Frauen machen mobil. Dakota Johnson (mitte) als Susie Bannion. Foto: Alessio Bolzoni / Amazon Studios
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Luca Guadagninos „Suspiria“ im Kino Hexentanz in der Mauerstadt

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Terroristen, Ballett, Blutrausch: Luca Guadagninos Remake des italienischen Horrorklassikers „Suspiria“ über eine Tanzschule im Berlin der siebziger Jahre.

Der Terror ist allgegenwärtig im Deutschen Herbst ’77. Er beherrscht die Schlagzeilen, prangt auf Titelseiten. Und erwacht zum Leben im geheimen Labyrinth unter einer Tanzschule am Grenzstreifen im geteilten Berlin. „Freiheit für politische Gefangene“ steht auf der Mauer gegenüber des brutal-modernistischen Baus, der aussieht, als hätte Albert Speer der Nachwelt ein letztes Vermächtnis hinterlassen.

Doch welche Gefangenen sind gemeint? In Mogadischu fordert ein Terrorkommando die Freilassung der inhaftierten RAF-Gründungsmitglieder. Vielleicht bezieht sich die Parole aber auch auf ein gesamtgesellschaftliches Projekt, die Befreiung der Frauen aus der Unterdrückung des Patriarchats. Wo hört Widerstand auf, wo beginnt der Terror? Patricia (Chloë Grace Moretz), ein Mitglied der Helena Markos Tanzakademie, soll bereits die Seiten gewechselt haben, munkelt man. Militante Stadtguerilla statt radikaler Performancekunst. Ihr Platz im Ensemble ist gerade vakant geworden.

In Luca Guadagninos „Suspiria“ verschlägt es die junge Susie Bannion (Dakota Johnson) aus ihrer Mennoniten-Gemeinde im ländlichen Ohio ins farbentsättigte Berlin, mitten hinein in das Foyer der weltberühmten Tanzschule. Tilda Swinton kanalisiert als legendäre Choreografin Madame Blanc die asketische Eleganz Pina Bauschs und die schonungslose Willenskraft einer Marina Abramovic mit eisiger Präzision. Die Stadt befindet sich im Ausnahmezustand, die Schule mit einer eindrucksvollen Garde von Torwächterinnen – darunter Angela Winkler, Ingrid Caven (nicht die einzige Fassbinder-Referenz), Paul Verhoevens einstiges bad girl Renée Soutendijk und das sudanesische Supermodel Alek Wek – schottet die Mädchen vor den Unruhen der Außenwelt ab. „Ihr gebt euch ganz dem Bild der Schöpferin hin“, fordert Madame Blanc bei der ersten Probe, aber sie hat bereits das außergewöhnliche Talent der Autodidaktin Susie erkannt. Auch in den Gewölben unter der Akademie beginnt sich eine höhere Macht zu regen: Mutter Suspiriorum, Hohepriesterin des Seufzens, fordert frisches Blut.

Das Filmoriginal ist unerreichbar

Horrorfans reagierten verständlicherweise entsetzt auf die Ankündigung, dass Luca Guadagnino („Call me by your Name“) Dario Argentos Klassiker „Suspiria“ um einen jahrhundertealten Hexenzirkel hinter der Fassade einer Tanzschule neu verfilmen wollte. Zu viel Schindluder wurde zuletzt mit den amerikanischen Klassikern getrieben, von George Romeros „Dawn of the Dead“ bis Wes Cravens „The Last House on the Left“, deren Gewaltbilder – aus ihrem zeitlichen Kontext gerissen – bloß noch spekulativ anmuten. Doch Guadagnino schwebt nicht einfach ein weiteres Remake vor. Er will den unbeschreiblichen Horror, der durch die verkanteten Einstellungen und entfesselten Kamerafahrten von Argentos Opus Magnum kriecht, wieder heraufbeschwören. Das Gefühl, als er mit dreizehn (!) zum ersten Mal „Suspiria“ sah.

Das Original funktioniert selbst wie ein filmisches Labyrinth: Räume öffnen sich hinter Räumen, Spiegelkabinette, die jeder visuellen Logik entbehren, artifizielle Farbwelten, die den opernhaften Progressive Rock von Argentos Hausmusikern Goblin zur synästhetischen Überwältigung treiben. „Suspiria“ war 1977, in dem auch Guadagninos „Re-Imagination“ spielt, ganz Innenleben. Der Schrecken, der der Bundesrepublik in den Gliedern steckte, blieb in den blutigen Exzessen nur mittelbar als nackte, existenzielle Panik spürbar. Argento interessierte die Schwarzwald-Gothic – sein Film spielt in Freiburg – mehr als RAF-Folklore. Guadagnino dreht dieses Verhältnis um, stülpt die Eingeweide von Argentos Schreckensvisionen nach außen.

