Der erste russische Literaturnobelpreisträger. Iwan Bunin. Foto: imago
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Literaturnobelpreisträgers Iwan Bunin Das Licht in der Seele

Iwan Bunin war der erste russische Literaturnobelpreisträger. Mit „Leichter Atem“ erscheinen Erzählungen aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg.

Es ist verführerisch, in Iwan Bunins Erzählungen den Widerschein der gesellschaftlichen Wandlungen Russlands in den Jahren der zu Ende gehenden Zarenherrschaft bis zur Revolution des Roten Oktober zu sehen. Der Begriff „Widerschein“ trifft dabei auf eine besondere Art von Bunins Dichtkunst zu.

Denn außerordentlich ist sein Vermögen, die flüchtigen Erscheinungen des Wetters, des Himmels, ja des Lichts selbst in Worte zu fassen. In fast jeder seiner Erzählungen gibt es solche scheinbar beiläufig eingestreuten Beschreibungen, die die Umstände und den seelischen Zustand seiner Protagonisten beleuchten und erhellen.

Die Werkausgabe im Zürcher Dörlemann Verlag wurde soeben mit dem neunten Band fortgesetzt. „Leichter Atem“ enthält alle 18 Erzählungen, die Bunin zwischen 1916 und seiner Emigration aus dem nunmehr sowjetischen Russland im Februar 1920 verfasst hat.

Iwan Bunin (1870-1953) war in den Jahren zwischen Jahrhundertwende und Weltkrieg ein gefeierter Dichter, zweifacher Träger des Puschkin-Preises und Ehrenmitglied der Akademie. Mit dem Krieg und den beiden Revolutionen 1917 verlor er seine Leser, und viele mögen gleich ihm ins Exil gegangen sein, wo er weiterhin publizierte und weitere Werkausgaben erschienen, eine umfassende noch von 1934 bis 1936 in Berlin.

1933 erhielt Iwan Bunin als erster Dichter russischer Sprache den Literaturnobelpreis. Bis heute ist er der einzige Preisträger, den die Schwedische Akademie als „staatenlos“ führt, korrekterweise. Tatsächlich lebte er in Südfrankreich, im Hinterland von Nizza, das vom 19. Jahrhundert an eine starke russische Kolonie beherbergt.

Souverän wechselt er die Erzählebenen

Bunin behandelt in vielen Erzählungen das Leben auf dem Lande, das alte, vormoderne Russland. Doch wäre es verkehrt, ihn darauf einengen zu wollen. Bunin reiste viel und weit, und manche Erzählungen spielen in anderen Weltgegenden. In „Leichter Atem“ allerdings dominieren die russischen Themen.

Jedoch bei allem Detailreichtum der Schilderung von Örtlichkeiten, Personen, von Landschaft und Wetter ist Bunin alles andere als naturalistisch. Souverän wechselt er die Erzählebenen, lässt in der berühmten Erzählung „Chang“ sogar den titelgebenden Hund diejenigen Träume träumen, durch die das Leben seines Herrn schimmert.

[Iwan Bunin: Leichter Atem. Erzählungen 1916-1919. Aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg. Dörlemann Verlag, Zürich 2020. 288 Seiten, 25 €.]

Altrussisches spielt durchaus eine große Rolle, Frömmigkeit, Legenden, all das kann Bunin auch im Tonfall lebendig werden lassen. Dann wiederum gibt es einen Tchechowschen Realismus in der Titelgeschichte, die wie stets bei Iwan Bunin in Andeutungen und Umschreibungen belässt, was den dramatischen Kern der Erzählung bildet, nur um ihn umso schärfer zu Bewusstsein zu bringen.

Was er von der Oktoberrevolution hielt, hat er in den Aufzeichnungen „Verfluchte Tage“ festgehalten; danach war der Weg ins Exil unausweichlich. In der Sowjetunion war Bunin lange verfemt, erst 1956, drei Jahre nach seinem Tod, erschienen Werke von ihm. Diese Werkausgabe, deren Übertragung aus dem Russischen durch Dorothea Trottenberg von großer Sprachschönheit ist, sollte Iwan Bunin im deutschsprachigen Raum endlich seinem Rang gemäß bekannt machen.

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