Stark an Harpers Buch sind seine globalen klimageschichtlichen Aussagen, die uns im Big-History-Stil in Erinnerung rufen, wie sehr die Menschheitsgeschichte Funktion der Naturgeschichte ist. Foto: C.H. Beck
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Der Untergang Roms Gänzlich ist der Mensch Schicksal

Konstantin Sakkas

Kyle Harper erklärt den Untergang des Römischen Reiches aus Klimawandel und Epidemien.

Die Klimathese ist nicht neu. Doch Kyle Harper, dessen Buch „The Fate of Rome“ nun auf Deutsch erscheint, ist aktuell ihr bekanntester Vertreter: Nicht Barbareneinfälle, sondern drei schwere Epidemien in Verbindung mit einer globalen Abkühlung hätten das stolze Rom zu Fall gebracht: „Keime sind tödlicher als Germanen.“ [Kyle Harper: Fatum. Das Klima und der Untergang des Römischen Reiches. Aus dem Englischen von Anna und Wolf Heinrich Leube. Verlag C.H. Beck, München 2020. 567 S. m. zahlr. Abb. und Karten, 32 €.].

Das Buch, das im Original bereits Ende 2017 erschien, wurde nicht kritiklos aufgenommen. Sein Hauptproblem ist die mangelhafte Quellenlage. Die tatsächliche Mortalität der drei Epidemien lässt sich nur durch Rückschlüsse aus Steuerlisten und ähnlichem vermuten. Bei der ersten großen Plage im 2. Jahrhundert unter Kaisers Antoninus Pius – daher „Antoninische Plage“ – handelte es sich laut Harper um die Pocken, bei der zweiten einhundert Jahre später wohl um Ebola; dem Kirchenvater Cyprian von Karthago verdankt sie ihren Namen „Cyprianische Plage“ – und diese hübsche Beschreibung: „Die Eingeweide, gelöst in ständigem Ausfluss, entleeren sich aller Körperkräfte; ein Feuer, dessen Ursprung im Mark liegt, gärt in den Wunden tief im Rachen; die Innereien werden geschüttelt vom steten Erbrechen; die Augen brennen vom eingeschossenen Blut; manchmal nimmt die Vergiftung durch krankhafte Verwesung Arme und Beine.“

Dreihundert Jahre später kommt es schließlich zur Justinianischen Seuche. Erst seit 2013 (da gelang es, Erbgut aus einem Gräberfeld in Aschheim bei München zu sequenzieren) ist belegt, dass sie vom Pestbakterium Yersinia Pestis ausgelöst wurde, das uns 1347 als „Schwarzer Tod“ wiederbegegnet. Diese Epidemie hielt bis ins späte 8. Jahrhundert an – und soll nach einer populären Meinung den Siegeszug des Islam in der Levante erleichtert haben. Diese Meinung gilt inzwischen als überholt – aber die Pest war damals nicht das einzige Problem.

Die Kleine Eiszeit der Spätantike

„Die Sonne, ohne Strahlkraft“, schrieb der byzantinische Historiker Prokop, „leuchtete das ganze Jahr hindurch nur wie der Mond und machte den Eindruck, als ob sie fast ganz verfinstert sei.“ Die sogenannte Wetteranomalie der Jahre 535/536 wird landläufig auf eine vulkanische Eruption zurückgeführt; der Ascheauswurf habe die Sonneneinstrahlung minimiert und so für einen Zivilisationsbruch gesorgt. Es begann die „Kleine Eiszeit der Spätantike“ – und für Europa das dunkle Mittelalter.

Nicht diese Fakten sind das Neue an Harpers Buch, sondern ihre Einordnung in eine longue durée. Roms Aufstieg, so postulierten schon in den 1960er Jahren zwei Klimahistoriker, habe sich wesentlich dem „Optimum der Römerzeit“ verdankt. Es ermöglichte Weinbau noch hoch in den Bergen des Apennin und machte das heute dürre Nordafrika zur „Kornkammer des Reiches“. Ab Mitte des 2. Jahrhunderts nach Christus sei es damit vorüber gewesen, es folgte das „Pessimum der Völkerwanderungszeit“, das unter anderem die Hunnen in der innerasiatischen Steppe auf die Reise geschickt und so die Völkerwanderung ausgelöst habe, während im Imperium die Ernteerträge zurückgingen.

Stark sind Harpers klimageschichtlichen Aussagen

Doch gut belegbar ist all das nicht. Es klafft in Harpers These eine Lücke zwischen dem Ende des Optimums um etwa 150 und der Katastrophe unter Justinian um etwa 540. Nur – da war Rom längst auseinandergebrochen, in einen westlichen und einen östlichen Reichsteil; und während der letzte weströmische Kaiser 476 abgesetzt wurde, bestand Ostrom als Byzanz bis 1453 fort. Die Klima- und Epidemienthese greift erst ab dem 6. Jahrhundert. Da aber war das Römische Reich längst Geschichte.

Nein, stark an Harpers Buch sind seine globalen klimageschichtlichen Aussagen, die uns im Big-History-Stil in Erinnerung rufen, wie sehr die Menschheitsgeschichte Funktion der Naturgeschichte ist. Physik, Chemie, Biologie, Geschichte: Mit diesem erdgeschichtlichen Vierschritt beginnt Yuval Harari sein Meisterwerk „Sapiens“. Für Kyle Harper ist die menschliche Zivilisation ein „Feature“ jenes „irregulären Splitters der Klimageschichte, den wir als Holozän kennen“ – irregulär, weil nur die unerwartete Erwärmung vor 12000 Jahren unsere Zivilisation überhaupt erst möglich machte –, und in regelrechter Zahlenwüterei betont er: „Es gibt vielleicht insgesamt tausend Milliarden mikrobieller Arten; durchschnittlich stecken im Menschen allein etwa 40 Billionen bakterieller Zellen, und das schon seit dreieinhalb Milliarden Jahren. Es ist eine Welt der Mikroben – und wir leben mittendrin.“

Rom war hilflos angesichts der Seuchen

Vor 1500 Jahren war es die krasse Abkühlung, die Europa zivilisatorisch zurückwarf. Heute ist es die globale Erwärmung – zivilisationsgeschichtlich an sich ein Segen –, durch die die Auslöschung des Menschengeschlechts droht – beides in Verbindung mit Seuchen, denen Rom freilich, das betont Harper im Gespräch über sein Buch, unendlich hilfloser gegenüberstand als die Welt heute. Die Frage, ob Corona den Kurs der Weltpolitik beeinflussen, vielleicht China zurückwerfen oder dem Westen das Totenglöckchen läuten könnte, will er nicht beantworten; aber wie sehr er mit seinem historischen Wissen die Unvorhersagbarkeit einer pandemischen Krise betont, sollte uns allemal zu denken geben. Pan estin anthropos symphore – gänzlich ist der Mensch Schicksal: Auf diese demütige Maxime Herodots sollten wir uns in diesen Tagen wieder häufiger besinnen.

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