteske Verteidigungsschrift vor.

Vor 80 Jahren, im März 1939, wurde mit dem römischen Kardinal Eugenio Pacelli ein Mann zum Papst gewählt, der als Pius XII. wie kein anderes katholisches Kirchenoberhaupt des 20. Jahrhunderts das Interesse von Forschung und Öffentlichkeit erregt. Im Mittelpunkt steht dabei das Verhalten des römischen Pontifex gegenüber Nationalsozialismus und Holocaust. Im Jahrestakt erscheinen neue Bücher, die entweder das päpstliche Schweigen trotz detaillierter Kenntnis des Massenmordes verurteilen oder die Rettungsaktionen des Heiligen Stuhls für verfolgte Jüdinnen und Juden hervorheben.

Zwischen diesen beiden Polen bleibt wenig Raum für eine differenzierte, nüchterne, von Moralisierungen und Elogen freie Betrachtung. Ein solches Vorhaben würde derzeit auch an den noch geschlossenen Aktenbeständen zum Pontifikat Pius’ XII. (1939-1958) im Vatikanischen Geheimarchiv scheitern.

Keine neuen Erkenntnisse

Wenn ein neues Buch auf dem Cover nun die „deutsche Erstveröffentlichung der brisanten Dokumente“ ankündigt, dürfen Leserinnen und Leser also gespannt sein. Allein, viel Neues fördert das Werk des 1964 geborenen Historikers Michael Hesemann nicht zu Tage. Denn dass der Papst öffentlich zwar nie klar die Verbrechen der Nationalsozialisten verurteilt hat oder gar alle an den Mordaktionen beteiligten Katholiken exkommunizierte, aber dennoch einzelne Rettungsaktionen geduldet und angeregt hat, ist hinlänglich bekannt. Vielmehr hat Hesemann eine Verteidigungsschrift verfasst, die Pius XII. zum „prominentesten Fake-News-Opfer des 20. Jahrhunderts“ verklärt.

Der Autor, früher mit parawissenschaftlichen Schriften hervorgetreten, geizt nicht mit Superlativen: An einer Stelle heißt es, Pacelli sei „wohl der den Juden am meisten gewogene Kardinal der römischen Kurie, ja vielleicht der ganzen Kirche seiner Zeit“ gewesen. An einer anderen wird Pius XII. zu „Hitlers wirkmächtigstem Gegner“ erklärt. Vollkommen überspannt wird der hagiographische Bogen mit der Zuschreibung, Pius sei der „größte Schindler seiner Zeit“ gewesen, wobei Hesemann in der Fußnote als Gewährsmann lediglich einen ungenannten „Historikerkollegen“ angibt. Der fragwürdige Titel kann wohl nur Pius’ Zeitgenossen Oskar Schindler selbst zukommen.

Kritiker nimmt er nicht ernst

Diese Übertreibungen machen es schwer, das eigentlich gut, an manchen Stellen sogar spannend geschriebene Buch ernst zu nehmen. Etwa dann, wenn Hesemann einen (durch ihn bereits 2010 entdeckten und publizierten) in Latein verfassten Brief von Anfang 1939 aus dem Vatikanarchiv präsentiert, in dem der damalige Kardinalstaatssekretär Pacelli Bischöfe in aller Welt um Unterstützung bei der Einwanderung von geschätzten 200 000 zum Katholizismus konvertierten Juden aus dem Deutschen Reich bittet. Die Aktion verlief allerdings weitgehend erfolglos.

Rolf Hochhuths wirkmächtiges Drama „Der Stellvertreter“, erklärt er zu einem „Werk aus der Propagandaküche des KGB“. Gegenüber anderen wissenschaftlichen Monografien, etwa dem 2016 auf Deutsch erschienenen Werk „Der erste Stellvertreter“ des US-amerikanischen Historikers David I. Kertzer (immerhin mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet) erhebt Hesemann den Vorwurf, „ziemlich tendenziös“ verfasst worden zu sein – wobei das auf sein eigenes Werk zutrifft. So erwähnt er zwar einen als Hilfeschrei verfassten Brief von Edith Stein an Papst Pius XI. (1922-1939) aus dem April 1933, nicht aber, dass die später in Auschwitz ermordete Verfasserin nie eine konkrete Antwort erhielt.

Sein Vergehen war das Schweigen

Hesemann zitiert ausführlich aus der zeitgenössischen Presse, selbst aus kommunistischen Blättern wie der französischen „L’Humanité“, allerdings stets zugunsten des Papstes. Dabei hätte ein aufmerksamer Blick in das Blatt genügt, um sein einseitiges Bild von Pius XII. zu bereichern. In der Zeitung hieß es nach dem Tod des Papstes im Oktober 1958 in einem Nachruf: „Leider schwieg er zu den Verbrechen des Hitlerfaschismus und auch zu den Konzentrationslagern.“ Ganz ähnlich schrieb „Le Monde“: „Er hat die Religion des Blutes, den Hitlerismus, nicht explizit, nachdrücklich und eindeutig verurteilt.“

Das Vorwort zum Buch hat Jesuitenpater Peter Gumpel verfasst, der seit Jahrzehnten in Rom versucht, den Seligsprechungsprozess für den Pacelli-Papst zum Erfolg zu bringen. Mit einer apodiktischen Einlassung („Es steht außer Frage, dass Pius XII. sehr viel für die Juden getan hat, vielleicht mehr als jeder andere“), ist die Stoßrichtung klar. Viel Raum für Zwischentöne bleibt da nicht. Und der Slogan „Retten – nicht reden“ auf dem Buch, erscheint grotesk, wenn man sich die Geschichte der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden, insbesondere die Deportation der Juden Roms im Oktober 1943 nach Auschwitz vor Augen führt.

Michael Hesemann: Der Papst und der Holocaust. Pius XII. und die geheimen Akten im Vatikan. Langen-Müller, Stuttgart 2018. 448 S., 28 €.

Zur Startseite