Es ist unergiebig, „Suspiria“ am unerreichbaren Original zu messen. Der 30 Jahre jüngere Guadagnino hat Argentos Motive und Themen radikal neu interpretiert, belässt sie gleichzeitig suggestiv im Vagen. Eine Coverversion hat er seinen Film genannt. Diese Beschreibung trifft in gewisser Weise auch auf den Soundtrack von Radiohead-Frontmann Thom Yorke zu, eine kammermusikalische Interpretation von Goblins bombastischen Dissonanzen und verwunschenen Kinderliedmelodien, die ein gequältes Wispern und Klagen durchdringt.

Guadagnino übt sich in Zurückhaltung, doch man sollte diese Strategie nicht als Zugeständnis an Arthouse-Befindlichkeiten verstehen. Dass er auch ein Faible für höheren Camp, Körperhorror und den absurden Exzess des Butrausches hat, beweist der furiose Showdown in Maestro Argentos liebster Primärfarbe Rot, in dem der Horrorlehrling alle Register des sagenhaften „Grand Guignol“, des Bluttheaters der französischen Aufklärung, zieht.

Tanz als Medium der Selbstermächtigung

Die nachdrücklichste Stärke von „Suspiria“ besteht zweifellos darin, dass Guadagnino – anders als Argento – den Tanz als Medium der Selbstermächtigung ernst nimmt. Die Choreografie des zentralen Stücks mit dem Titel „Volk“ stammt von dem belgischen Tänzer und Regisseur Damien Jalet, es öffnet einen Resonanzraum bis in die jüngere deutsche Gewaltgeschichte. Bei Argento stellten die verstümmelten Körper der Mädchen noch Projektionsflächen einer kaum verhohlenen Misogynie dar, wie sie im Horrorfilm der Siebziger verbreitet war.

Jalets Choreografie verleiht ihren konvulsivischen, fast aggressiven Bewegungen eine Handlungsmacht, die die Tänzerinnen zunächst kontrollieren lernen müssen. Diese Reifeprüfung fordert Kollateralschäden. Bei einer rauschhaften, besessenen Tanzimprovisation nimmt Susie (ein irrer Höhepunkt) unwissentlich den Körper einer Kommilitonin buchstäblich in die Mangel, bricht Knochen, verknotet Extremitäten, verzerrt die Anatomie zu einem grotesken Häuflein Mensch. „So muss es sich anfühlen zu ficken“, erzählt die ahnungslose Susie ihrer Mentorin später. „Wie ein Tier.“

Mehr Lust gesteht Guadagnino seinen Figuren nicht zu. Unterdrücktes Begehren und Schuldgefühle brechen in „Suspiria“ nur im Tanz hervor, gelegentlich auch in den Träumen Susies, wo der krude Symbolismus Argentos Unterschlupf findet. Eine Figur jedoch gibt diesem phallokratischen Schuldkomplex aus Lust und Gewalt, gegen den sich Guadagninos Hexen verschwören, eine menschliche Gestalt. Der jüdische Psychologe Josef Klemperer (die bravouröse Gestalten- und Stimmwandlerin Tilda Swinton in ihrer zweiten Hauptrolle, ein überzeugender Gimmick) wird durch das Verschwinden seiner Patientin Patricia unfreiwillig in das Hexenkomplott verstrickt. Ihm kommt darin sogar eine zentrale Rolle zu, denn Klemperer hat sich ebenfalls schuldig gemacht. Jahrzehnte zuvor musste er tatenlos mit ansehen, wie seine Frau Anke (Jessica Harper, die bei Argento eine enigmatische Susie Bannion gab) in den Lagern der Nationalsozialisten starb.

Lügen, aus denen Wahrheit spricht

Die Komplizenschaft des Publikums, seine Schau- und Angstlust, gehört zu den zentralen Themen Argentos, insbesondere in den beiden Meisterwerken „Suspiria“ und „Opera“. Es ist der männliche Blick des Voyeurs, den Guadagnino hier Argentos Fans – und damit auch seinem jüngeren Alter Ego – vorhält. Seine Interpretation von „Suspiria“ entblößt die Weltordnung als männliche(r) Wille und Vorstellung. Wahnbilder, „mansplaint“ Klemperer in einer Szene Susies Freundin Sara (Mia Goth), die zu ahnen beginnt, dass sich hinter den Mauern der Tanzschule etwas Unaussprechliches manifestiert, seien nichts anderes als Lügen, aus denen Wahrheit spricht.

Wer aber trägt dann die Bürde derer, die sich an der Welt schuldig gemacht haben? Guadagnino und sein Drehbuchautor David Kajganich finden auf diese Frage eine Antwort von geradezu zwingender Logik: Sie legen das Schicksal der Menschheit in die Hände eines gütigen Hexen-Matriarchats. „Wir brauchen Schuld und Scham“, verkündet Susie auf dem Höhepunkt ihrer Initiation – aber eben nicht von jedem. Der Tod ist in „Suspiria“ eine Erlösung. Vergessen ein Segen.

In 15 Berliner Kinos, meist OmU/OV

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