Elisabeth I., die mächtigste Frau Englands Nur mit England verheiratet

Thomas Kielinger schildert die Königin als ebenso mächtige wie klug wägende Regentin.

Heiraten? Bloß nicht! Was hätte sie denn davon gehabt? Einen König an ihrer Seite, der sich in ihre Regierungsgeschäfte eingemischt, ja, sie zur Seite gedrängt hätte. Schwangerschaften, die sie womöglich das Leben gekostet hätten – ihre Stiefmütter waren, wie viele Frauen damals, im Kindbett gestorben. Dabei mangelte es der Queen nicht an Heiratskandidaten, sie war eine begehrenswerte Partie. Und der Druck war gewaltig: Die Diskussion über die offene Frage des Nachfolgers bestimmte ihre gesamte Amtszeit. Doch Elisabeth I. blieb stur. Sie war schon verheiratet. Mit England. Das reichte. Sie hatte, wie sie ihrem „geliebten Volk“ darlegte, selber „Herz und Mark eines Königs“.

Als energische, hochgebildete, schlagfertige Frau schildert Thomas Kielinger die Tudor-Königin in seiner Biografie. Ach ja, schön ist sie auch gewesen, sportlich dazu. 44 Jahre lang saß sie auf dem Thron. Wobei sie wohl selten gesessen hat, dafür hatte die Queen zu viel zu tun.

Der Religionskonflikt

Nicht unkritisch, aber mit großer Sympathie porträtiert Thomas Kielinger die Tochter Heinrichs VIII. als Kraft, die den Frieden im Land bewahrte, gerade den religiösen, zu einer Zeit, da Protestanten und Katholiken einander bekriegten. In unruhigen Zeiten sorgte sie für Stabilität im Land, trat außenpolitisch eher defensiv als aggressiv auf. Das eigene Land zusammenzuhalten, war ihr wichtiger, als andere zu erobern. „Einen Krieg beginnen ist leicht, ihn zu beenden nicht“, lautete ihr weises Motto. „No wars, My Lords!“, mahnte sie den Kronrat immer wieder.

Thomas Kielinger kennt sich aus auf der Insel, auf der er seit Jahrzehnten als Korrespondent der „Welt“ lebt“, auch das britische Königshaus ist ihm vertraut – über Elizabeth II. hat er schon eine Biografie verfasst. Natürlich blickt der Anglist mit den Augen der Gegenwart auf die Vergangenheit, etwa wenn er auf die Ausländerfeindlichkeit verweist, die Heinrich der VIII. hoffähig machte, indem er England als empire unto itself deklarierte.

Schnell kam das Todesurteil

Aber Kielinger verzichtet auf plumpe Analogien zwischen dem 17. und dem 21. Jahrhundert. Das Parlament hatte unter der Monarchin wenig zu sagen. Und damals, stellt er gleich zu Beginn seines flott geschrieben, spannenden Buches klar, ging es weitaus ruppiger zu als heute. Wer in Ungnade fiel, wurde schnell geköpft. So auch Elisabeths Mutter Anne Boleyn, Ehefrau Nummer 2 von Heinrich VIII. Es rollen einige Köpfe auf den 372 Seiten, Elisabeth selbst ist nicht gerade zimperlich. Einmal lässt sie 700 Todesurteile auf einen Schlag fällen, und zwar gerade gegen Vertreter ihres, wie sie gerne betonte, „geliebten Volkes“. Ihre Widersacherin Maria Stuart hat sie bekanntlich ebenfalls hinrichten lassen. Auch wenn sie, so Kielinger, lange mit dieser Entscheidung rang, die sie in ihre tiefste emotionale Krise gestürzt habe.

Dank zahlreicher Filme, Schauspiele und Bücher kennen viele die letzte Tudor-Monarchin vor allem aus der Auseinandersetzung mit ihrer Widersacherin. Kielinger hingegen schildert ihr ganzes Leben. Unter Elisabeths Herrschaft wurde 1580 die spanische Armada geschlagen – mit diesem Triumph beginnt der Autor sein Buch –, Francis Drake umsegelte die Welt, die Literatur erlebte eine neue Blüte.

Kein Dummkopf in der Nähe

Dass Shakespeare, Marlowe und Bacon das elisabethanische Zeitalter krönten, ist kein Zufall gewesen. Elisabeth war eine Frau des Wortes, von klein an. „Der Tag begann für sie mit dem griechischen Neuen Testament“, heißt es über die Jahre der Schülerin eines progressiven Pädagogen, „worauf als literarische und stilistische Beispiele Sophokles oder der Philosoph und Rhetoriker Isokrates folgten. Am Nachmittag und frühen Abend las man gemeinsam Klassiker des guten Stils wie Cicero oder den Historiker Livius.“

Die Bildung schlug sich später in ihren Reden nieder. Dummköpfe, so Kielinger, habe Elisabeth nur schwer ertragen können. Sie selber war nicht nur klug, sondern auch clever, ob als PR-Genie in eigener Sache oder im Abschmettern unzähliger Intrigen und Widerstände. Sonst hätte sie wohl kaum so lange mit ihrem Kopf auf den Schultern durchgehalten. „Dank Gott bin ich mit solchen Gaben ausgestattet, dass, würde ich aus dem Königreich in meinem Unterrock vertrieben, ich an jedem Ort der Christenheit leben könnte.“ Nein, um sie musste man sich keine Sorgen machen. Um ihr Land schon eher, das unter ihrer Ägide zunehmend unter Geldnot litt.

Die göttliche Jungfrau

Kielingers Monarchin ist eine faszinierende Figur, die er, von ein paar Ausrutschern abgesehen („auch wenn die süße Erinnerung an ihn noch lebhaft in ihr rumorte“), mit all ihren Schwächen lebendig werden lässt. Etwas tot wirken nur die Illustrationen, die, ihrer Farbigkeit beraubt, alle schwarz-weiß gedruckt sind.

Elisabeths Sturheit in Sachen Ehe zahlte sich aus. Am Ende ließ sie sich geradezu vergöttern als „jungfräuliche Königin“. Und auch wenn sie keinen biologischen Nachfolger hinterließ – dass der Übergang von den Tudors zu den Stuarts nach ihrem Tod friedlich verlief, verbucht Kielinger als Verdienst der Königin.

Thomas Kielinger: Die Königin. Elisabeth I. und der Kampf um England. Verlag C. H. Beck, München 2019. 375 S. mit 38 Abb. und 1 Stammbaum, 24,95 €.

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