Soll als Hexe verbrannt werden, aber dann kommt Lohengrin: Camilla Nylund als Elsa von Brabant im "Lohengrin"-Bühnenbild von Christa Loy und Neo Rauch. Foto: dpa/E. Nawrath/Bayreuther Festspiele
© dpa/E. Nawrath/Bayreuther Festspiele

"Lohengrin" bei den Bayreuther Festspielen Blau ist eine tolle Farbe

Zweimal „Lohengrin“ in Bayreuth: Beglückend mit Christian Thielemann – und als Krimi-Version für Kinder.

Was für ein Blau. Delfter-Kachel-Blau, Himmelsblau, magisches Blau: Wenn von diesem „Lohengrin“ in seinem letzten Bayreuther Jahr etwas bleibt, dann ist es nicht die politisch aktuell gewordene Energiefrage angesichts von Yuval Sharons Umspannwerk-Metaphorik, sondern die Farbe, in der das Künstlerpaar Rosa Loy und Neo Rauch seine fantastischen Bühnenprospekte gestaltet. Jene Farbe auch, in die Christian Thielemann Wagners Musik taucht. Schon das Vorspiel sei blaue Musik, hat Nietzsche ja gesagt, „von opiatischer, narkotischer Wirkung“.

Die hohen Streicher im Pianissimo, aufglimmend, wieder verschwindend, wieder aufscheinend: Es sind Sphärenklänge, die sich gleich in den Gestalten der Märchenoper manifestieren werden, Wagners erster durchkomponierter, den Pariser Einfluss nicht leugnender Oper. Auf der Stelle ist man hypnotisiert, fühlt sich von jenem Gefühl erfasst, das Elsa im zweiten Akt beschwört: „Es gibt ein Glück, das ohne Reu'!“ Wenn Klaus Florian Vogt (spätestens seit Hans Neuenfels' Bayreuth-Inszenierung der Traum-Lohengrin schlechthin) nach seiner Graserzählung ganz hinten auf der Bühne schlichte, innige, hauchzarte Töne anstimmt und man jede Silbe versteht, löst es sich ein. Man streckt die Waffen, so wie es das Insektenvolk der Brabanter per Stromschlag dahinrafft.

Thielemann ist aktuell wohl der weltbeste Wagner-Dirigent. Die Tücken des Bayreuther Orchestergrabens kennt er aus dem Effeff, hat er hier doch schon sämtliche Wagner-Opern dirigiert. Schlagartig wird der Unterschied klar, in dieser Woche des neuen „Rings der Nibelungen“ mit Cornelius Meister am Pult.

Der macht seine Sache als Einspringer gut, hält die Zügel in der Hand. Bei Thielemann hingegen ist alles sich verströmender Klangfluss, bei den rauschhaften Instrumental- und Chor-Ensembles (wieder fabelhaft einstudiert von Eberhard Friedrich) genauso wie beim fein austarierten Innehalten, bei den fragilen Passagen.

Seit Ende 2020 ist Thielemann nicht mehr Musikdirektor in Bayreuth. Im Zuge der MeToo-Vorwürfe kurz vor Saisoneröffnung wurden auch Vorwürfe gegen ihn laut. Er habe sich sexistisch geäußert, sich abfällig und herrisch verhalten. Kritik, die der Maestro zurückweist. Es scheint allemal menschlich schwierig mit ihm zu sein, wieder drang die Kunde von Meinungsverschiedenheiten mit der Festspielleitung nach außen. Bitte, löst eure Probleme, möchte man ihn zurufen. Thielemanns Wagner macht süchtig, Bayreuth ohne ihn wäre ein immenser Verlust.

Großartig, wie Thielemann die Sänger auf Händen trägt

Allein wie er den „Lohengrin“-Sängern zu Diensten ist, wie er Lautstärke, Akzente und Instrumentalkolorit den Stimmen anpasst, dem zeitlos brillanten Unschulds-Tenor von Vogt genauso wie der lyrischen Elsa von Camilla Nylund, der willensstarken Ortrud von Petra Lang oder dem König Georg Zeppenfelds (dessen souverän deklamierender Bass-Erzählerstimme man auch mal eine Hauptpartie in Bayreuth wünschte). Thielemann, der Wagner so einfühlsam zu modellieren weiß und die Sänger auf Händen trägt, er soll im echten Leben ein Polterer sein? An diesem Abend fällt es schwer, das ernüchternde Wissen darüber, dass große Künstler nicht per se bessere Menschen sind, auf Christian Thielemann anzuwenden.

Sehr böse. Stéphanie Müther als Ortrud im Kinder-„Lohengrin“, links Brit-Tone Müllertz als Elsa. Foto: E. Mayer/BF Medien Vergrößern
Sehr böse. Stéphanie Müther als Ortrud im Kinder-„Lohengrin“, links Brit-Tone Müllertz als Elsa. © E. Mayer/BF Medien

Szenenwechsel zur Probebühne 4, einer Holzbaracke im Festspielpark. Hier spielt der Kinder-„Lohengrin“, in der 70-Minuten-Bearbeitung von Katharina Wagner und unter Regie der in Berlin studierenden Lea Willeke. Auch hier dominiert Blau, eine hellblaue Burgkulisse, ein knallblauer Orchesterklang des temperamentvollen Brandenburgischen Staatsorchesters unter Leitung von Azis Sadikovic.

Während Regisseur Sharon beim Erwachsenen-„Lohengrin“ das Lob des Zweifels anstimmt und die bei Wagner als naiv oder intrigant diffamierten Frauenfiguren Elsa und Ortrud zu mutigen Wahrheitskämpferinnen erklärt, geht es im Kinder-„Lohengrin“ etwas verzopfter zu. Die böse böse Ortrud (Stéphanie Müther) ist schuld, finden die Sherlock- Holmes-Detektive namens Rufer und König (Manni Laudenbach, Oleskandr Pushniak) bei ihrer Fahndung nach Elsas verschwundenem Bruder heraus.

Der Zeichentrick-Schwan im Kinder-"Lohengrin" macht großen Spaß

Elsa (Brit-Tone Müllertz) trägt zwar Orange, jene Blau-Komplementärfarbe, die auch bei der Emanzipation von der Männerwelt im Festspielhaus angesagt ist, bleibt aber doch eine recht arglose Maid. Im Hochzeitsgemach hantiert sie mit Wählscheiben-Telefon und Koffer-TV herum: Die Kids im Publikum dürften solche Apparate höchstens aus dem Technikmuseum kennen.

Der an die Burgwand projizierte selbstironische Zeichentrick-Schwan hat allerdings Witz. Und toll, dass hier für Acht- bis Zwölfjährige die wichtigsten Opern- Passagen erklingen, von „Nie sollst du mich befragen“ bis „Treulich geführt“, vorgetragen von großen Wagner-Sängern. Telramund-Darsteller Michael Kupfer-Radecky war nur zwei Abende zuvor in der „Walküre“ als Wotan eingesprungen, die beiden Sängerinnen gehören zum Walküren-Oktett. Dennoch entwickeln das spielfreudige Ensemble und das engagierte Orchester in der kleinen Halle vor allem eins: Lautstärke. Oper ist, wenn es in den Ohren klingelt? Andere Häuser sind weiter mit ihren Education-Programmen.

Bayreuth ist allemal, wenn das Publikum trampelt und tobt. Im Festspielhaus wird der „Lohengrin“ euphorisch bejubelt, allen voran Thielemann. Das umstrittene „Ring“-Team dürfte nach der „Götterdämmerung“ auf weniger einmütige Reaktionen stoßen.

Zur Startseite