Der heutige Kapitalismus versucht, so viele Daten als irgend möglich zu sammeln. Immer mehr Computer sind im Einsatz. Foto: Shutterstock / tsyklon
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Der Überwachungkapitalismus bedroht die Freiheit Vom Schöpfen und Abschöpfen

Mariana Mazzucato und Shoshana Zuboff schreiben die Wirtschaftsgeschichte des Westens fort.

Der Kapitalismus kam, sah und siegte. Zumindest wirkte es so auf den Westen zu Beginn der neunziger Jahre. Der alte Kalte Krieg schien vorbei, der neue hatte noch nicht begonnen. Russland galt nun als Wachstumsmarkt schlechthin, China ohnehin. Doch dann stellte der Kapitalismus sich selbst ein Bein – und dies gleich mehrmals. Erst strauchelte er in der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2007. Dann kam ihm seine westliche Vorherrschaft zunehmend abhanden – und dies im doppelten Sinne: Zum einen demonstriert Peking wirtschaftlichen und damit auch politischen Erfolg durch seine Spielart des Kapitalismus. Amerika, Europa und Japan gelten nun auf ihrem eigenen ökonomischen Territorium nicht nur als angreifbar, sondern auch als verletzbar. Zum anderen beschädigt sich die westliche Ausprägung des Kapitalismus weiterhin selbst. Wie sehr und wo – darum geht es nun in den beiden gewichtigen Werken zweier Top-Ökonominnen.

Erfahrung ist ein "Rohstoff"

Shoshana Zuboff ruft das Zeitalter des Überwachungskapitalismus aus. Die studierte Philosophin und Sozialpsychologin war ab 1981 Professorin an der Harvard Business School. Bereits 1988 gelang ihr ein Bestseller mit „In the Age of the Smart Machine“, in dem sie die technologischen Entwicklungen und die daraus resultierenden Kontrollmechanismen vorhersagte. Mit dem Begriff „Dark Google“ prägte sie 2014 die Debatte um die digitale Zukunft und Big Data. Sie gilt inzwischen als eine der originellsten unter den Wirtschaftstheoretikern weltweit.

Unter Überwachungskapitalismus versteht Zuboff eine neue Marktform, die menschliche Erfahrung als kostenlosen Rohstoff für ihre versteckten kommerziellen Operationen der Extraktion, Vorhersage und des Verkaufs reklamiert; eine parasitäre ökonomische Logik, bei der die Produktion von Gütern und Dienstleistungen einer neuen globalen Architektur zur Verhaltensmodifikation untergeordnet ist; eine aus der Art geschlagene Form des Kapitalismus, die sich durch eine Konzentration von Reichtum, Wissen und Macht auszeichnet, die in der Menschheitsgeschichte beispiellos ist; Fundament und Rahmen einer Überwachungsökonomie, die so bedeutend für die menschliche Natur im 21. Jahrhundert wie der Industriekapitalismus des 19. und 20. Jahrhunderts für die Natur an sich ist; den Ursprung einer neuen instrumentären Macht, die Anspruch auf die Herrschaft über die Gesellschaft erhebt und die Marktdemokratie vor bestürzende Herausforderungen stellt; schließlich eine Enteignung kritischer Menschenrechte, die am besten als „Putsch von oben“ zu verstehen ist – als Beseitigung der Volkssouveränität.

Enteignung der Menschenrechte

Zuboff erkennt im Überwachungskapitalismus eine Teilbewegung einer alarmierenden globalen Abdrift hin zu einer Aufweichung öffentlicher Ansichten über Notwendigkeit und Unveräußerlichkeit der Demokratie selbst, die viele ihrer Kollegen in den Politikwissenschaften heute beobachten wollen. In der Tat wird derzeit auf eine weltweite „Rezession der Demokratie“, speziell auf eine „Dekonsolidierung“ der westlichen Demokratien verwiesen, die man lange für unempfindlich gegenüber antidemokratischen Bedrohungen hielt.

Nach globalen Umfragen scheinen viele Menschen aus diesem gefühlten Chaos den Schluss zu ziehen, dass die Marktdemokratie nicht mehr funktionsfähig sei, und dies trotz der Tatsache, dass die Kombination von Märkten und Demokratien der Menschheit beste Dienste geleistet hat, wie Zuboff zu Recht betont. Immerhin habe ebendiese Kombination sie aus Jahrtausenden von Unwissenheit, Armut und Schmerz befreit.

Mensch vor digital

Für einige derer, die entgegengesetzt denken, sind es die Märkte, die wegmüssen, für andere ist die Demokratie obsolet geworden. Angewidert von Klimakatastrophen und sozialem Zerfall, die für viele Wissenschaftler und Aktivisten die Folgen von fast vier Jahrzehnten neoliberaler Politik und Praxis sind, erklären sie die Ära des Kapitalismus für beendet. Dabei schlagen einige humanere ökonomische Alternativen vor, andere prophezeien einen langen Niedergang, wiederum andere reden einer Mischung aus elitärer Macht und autoritärer Politik in Anlehnung an Chinas Weg das Wort.

