Eine sogenannte MeToo rally in New York City am 9. Dezember 2017. Foto: imago/Pacific Press Agency
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Mary Gaitskills MeToo-Erzählung "Das ist Lust" Mit einem Sexisten befreundet

Mary Gaitskill versucht in „Das ist Lust“, der MeToo-Debatte Komplexität zu geben. Das gelingt ihr mit ihrer weiblichen Figur, nicht jedoch der männlichen.

Das letzte Wort hat bezeichnenderweise Quin, der Mann, der nach Vorwürfen von Mitarbeiterinnen gerade seinen Ruf, seinen Job als anerkannter Lektor eines New Yorker Verlagshauses, im Grunde: seine Existenz verloren hat.

„Die Geschichten, von denen Frauen heute nicht genug bekommen, sind Opfergeschichten; alle Frauen, die ich gekränkt habe, verstehen sich als Opfer, obwohl sie überall gefeiert werden.“

Die andere Stimme dieser Erzählung von Mary Gaitskill gehört Margot, die Quin zwanzig Jahre zuvor bei einem Vorstellungsgespräch kennenlernte. Damals hatte er ihr gleich zwischen die Beine gefasst, was sie mit einem entschiedenen „Nein“ und einer Hand vor seinem Gesicht abzuwehren wusste, „wie ein Verkehrspolizist: ich wusste, dass ihm das Einhalt gebieten würde“.

Gaitskill ist mit "Bad Behaviour" bekannt geworden

Jetzt ist sie weiterhin mit ihm befreundet, erzählt von ihrer gemeinsamen Freundschaft und was Quin aktuell widerfährt, immer im Wechsel mit diesem, der bis zum Schluss uneinsichtig und bezüglich seines Verfahrens guten Mutes ist und glaubt, dass Leben sei „groß genug für alle unsere Geschichten“.

Mary Gaitskill hat ihre Erzählung (Aus dem Amerikanischen von Daniel Schreiber. Blumenbar, Berlin 2021.114 S., 18 €.) vor zwei Jahren erstmals im „New Yorker“ veröffentlicht unter dem Titel „This is pleasure“, auf dem Höhepunkt und auch unter dem Eindruck der MeToo-Debatte, als Reaktion darauf.

Sie selbst war Ende der achtziger Jahre mit den (vergangenes Jahr auch auf Deutsch wiederveröffentlichten) Erzählungen „Bad Behaviour“ bekannt geworden; Erzählungen, die von – nicht zuletzt weiblicher – Unterwerfung und – nicht zuletzt männlicher – sexueller Dominanz handeln und die Ambivalenz heterosexueller Beziehungen ausleuchten.

Im Grunde versucht Gaitskill das jetzt ebenfalls, nur stellen sich die Verhältnisse im Gefolge von MeToo halt anders dar.

Dieser Mann hat nichts verstanden

Differenziert ist der Blick von Margot, nicht immer eindeutig ihr Blick auf den Mann, mit dem sie befreundet ist. Mal spricht sie davon, dass „diese kleine Schlampe“ sein Leben „zerstört“ habe, er ihr, Margot, auch „Kraft“ vermittelt habe, wahnsinnig sympathisch sei.  Dann ist sie fassungslos ob seines Unverständnisses für das, was ihm jetzt widerfährt.

Da sieht er die „Hoffnungslosigkeit“ in ihren Augen, da fühlt sie „Schmerz im Herzen. Echter Schmerz“, nachdem er meint, die Stadt sei wieder bereit für ihn.

Margots widersprüchliche Perspektive aber ist die einzig lohnende dieser Erzählung – weder jedoch spiegelt sie die Sicht anderer, von Quin bedrängter Frauen, noch bekommt dessen Charakter Komplexität oder ein gewisse Mehrdimensionalität. Quin war, ist und bleibt ein unerträglicher Typ.

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