Der französische Komponist und Proust-Freund Reynaldo Hahn Foto: Paul Nadar/Wikipedia
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Marcel Proust und Reynaldo Hahn Wie bei Swann und Odette

Lorenza Foschinis Buch über die Liebe und Freundschaft von Marcel Proust und dem Komponisten Reynaldo Hahn.

Etwas skeptisch ist man ja zu Beginn der Lektüre von Lorenza Foschinis Buch über die Liebe und Freundschaft von Marcel Proust und dem Komponisten Reynaldo Hahn. (Aus dem Italienischen von Peter Klöss. Nagel & Kimche, Zürich 2021. 238 Seiten, 22 €.)

Denn die italienische Journalistin schildert erst einmal, wie sie selbst zu Proust gekommen ist und dass sie sich immer danach „sehnte“, in den Besitz eines Briefes des von ihr bewunderten Autors zu gelangen.

Dieser „Traum“ erfüllte sich; der Brief, den Foschini erwarb, war einer an Reynaldo Hahn, von Proust 1907 aus dem Grand Hotel in Cabourg geschrieben.

Von Hahns Briefen an Proust sind 21 erhalten

Nach der Lektüre „überkam mich der unbändige Wunsch, alles über diese Geschichte zu erfahren“, schließt Foschini ihre eigene „Vorgeschichte“, um dann in medias res zu gehen und mit den Besuchen Hahns bei Proust in der Rue Hamelin kurz vor dessen Tod am 18. November 1922 zu beginnen.

Auch wenn es zunächst fast romanhaft weitergeht und Foschini versucht, die Szenerie in Prousts Wohnung und den Ärzten und seiner Haushälterin um ihn herum farbig auszuleuchten, wird ihre Erzählung schließlich doch angenehm sachlich.

Das liegt daran, dass sie sich über weite Strecken fiktiver Einfühlungen versagt, zumal das vorliegende Material reichlich ist. Proust und der drei Jahre jüngere, 1874 in Caracas geborene Hahn haben einen intensiven Briefwechsel geführt, gerade in den zwei Jahren ihrer Liebesbeziehung, und nach vielen Jahren Funkstille dann bis zu Prousts Tod; einen Briefwechsel, der 2018 von dem Proust-Übersetzer Bernd-Jürgen Fischer in großen Auszügen auch auf Deutsch veröffentlicht wurde.

Dabei sind die Briefe Hahns größtenteils verschollen, gerade 21 sind erhalten, doch lässt sich aus den vielen Schreiben des Schriftstellers an Hahn auch der jeweils aktuelle Liebes- und Freundschaftszustand gut herauslesen.

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Überdies zieht Foschini die Proust-Biografien und andere Forschungsliteratur zu Rate, und so legt sie in der Folge ihr Hauptaugenmerk auf die Jahre 1894 bis 1896. Die beiden jungen Künstler lernen sich im Salon von Madame Lemaire kennen, werden ein paar Monate später auf Schloss Revéillon zu einem Liebespaar und trennen sich zwei Jahre später nicht zuletzt wegen Prousts obsessiv-tyrannischer Eifersucht.

„Unseliger“, schreibt Proust, „Sie verstehen ja nicht die täglichen und allabendlichen Kämpfe, bei denen mich allein die Furcht zurückhält, Ihnen Schmerz zu bereiten. Und Sie verstehen nicht, dass, wenn es trotz meiner selbst das Bild eines Reynaldo sein soll, der seit einiger Zeit niemals mehr davor zurückschreckt, mir Schmerz zu bereiten, selbst abends, wenn wir uns verabschieden, wenn dies das Bild sein soll, das immer wiederkehren wird, ich keine Widerstände mehr meinen Wünschen entgegenzusetzen haben werde und dass mich dann nichts mehr aufhalten könnte.“

Hahn und Proust lernten sich bei Madame Lemaire kennen

In Zeilen wie diesen scheint schon Swann durch, der sich seiner Odette selten gewiss ist, natürlich auch der Erzähler der „Recherche“, (wegen Albertine!). Foschini weist zudem häufig auch auf Prousts großen Roman und auf „Jean Santeuil“, Prousts frühen Romanversuch hin, in dem insbesondere der Aufenthalt in Réveillon merklich Spuren hinterlassen hat.

Auch Hahns Leben lässt Foschini hinreichend Revue passieren. Man bekommt einen guten Eindruck von Hahns melancholischem Charakter. Oder von seiner frühen musikalischen Reife, die später zu der Komposition zahlreicher erfolgreicher Operetten führte.

Doch fühlte er sich immer zu Größerem berufen, einem ultimativen Opernwerk, woraus jedoch nichts wurde. Hahn war es, der nach dem Tod Prousts eine Nacht am Totenbett gewacht hat und der Welt dann die Nachricht von seinem Tod überbrachte.

Als Reynaldo Hahn am 28. Januar 1947 an einem Gehirntumor starb, wurde er wie sein Freund auf dem Pére Lachaise in Paris begraben, in einer inzwischen etwas verwitterten, leicht verwahrlosten Familiengruft, wie Foschini in ihrem Epilog mitteilt, „wenige Schritte von Marcels glänzendem Marmorgrab entfernt.“

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