Wie aus dem Bergbauernland eine wirtschaftliche Macht wurde Auf die Schiene gesetzt

Joseph Jung berauscht sich am Pioniergeist, der die Schweiz im 19. Jahrhundert beflügelte.

Aus Sicht ihrer europäischen Nachbarn ist die Schweiz ein Schlaraffenland. Das Schlaraffenland schlechthin. Es ist so seit Menschengedenken.

Doch es war einmal anders. Es gab eine Zeit, da die Schweiz Arbeitskräfte als Tagelöhner abgab und später Tausende auf der Suche nach einem besseren Leben auswanderten. Es gab eine Zeit, da sich die Schweiz überhaupt erst als Nationalstaat konstituierte. Es gab eine Zeit, die aus der Gleichförmigkeit jahrhundertealter Traditionen heraus- und in die Moderne hineinführte. Es war das 19. Jahrhundert.

Schweiz und Fortschritt sind eines

Der Historiker Joseph Jung hat ein Buch geschrieben, dick wie ein Backstein und doch leicht zu lesen, das – so der Untertitel - „Die Schweiz im 19. Jahrhundert“ darstellt. Den Generalnenner beschreibt der Haupttitel, „Das Laboratorium des Fortschritts“. Nun zeigt sich das 19. Jahrhundert allgemein als eine Zeit des Fortschritts, aber für die Schweiz nimmt Jung diesen Begriff mit aller Emphase in Beschlag. Sein Buch gliedert sich in vier Teile und einen Epilog, die die Veränderungen unter politischen, industriellen, kulturellen und touristischen Vorzeichen betrachtet. Jung nennt es „ein mehrdimensionales Panorama, das nicht nur Fakten, sondern insbesondere auch ein Lebensgefühl vermitteln soll“.

Die gängige, touristisch geprägte Perspektive übersieht, dass die Schweiz im 19. Jahrhundert zuvörderst zum Industrieland wurde. „In England und Deutschland bildeten Kohlevorkommen die rohstoffmäßige Grundlage der frühen Industrialisierung“, fasst Jung prägnant zusammen: „Der diesbezügliche Standortnachteil verlor mit der Möglichkeit des Massengütertransports per Eisenbahn an Gewicht. Überdies ersetzte Wasserkraft die mit Kohle beheizte Dampfmaschine als Energielieferantin ortsfester Anlagen. Diese beiden Faktoren ermöglichten der Schweiz in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ihrer Rohstoffarmut zum Trotz an die Spitze der technischen Entwicklung vorzustoßen.“

Die Eisenbahn verändert alles

Die Ökonomie bildet den Hintergrund, vor dem Jung die Entwicklung des Landes ausbreitet. Immer wieder muss sich der Leser vergegenwärtigen, dass es sich bei der Schweiz um ein in weiten Teilen unwirtliches Land handelte. Und dennoch: „Während die Eisenbahn den Raum neu vermaß, machte die Telekommunikation Distanzen überhaupt belanglos. Beides verlangte gebieterisch nach einer verbindlichen Zeitmessung (…).“ Die wurde zwar erst 1894 landesweit dekretiert, doch zwang der rasante, privat betriebene Ausbau des Eisenbahnnetzes ab 1852 schon zuvor zu regionalen Vereinheitlichungen.

Die Demografie wandelte sich ebenso. Bis zum Ende des Jahrhunderts hatte sich die Einwohnerzahl auf 3,3 Millionen verdoppelt, der Anteil der Stadtbewohner auf 22 Prozent fast vervierfacht – und das, obwohl die spezifische Industrialisierung Produktionsstätten außerhalb der Städte ermöglichte. Den Schlüssel dazu bildet die Eisenbahn. Überhaupt ist Jungs Buch eine einzige Hymne auf die Eisenbahn als Motor und Mittel der technischen, wirtschaftlichen und jeder weiteren Entwicklung: „Die Verkehrsfrage ist gemeinhin die Kernfrage, die über die Entwicklung von Staaten entscheidet“, heißt es bündig.

Der liberale Staat

„Epochal war der Eisenbahnbau“, gerät Jung ins Schwärmen: „Wie fundamental und wie rasch sich die Transformation der Schweiz vollzog, veranschaulicht das Jahrhundertwerk der Nord-Süd-Verbindung durch die Alpen (…): Mit dem Gotthardprojekt (Bau 1872-1882) schulterte eine private Schweizer Bahngesellschaft das weltweit größte und anspruchsvollste Bauvorhaben: Pioniergeist, Know-how und Risikobereitschaft ermöglichten die Meisterleistung.“

Jung, der viele Jahre lang eine aus Industrievermögen hervorgegangene Stiftung geleitet hat, ist ein Wirtschaftsliberaler reinsten Wassers. Beständig preist er einen Staat, der lediglich die Rahmenbedingungen schafft und Stabilität garantiert, ansonsten aber der privaten Initiative unbegrenzten Raum belässt. Der Dreh- und Angelpunkt der Schweiz und ihrer Politik seither aber ist die Bundesverfassung von 1848, mit der die im Jahr zuvor im Sonderbundskrieg noch einmal aufgeflammten innerschweizerischen Konflikte „auf einen Schlag beigelegt“ waren: „Am 12. September 1848 brach eine neue Epoche der Schweizer Geschichte an.“

Die hohe Zeit des Reisens

So steckt das Buch denn auch voller Heldengeschichten, der „Bedeutung von Persönlichkeiten – Pionieren, Unternehmern, Wissenschaftlern, Visionären – für die gesellschaftspolitische Entwicklung eines Landes“, ob in Industrie, Technik oder Tourismus.

Die Belle Époque vor 1914 ist die nie wieder erreichte Hoch-Zeit des Tourismus, mit Hotelpalästen am Genfer See und bald dem Alpentourismus, gebündelt in der Erfindung von St. Moritz: „Die Schweiz als ,Playground of Europe’. Aus den Hochalpen als Hindernis und Nachteil war eine Ressource geworden. Und so konnte sich selbst in den als gänzlich ungeeignet erscheinenden Hochalpentälern mit dem Tourismus eine Industrie ungeahnten Ausmaßes entwickeln.“

Die Schattenseite bleibt - im Dunkeln

„Auch Gäste aus fernsten Ländern fanden den Weg an den Ort, wo die Welt noch in Ordnung war“, schreibt Jung am Schluss – und meint statt war zweifellos ist. „Doch hinter dem Swiss Miracle standen nicht Chalets und Kühe, sondern Fabriken, Maschinen und Bahnhöfe...“

Von den Menschen hingegen, die in den Fabriken schufteten, die Maschinen bedienten und die Bahnhöfe funktionstüchtig hielten, ist weniger die Rede. „Auf den gigantischen Baustellen am Gotthard arbeiteten vor allem italienische Gastarbeiter,“ erlaubt sich Jung einen raren Seitenblick: „In ihren Unterkünften herrschten teils katastrophale hygienische Zustände, im Stollen wurde die Frischluft knapp, und manche kehrten mit Staublungen in die südliche Heimat zurück.“

Die Schattenseite des Schweizer Fortschritts gilt es noch auszuleuchten. Die Sonnenseite aber hat in Joseph Jung ihren Erzähler gefunden.


Joseph Jung: Das Laboratorium des Fortschritts. Die Schweiz im 19. Jahrhundert. NZZ Libro, Basel 2020. 678 S. m. 133 Abb., 58 €.

Zur Startseite