Die schwedische Comiczeichnerin Liv Strömquist, 40. Foto: Livia Rostavanyi
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Liv Strömquist im Porträt Durch die lila Brille

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Witzig und lehrreich: Die schwedische Zeichnerin Liv Strömquist macht feministische Comics - mal geht es um die Liebe, mal um die Vulva.

Eine Beziehungsbilanz in Sprechblasen: Er antwortet nie auf meine SMS. Er will nie etwas mit mir alleine unternehmen. Er kann keine Gefühle zeigen. Wenn ich weine, hat er keine Ahnung, wie er mich trösten kann. Aber trotzdem will ich unbedingt mit ihm zusammen sein.

Was die junge Frau mit der punkigen Frisur hier auf einer ganzen Buchseite beschreibt, dürfte vielen ihrer Geschlechtsgenossinnen bekannt vorkommen. Es handelt sich um die Dynamik einer toxischen heterosexuellen Beziehung – exemplarisch skizziert von der schwedischen Zeichnerin Liv Strömquist in ihrem kürzlich auf Deutsch erschienenen Comic „Der Ursprung der Liebe“, der der Frage nachgeht, warum Frauen bei Männern bleiben, die ihnen nicht guttun.

Strömquists Motivation für das in Schweden 2010 publizierte Werk, aus dem sie wegen einer Grippe nicht wie geplant auf dem Graphic Novel Day des Internationalen Literaturfestivals am Sonntag lesen kann, war eine persönliche: „Ich hatte ein Beziehung mit einem Mann, der mich nicht so liebte wie ich ihn“, erinnert sie sich bei einem Telefongespräch. „Er schlief mit anderen Frauen, es war die ganze Zeit schmerzhaft. Ich wollte verstehen, warum dieser Schmerz so intensiv ist.“

Die Message ist wichtiger als das Detail

Also begann die studierte Politikwissenschaftlerin zu recherchieren, arbeitete sich durch soziologische und psychologische Studien, erforschte Mythen und analysierte prominente Paare. Daraus destillierte sie einen witzigen, lehrreichen Band, dessen grobe Schwarz-Weiß-Optik an DIY-Fanzines der Neunziger erinnert. Die 1978 in Lund geborene Strömquist ist in dieser Szene groß geworden, brachte mit Mitte 20 ein Comicfanzine heraus, das von Punk und der amerikanischen Riot Grrrl-Bewegung inspiriert war.

So ist in ihren Comics auch jetzt noch die Aussage wichtiger als das zeichnerische Detail. Ihr reichen meist eine oder zwei Figuren, um die in Fußnoten zitierten Theorien zu illustrieren. Dabei spielt Schrift eine große Rolle. Wenn Strömquist etwa die Erkenntnisse der Psychoanalytikerin Lynne Layton zur stereotypen Rollenbildung zusammenfasst, drängen die Worte ihr Personal ganz an den Rand der Panels. Denn es ist zentral für das Verständnis des Beziehungsdilemmas zu zeigen, „was mit kleinen Mädchen in sexistisch-heteronormativen Familien passiert“. Sie lernen dort durch das Vorbild ihrer Mütter, dass Frauen ihr Selbstwertgefühl nur durch den Bezug auf andere Menschen bekommen. Die Selbstständigkeit und emotionale Unabhängigkeit der Väter ist dagegen kein Identifikationsangebot. Treffen sie später auf Männer, die das komplementäre Sozialisationsprogramm durchlebt haben, bleibt ihr Wunsch nach Nähe und Bestätigung unerfüllt.

Birtney Spears auf einer Doppelseite aus "Ursprung der Liebe" von Liv Strömquist. Abb.: Liv Strömquist/Avant-Verlag
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Hat es der Zeichnerin geholfen, solche Zusammenhänge zu verstehen? Sie lacht am anderen Ende Leitung in Malmö und sagt: „Ein bisschen vielleicht, aber das schafft man nicht allein durch Theorie.“ Allerdings hätten ihr viele Leserinnen erzählt, dass sie angeregt durch das Buch, ihre unguten Beziehungen beendet haben. In Frankreich löste es sogar eine kleine Trennungswelle aus: „Ich traf dort eine Gruppe von Teenagerinnen, die alle das Buch gelesen und danach ihre Freunde verlassen hatten.“ Ein feministischer Comic als Augenöffner.