Zuboff hingegen will die Demokratie in den kommenden Jahrzehnten erneuert sehen. Die digitale Zukunft sei zwar nicht aufzuhalten, aber der Mensch und seine Menschlichkeit sollten obenan stehen. Dass dies gelingen kann, glaubt sie vor dem Hintergrund der amerikanischen Geschichte: Die Jahrzehnte ökonomischer Ungerechtigkeit und der Konzentration ungeheuren Reichtums nach dem Bürgerkrieg hätten dem Volk gezeigt, wie es nicht leben wollte. Dieses Wissen habe die Amerikaner in die Lage versetzt, diesem Gilded Age, dem „Vergoldeten Zeitalter“ ein Ende zu machen und die Waffen einer progressiven Gesetzgebung und des New Deal zu schmieden. Selbst heute noch würde man von robber barons, „Raubrittern“, sprechen, wenn an die Kapitalisten des ausgehenden 19. Jahrhunderts gedacht werde. Zuboff ist überzeugt: Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus wird dasselbe Schicksal wie das „Vergoldete Zeitalter“ erleiden.

Welche Wirtschaft wird gewollt?

Will Zuboff die Demokratie erneuert sehen, so geht es Mariana Mazzucato um einen neuen Kapitalismus. Den derzeitigen sieht die Professorin für Innovationsökonomie und Public Value am University College London durch ein parasitäres System geprägt: Darin gebe es jede Menge Akteure, die als wertschöpfend angesehen, doch eigentlich Werte nur verschieben würden – oder gar zerstören. Die Schöpfer würden mit den Abschöpfern verwechselt. Man habe den Blick dafür verloren, was wirklich Wohlstand schaffe.

Dies will Mazzucato ändern. Dazu berät sie Politiker in aller Welt zu Fragen eines smarten und nachhaltigen Wachstums. Als Sonderberaterin des EU-Kommissars für Forschung, Wissenschaft und Innovation sowie des Generalsekretärs der OECD fordert sie, das Konzept des Wertes müsse einmal mehr seinen rechtmäßigen Platz im Zentrum ökonomischen Denkens einnehmen. Befriedigendere Arbeitsplätze, weniger Verschmutzung, bessere Pflege, gerechtere Entlohnung – welche Art von Wirtschaft denn gewollt werde? Sei diese Frage erst einmal beantwortet, könne man entscheiden, wie die wirtschaftlichen Aktivitäten zu gestalten seien, und dabei solche, welche die gesteckten Ziele erfüllten, innerhalb der Produktionsgrenze verorten – als Belohnung dafür, das Wachstum in eine Richtung zu steuern, die allgemein als wünschenswert erscheine.

Die Dynamik der Veränderung

Bis man so weit sei, könne schon einmal versucht werden, Aktivitäten einzuschränken, die ausschließlich auf rent-seeking abzielten – auf das Streben von Interessengruppen, Unternehmen und weiteren Akteuren nach der Erschließung, Verteidigung oder Verbesserung von Einkommenserzielungschancen im Marktbereich mithilfe politisch erwirkter Privilegien –, und wirklich produktive Aktivitäten in höherem Maße belohnen als heute.

Mazzucato betont dabei, dass es nun einmal der jeweilige Kontext sei, auf den sich die – objektive – Dynamik technologischer Veränderungen und unternehmerischer Governance-Strukturen auswirke, letztere zum Beispiel auf die Entscheidung über die Art der Einkommensverteilung und die Macht der Arbeiter bei den Verhandlungen über ihren gerechten Anteil. Diese strukturellen Kräfte sind nach Mazzucatos Studien die Ergebnisse von Entscheidungsprozessen innerhalb von Organisationen: Sie seien weder unvermeidlich noch determiniert.

Politik ist - trotzdem - wichtig

Dementsprechend weist Mazzucato darauf hin, dass Wertschöpfung kollektiv erfolgt, dass Politik bei der Schaffung und Gestaltung eine aktivere Rolle spielen kann und dass wahrer Fortschritt einer dynamischen, auf die gesellschaftlichen Probleme des 21. Jahrhunderts konzentrierten Arbeitsteilung bedarf. So soll eine neue Ökonomie entstehen – eine „Ökonomie der Hoffnung“. Ob ein derart gestalteter Kapitalismus dann erneut über sich sagen können wird, er sei gekommen, habe gesehen und gesiegt?

Shoshana Zuboff: Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus. Aus dem Englischen von Bernhard Schmid. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2018. 727 S., 29,95 €. - Mariana Mazzucato: Wie kommt der Wert in die Welt? Von Schöpfern und Abschöpfern. Aus dem Englischen von Bernhard Schmid. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2019. 407 S., 26 €.

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