Statt Sonne. Helen von der Künstlergruppe Elli Fatale zeigt ihr Make-up beim Lollapalooza-Festival im Olympiastadion. Foto: Britta Pedersen/dpa
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Update Lollapalooza in Berlin Mit Glitzer gegen die Wolken

Ein Hauch von Herbst, Space Buns und Generationenumbruch: Vom ersten Tag des Lollapalooza-Festivals mit Dendemann, Billie Eilish und Swedish House Mafia.

Die Anreise zum Olympiastadion gestaltete sich am Samstag problemlos. Anders als beim Verkehrschaos vor zwei Jahren am Hoppegarten drängte sich diesmal niemand in den Zügen, von Menschenmengen am Bahnsteig war nichts zu spüren.

Auf dem Festivalgelände hingegen schoben sich bereits zehntausende Gäste zwischen den ersten Auftritten von Künstlern wie Tom Walker, Sigrid und Dendemann von Bühne zu Bühne.

Eigentlich müsste der geneigte Lollapalooza-Besucher über die vergangenen Jahren längst daran gewöhnt sein. Doch es ist immer wieder erstaunlich, wie viel Werbestände auf ein Festivalgelände passen. Fast verschwinden die Bühnen zwischen den unzähligen Ständen von Fastfoodketten, Kaffeeherstellern und Drogeriemärkten, wo Unmengen an Giveaways und Merchandising-Produkte verteilt werden.

Der Himmel ist bedeckt und ein Hauch von Herbst liegt in der Luft. Doch in den Outfits lebt der meteorologisch bereits beendete Sommer fort. Vom Regen, der für den Abend angekündigt ist, will niemand etwas wissen.

Keine Spur von Menschenmassen und Verkehrschaos wie in den Jahren zuvor. Foto: Hannes Soltau Vergrößern
Keine Spur von Menschenmassen und Verkehrschaos wie in den Jahren zuvor. © Hannes Soltau
Am frühen Nachmittag wurde es dann doch noch voll. Deutlich zu beobachten: Die Festival-Besucher wurden immer jünger. Foto: dpa Vergrößern
Am frühen Nachmittag wurde es dann doch noch voll. Deutlich zu beobachten: Die Festival-Besucher wurden immer jünger. © dpa

Viel Glitzer in den Gesichtern ist zu entdecken, Space Buns (die Lucilectric-Gedächtnisfrisur) sind die Frisur der Stunde und Leopardenmuster dominieren die Kleidung der Festivalbesucher.

Goldene Zeiten. Festivalbesucherinnen beim Lollapalooza. Foto: Britta Pedersen/dpa Vergrößern
Goldene Zeiten. Festivalbesucherinnen beim Lollapalooza. © Britta Pedersen/dpa
Ein Festivalbesucher auf dem Lollapalooza. Foto: dpa Vergrößern
Ein Festivalbesucher auf dem Lollapalooza. © dpa

Das Zeitalter der klassischen Festivalbands beim Lollapalooza scheint endgültig vorbei zu sei. Waren die Headliner in den vergangenen Jahren noch Muse, Radiohead, Foo Fighters oder Kraftwerk, sind es an diesem ersten Festivaltag Pop-Acts wie Twenty One Pilots, Billie Eilish und Swedish House Mafia.

Und nicht nur auf der Bühne wird der Generationenumbruch vollzogen. Auch das Publikum scheint erheblich verjüngt. In diesem Jahr ist vor allem die Generation Oberstufe bis Bachelorstudium vertreten.

Nachmittags hatte das Festival mit Acts wie Tom Walker und Dendemann begonnen. Foto: Hannes Soltau Vergrößern
Nachmittags hatte das Festival mit Acts wie Tom Walker und Dendemann begonnen. © Hannes Soltau
Hinter den Kulissen des Festivals. Foto: Hannes Soltau Vergrößern
Hinter den Kulissen des Festivals. © Hannes Soltau

Die alte Garde hat es diesem Jahr schwer. Als Dendemann die Bühne betritt, ist davor noch reichlich Platz. "Fühlt ihr noch Begeisterung für diesen Quatsch?", ruft er ins Publikum. Die Antwort fällt verhalten aus.

Kreischen für Billie Eilish

Nach jedem Song des Rappers zieht es Trauben von Menschen hinüber zur zweiten Hauptbühne. Seit Stunden harren sie hier aus. Ein Durchkommen ist kaum mehr möglich. Die Smartphones sind gezückt. Erste Tränen rollen. Nur aus weiter Ferne lässt sich auf den Bildschirmen der Grund für ihre Euphorie erkennen: Billie Eilish.

Als der international gefeierte Shooting-Star die Bühne betritt und die erste Töne ins Mikrofon haucht, ist er kaum zu verstehen, so laut hallt das Kreischen über das Maifeld. Eine wunderbar verschrobene Erscheinung gibt die 17-Jährige ab, hellblauer Louis-Vuitton-Zweiteiler, grellbunt gefärbte Haaren.

Shootingstar Billie Eilish beim Lollapalooza-Festival. Foto: Jan Huebner/imago Vergrößern
Shootingstar Billie Eilish beim Lollapalooza-Festival. © Jan Huebner/imago

Beide Beinen in Schienen. Spuren ihrer Europatour, die mit dem Auftritt beim Lollapalooza endet. Trotzdem hüpft sie mit einer Eleganz über die Bühne, als wäre sie seit Jahrzehnten im Geschäft. Immer wieder schwenkt die Bühnenkamera ins Publikum, wo Ekstase und Ohnmacht dicht beieinander liegen.

Den ersten Tag auf dem Lollapalooza könnte man auf das Motto "Teenage Angst" herunterbrechen. Nicht nur weil die 17-jährige Billie Eilish mit ihrem offenen Umgang mit Gefühlen, Schwächen und mentalen Erkrankungen als Sprachrohr depressiver Teenager gefeiert wird. Auch Swedish House Mafia texten in ihrer Hitsingle "My father said. Don't you worry, don't you worry child" und Twenty One Pilots pflichten in ihrem Radiohit "Stressed Out" bei: "Wish we could turn back time, to the good old days. When our momma sang us to sleep, but now we're stressed out".

In Sachen Geschlechterverhältnis ist der erste Festivaltag des Lollapaloozas ernüchternd: Unter den Künstlern, die das Programm auf den vier großen Bühnen am Eröffnungstag abschließen, ist keine Frau zu finden. Auf der "Perry's Stage" im Olympiastadion, die einen Schwerpunkt auf elektronische Musik legt, spielen über den Tag acht Acts - ausschließlich Männer. Nur auf der kleinsten Bühne im Weingarten sind Frauen in der Überzahl.

Passend dazu wird an den Getränkeständen des Festivalgeländes ein Angebot mit fünf Bieren als "Männerhandtasche" angepriesen. Am Sonntag weist das Line-Up auf den vier Hauptbühnen übrigens nur vier Künstlerinnen unter 25 Konzerten aus. Das Primavera in Barcelona hatte bewiesen, dass es im Jahr 2019 durchaus möglich ist, ein großes Musikfestival mit einem Frauenanteil auf der Bühne von mehr als 50 Prozent zu organisieren. Da kann Berlin sich noch einiges abgucken.

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