Vielleicht hat er für die Mädchen eine ähnlich nachhaltige Wirkung wie das Erlebnis, das Liv Strömquist etwa im selben Alter hatte. Mit 17 besuchte sie ihre Schwester in Stockholm und geriet auf der Suche nach der Punkszene in einen kleinen Keller, in dem eine feministische Soziologin einen Vortrag hielt. Sie hatte junge heterosexuelle Paare ohne Kinder untersucht und festgestellt, dass zwischen ihnen bereits eine große Ungleichheit herrschte.

Erleuchtung in einem Stockholmer Keller

Der Abend hatte eine geradezu erleuchtende Dimension für Strömquist. „Ich habe damals zum ersten Mal das Wort Patriarchat gehört. Die Forscherin sagte, dass man die Welt aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten könne. Eine Möglichkeit sei es, eine feministische Brille aufzusetzen und sie als Patriarchat zu sehen.“ Strömquist probierte es aus und dachte fortan ständig: Was ist hier los? Sie ging in die Bibliothek ihres Provinzstädtchens und lieh sich die beiden dort vorhandenen feministischen Bücher aus – eines von Simone de Beauvoir, eines von einer schwedischen Feministin. Sie habe damals unendlich viele Debatten geführt, denn außer einer einzigen Freundin konnte niemand in ihrer Umgebung etwas anfangen mit ihrer Sicht auf die Dinge.

Liv Strömquist hat sich nicht davon abbringen lassen und ihre feministische Brille bis heute aufbehalten. Was sich auch an ihrem zweiten in Deutsche übersetzten Comic zeigt: „Der Ursprung der Welt“ ist eine Kulturgeschichte der Vulva. Auf dem Cover des hierzulande 2017 und in Schweden schon 2014 erschienenen Bandes ist ein Foto der Zeichnerin zu sehen, die mit gespreizten Beinen auf einer Holzbank sitzt und mit den Händen ein Dreieck vor ihrer Scham formt. Neben ihr lehnt eine Maschinenpistole. Das Motiv spielt auf die Performance „Genitalpanik“ der Künstlerin Valie Export von 1968 an. Die Österreicherin spazierte dabei mit einer ähnlichen Waffe und in einer Jeans, die ihren Genitalbereich frei ließ, durch die Reihen eines Münchner Kinos. Später ließ sie sich in der Montur fotografieren.

Genitalverstümmelung. Seite aus Liv Strömquists "Ursprung der Welt". Abb.: Liv Strömquist/Avant-Verlag
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Der Geist dieser „kraftvollen, schönen und coolen Arbeit“ habe sie sehr inspiriert, sagt Strömquist. Entsprechend direkt geht es in ihrem Band zu, der die Obsession männlicher Forscher und Geistlicher in Bezug auf das weibliche Genital sowie die daraus resultierenden Mythen beschreibt. Vieles davon ist schockierend – etwa die Geschichte der Exhumierung von Königin Christinas Leiche, bei der festgestellt werden sollte, ob sie intersexuell war. Doch Strömquist baut auch humorvolle Elemente ein, etwa wenn sie Aliens darüber diskutieren lässt, ob man überhaupt mit Menschen reden solle, da diese ja noch nicht mal in der Lage seien, eine Vulva korrekt darzustellen.

Durch den „Ursprung der Welt“ könnten wir bei den Außerirdischen noch mal eine Chance bekommen. Denn in diesem hervorragenden Aufklärungswerk, das es verdient hätte, Pflichtlektüre an Schulen zu sein, erfährt man alles Wissenswerte über die Vulva und die Vagina – von der wahren Größe der Klitoris über den Orgasmus bis hin zur Menstruation.

Liv Strömquist hat von vielen Fakten erst bei der Recherche für den Comic erfahren. „Dass mir das alles nicht beigebracht wurde, hat mich sehr verärgert“, sagt sie. Es sei Geschichte, unabdingbar um zu verstehen, wer man sei. Ihr Werk ist ein wichtiger Beitrag, um Wissenlücken zu schließen – und vielleicht sogar die feministische Brille etwas populärer zu machen.

Liv Strömquist: Der Ursprung der Liebe, Avant-Verlag, 136 S., 20 €. Der Ursprung der Welt, Avant-Verlag, 140 S.,19,95 €.

Graphic Novel Day des Literaturfestivals, Haus der Berliner Festspiele, 9.9., 10 Uhr. Das ganze Programm findet sich hier.

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