Blick in die Ausstellung mit Arbeiten von Mathew Hale, Fred Eversley, Rosha Yaghmai und Alexandra Grant (v. links nach rechts) Foto: Trevor Good / carlier | gebauer, Berlin/Madrid
© Trevor Good / carlier | gebauer, Berlin/Madrid

Los Angeles aus Künstlersicht Der Himmel über LA

Christiane Meixner

Palmen haben ihren Preis: Eine Ausstellung über den Mythos Los Angeles in der Galerie Carlier Gebauer

Wir haben es gewusst: Los Angeles, das ist reines Roulette. Nach welchen Kriterien sich Glück und Pech verteilen, kann man so wenig vorhersagen wie das Spiel der Kugel, die sich ihren Platz im Roulettekessel willkürlich aussucht. Piero Golia gibt diesem Wahnsinn aus Sucht und Versuchung eine monumentale Form. In einen Mamorblock hat er einen solchen Kessel eingelassen, dessen Boden sich unaufhörlich dreht – und mit ihm die Kugel. Das rastlose Klackern von „Still Live (Rotating Device)“ ist weit über das Kabinett hinaus zu hören, in das Mathew Hale die Skulptur in der Galerie Carlier Gebauer gestellt hat: Es wird zum Sound seiner Ausstellung über LA, dieser Stadt voller gelebter Widersprüche.

Hales Ausstellung? Tatsächlich agiert der in Berlin lebende Künstler diesmal als Kurator und zeigt selbst bloß drei Arbeiten, die nach seinem längeren Aufenthalt in Los Angeles entstanden. „Love is a silver dollar / Bright as a church bell’s chime“ ist ein blattloser Rosenzweig, an dem ein Preisschild mit einer Zeichnung von Hale hängt. Hale hat beides nach Besuchen am Grab von Marilyn Monroe konzipiert, an das ein Parkplatz so nahe heranreicht, dass man sich die Kühlergrills der dort stehenden Autos unmöglich wegdenken kann.

Aus Mixturen wie dieser nun sechs Jahrzehnte währenden Trauer um einen Star und kühlem Pragmatismus speist sich die Gruppenschau „The Youngest Day“. Thomas Demand, der viele Jahre an der Westküste verbracht hat, steuert „Daily #33“ bei – eine alltägliche Impression, die er wie üblich aufwändig aus Papier nachbaut, während Fiona Connor ihr „Community Notice Board“ von 2016 in Metall gießt. Beide spiegeln die schlichteste Form von Kommunikation über Zettel in einer Gesellschaft, die doch eigentlich alle digitalen Alternativen bereithält.

[Galerie Carlier Gebauer, Markgrafenstr. 67; bis 8. September, Di-Sa 11-18 Uhr]

Palmen spielen natürlich auch eine Rolle. Sie prägen das Bild der Metropole, tauchen in der Malerei von Glen Rubsamen wie Aaron Fowler auf, dessen „LA Skies“ in ihren eindrucksvollen Weiten und Veränderungen tatsächlich immer nur von einem Dach aus eingefangen wurden. Dass die exotischen Bäume ein Import und schon gar keine Stadtpflanzen sind, könnte sich in der Skulptur der in Santa Monica lebenden Bildhauerin Rosha Yaghmai spiegeln. Ihre freistehende Figur besteht aus einem gebogenen Armierungseisen und farbigen Korrekturgläsern, die sie wie Blätter in Schlitzen arrangiert hat. Unwillkürlich denkt man an einen schlanken Baum, der sich unter der Last seiner Bedeutung biegt.

Die Palmen von LA - ein Import

Mit solchen Assoziationen spielen die hier versammelten Künstler:innen. Zwei Dutzend sind es und damit ganz schön viele für dreieinhalb Galerieräume. Doch Hale agiert als Künstler, arrangiert die Werke intuitiv, verdichtet ihre Aussagen und schafft Sichtachsen – oder zumindest gedankliche Achsen, wenn es um Hollywood als „the narrative factory oft he western world“ (Mathew Hale) und seine Bilderwelten geht, die sich tief in die Stadt gegraben haben. Joey Kötting zitiert sie in seinem Video „Pump/Cross“ ebenso wie Nicole Miller in ihrer Laser-Animation „For Now“ (2018), die ständig ihre beiden titelgebenden Worte formt und damit auf absoluter Gegenwärtigkeit besteht. Eine Forderung, deren Absurdität Hale auf den Punkt bringt, wenn er in seinem Ausstellungstext über ein LA-Phänomen nachdenkt, über das seiner Erfahrung nach kaum einer spricht: Die Stadt befindet sich in einer Zeitzone, die sie in allem spät dran sein lässt. Wenn in New York oder Berlin schon Ereignisse diskutiert werden, wacht die Stadt an der Westküste gerade auf. „The Youngest Day“, diese Behauptung gilt nur für ihre Bewohner.

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