Im Grunde schreibt Modiano stets dasselbe Buch: Ein Erzähler erinnert sich.

Literaturnobelpreis für Patrick Modiano Der Ernst des Schwebens

Es sind mehrere Motive, die eigentlich in jedem Modiano-Roman wiederkehren, die er von Mal zu Mal variiert, im Grunde schreibt er stets dasselbe Buch. Neben der Besatzungszeit sind es die sechziger Jahre, die es ihm und seinen Figuren angetan haben. Zumeist versucht sich ein Erzähler zu erinnern, an die verschwundene Jugend, in der ihm doch die Welt gehörte, an die Irrwege, die Sehnsüchte dieser Zeit, an ein Mädchen, das er damals kannte. So wie der Held aus Modianos letztem Roman „Der Horizont“, der sich noch einmal eine alte Liebe von vor 40 Jahren vergegenwärtigt. Da war es vielleicht „Sommer im Frühling, wenn es im April schon sehr heiß ist. Oder einfach Nachsommer, im Herbst – all diese Jahreszeiten, die miteinander verschmelzen und einem das Gefühl geben, die Zeit sei stehengeblieben.“

Man kann Modiano-Romane mit dem Pariser Stadtplan in der Hand lesen

Und natürlich und immer wieder: an Paris, an die Straßen bestimmter Viertel. Man kann Modiano-Romane mit dem Straßenplan von Paris in der Hand lesen, immer wieder tauchen Plätze, Straßen, Cafés auf, so als ließe sich durch eine gesicherte Topografie zumindest ein fester Pflock in die unzuverlässigen, oft verwirrenden Erinnerungen schlagen. Und oft haben sich ja auch die Orte verändert, ist auch hier nicht mehr alles, wie es einst war. Was aber dem Leser nichts ausmachen muss: Paris bildet sich hier so schön und sehnsüchtig ab wie bei kaum einem zweiten Autor.

In seinem 2007 veröffentlichten Roman „Das Café der verlorenen Jugend“ sind es gleich drei Ich-Erzähler, die sich auf die Spur einer geheimnisvollen jungen Frau namens Jaqueline Delanque machen, genannt Louki. Einer davon ist Privatdetektiv, er wird von ihrem ersten Ehemann beauftragt, nach ihr zu forschen und gerät dabei zunehmend in seltsame Daseinszustände: „Ich spürte ihre Gegenwart auf diesem Boulevard, dessen Lichter wie Signale leuchteten, ohne dass ich sie hätte entschlüsseln können und ohne zu wissen, aus welch fernen Jahren sie drangen.“ Es geht nicht gut aus für Louki, sie stürzt sich aus dem Fenster eines billigen Hotels; aber vielleicht hat sie auch ihr höchstes Glück erreicht, nämlich „in der Luft zu schweben und endlich jenes Gefühl der Schwerelosigkeit zu verspüren, nach dem ich schon immer gesucht habe.“

Tatsächlich strahlt auch Modianos, hierzulande zumeist von Elisabeth Edl wunderbar ins Deutsche übertragene Prosa, etwas Schwereloses, Schwebendes aus – das macht bei wiederkehrender Thematik den Reiz seiner Bücher aus, gar ihr Suchtpotential. Die Sätze wirken beiläufig, leise und unaufgeregt – und doch ist das alles sehr präzise gebaut, versteht es der Autor, Zeiten, Räume und Figuren fast unmerklich ineinander übergehen zu lassen. In Frankreich ist Patrick Modiano schon lange einer der größten, 1978 gewann er schon den Prix Goncourt mit dem Roman „Die Gasse der dunklen Läden“. Der Literaturnobelpreis wird ihm nun auch in anderen Ländern größere Aufmerksamkeit verschaffen; auch in Deutschland, wo er nur einigen wenigen, ihn dafür aber innigst verehrenden Lesern bekannt ist. Verdient hat er es.

Zur Startseite