Der Pakt, der die Welt erschütterte Als Hitler und Stalin Europa aufteilten

Claudia Weber hat die deutsch-sowjetische Zusammenarbeit nach dem Vertrag vom 23. August 1939 erforscht.

Mit dem Hitler-Stalin-Pakt ist in der Regel die Vereinbarung vom 23. August 1939 gemeint – ein Nichtangriffsvertrag, unterzeichnet von den beiden Außenministern. Joachim von Ribbentrop und Wjatscheslaw Molotow, der beiden Seiten die Besetzung Polens ermöglichte. Denn zum Vertrag gab es ein geheimes Zusatzprotokoll, in dem die Teilung Polens abgesprochen war. Einen Monat später schlossen das Deutsche Reich und die Sowjetunion einen viel weiter gehenden „Grenz- und Freundschaftsvertrag“. Dem lag eine Karte Mittelosteuropas bei, auf dem die Abgrenzung der „Interessensphäre“ beider Mächte von Hand eingetragen war, versehen mit den Unterschriften wiederum Ribbentrops, aber auch Stalins selbst.

"Geheim" sollte geheim bleiben

Das „geheime Zusatzprotokoll“ wurde von der Sowjetunion bis zum Ende ihrer Existenz geleugnet, die Karte blieb im Kremlarchiv verborgen. Aber eine Version liegt seit 1960 im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes, nunmehr in Berlin; sie wurde 1961 erstmals publiziert. Angesichts ihrer welthistorischen Bedeutung ist die Nichtbeachtung erstaunlich.

„Nach wie vor wird die historische Bedeutung, die der Hitler-Stalin-Pakt für die ersten Jahre des Zweiten Weltkriegs besitzt, unterschätzt“, schreibt Claudia Weber in ihrem Buch „Der Pakt“, das morgen in den Handel kommt: „Auf das ,Dritte Reich‘ bezogen fristet er ein Dasein als taktischer Schachzug, der Hitler den Feldzug gegen Polen gestattete, ohne an der Absicht, die Sowjetunion zu vernichten, auch nur einen Deut zu ändern. Aus der sowjetischen Perspektive galt er als Versuch, den vermeintlich zwangsläufigen Überfall hinauszuzögern; eine Interpretation, die Stalin 1941 selbst erfolgreich in die Welt setzte.“

Frei zum Kriege

Der Pakt erlaubte nichts Geringeres als den Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939. Hitler war ohnehin zum Krieg gegen Polen entschlossen, doch die Reaktion der Sowjetunion stand infrage. Der Pakt minimierte das Risiko für den Vabanque-Spieler Hitler. Zwar erklärten ihm die beiden Westmächte den Krieg, aber der blieb monatelang bloßes Papier. Stalin wartete, bis die Wehrmacht Polen (nahezu) niedergerungen hatte, und nahm sich dann mit dem Einmarsch in Ostpolen am 17. September seinen Teil der Beute. „Das Bündnis zwischen Stalin und Hitler“ – konstatiert Weber – „bestimmte die ersten 22 Monate des Krieges im Osten und im Westen Europas.“

Nahezu unbekannt sind Art und Ausmaß der Zusammenarbeit, die beide Mächte nach ihrem doppelten Vertragsschluss pflegten. Diese Schwachstelle sucht Claudia Weber zu füllen, die Europäische Zeitgeschichte an der Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) lehrt. Weber sieht den Pakt eben nicht als bloßes Vorspiel, sondern als gemeinsames Handlungsfeld beider Diktaturen.

Quellen bereits erschlossen

Der dramatische Verlauf der Verhandlungen im August und September 1939 ist schon oft erzählt worden. Ausführlich dargelegt hat Jan Lipinski die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte in einem umfangreichen Band von 2004, und zwei Jahre zuvor erschien auf Deutsch die spannende, auf bis heute schwer zugängliche russische Quellen gestützte Darstellung von Lew Besymenski, an dessen Darstellung Weber anschließt.

Nahezu unbekanntes Terrain allerdings erschließt Weber mit ihren Archivfunden über die Zeit danach. So wurde unmittelbar nach dem Einrücken der Roten Armee eine gemeinsame Militärkommission gebildet. Das führte binnen Tagen zu einem Militärabkommen. „Am Tag der Unterzeichnung organisierten die Wehrmacht und die Rote Armee jene berüchtigte Siegesparade in Brest-Litowsk, auf der ,Panzergeneral‘ Heinz Guderian und Brigadekommandeur Semjon Kriwoschein die deutsch-sowjetische Waffenbrüderschaft für alle sichtbar besiegelten.“ Eine Woche später, am 29. September 1939, lag ein weiterer Vertrag unterschrieben vor: „Für die Praxis des Hitler-Stalin-Pakts, die deutsch-sowjetische Zusammenarbeit und die gemeinsamen Aktionen der kommenden Monate war der Grenz- und Freundschaftsvertrag (...) von größerer Bedeutung als das Vertragswerk vom August“. In diesem Papier und der anliegenden Karte erst wurde das Baltikum – einschließlich Finnlands – definitiv der Sowjetunion zugeschlagen, wurde Litauen, ursprünglich der deutschen „Sphäre“ zugeordnet, gegen Warschau und Mittelpolen getauscht, weil Stalin sich kein Nationalitätenproblem aufladen wollte. Stalin war „aufmerksam darauf bedacht“, wie Weber festhält, „die deutsch-sowjetische Grenze mit der so genannten Curzon-Linie in Übereinstimmung zu bringen, jenem Grenzverlauf also, den die Westmächte nach dem Ersten Weltkrieg (...) selbst vorgeschlagen hatten, der aber nicht realisiert worden war“ – weil Polen, was Weber übergeht, sich bis 1922 jene Gebiete erst einverleibte, die es nun wieder verlor.

Allerbeste Zusammenarbeit

Sehr bald gingen in den besetzten Gebieten „das nationalsozialistische und das stalinistische Regime eine Verbindung ein, deren Gewalt allen ideologischen Gegensätzen und politischen Unterschieden zum Trotz auf einem gemeinsamen radikalen Ordnungs- und Vernichtungswillen basierte, der bis zum Juni 1941 (...) ein erstaunlich unbekanntes, erschreckendes Miteinander hervorbrachte.“ Das von Lawrentij Berija geleitete NKWD begann sofort mit Deportationen, „die insgesamt bis zu 325 000 ehemalige polnische Staatsbürger unterschiedlicher ethnischer Zugehörigkeit betrafen“. Sie wurden in die riesigen Gulag-Systeme von Kasachstan und Sibirien deportiert. Die 25 000 Offiziere der polnischen Armee, die die Rote Armee gefangen genommen hatte, fielen im Frühjahr 1940 den Erschießungen in Katyn zum Opfer – nicht zuletzt, weil die deutsche Seite jede Übernahme in den von ihr besetzten Teil Polens ablehnte.

Auf guter Zusammenarbeit funktionierte die „Umsiedlung der so genannten Volksdeutschen“. Sie „war eine der weitreichendsten Aktionen, die Deutsche und Sowjets zur Zeit des Hitler-Stalin-Pakts durchführten“. Detailliert schildert Weber die Arbeit der Flüchtlingskommission und der in den sowjetischen Gebieten eröffneten Umsiedlungsbüros, vor denen sich Deutsche, aber ebenso Ukrainer, ja sogar Juden drängten, um der Sowjetherrschaft zu entkommen und in den deutschen Herrschaftsbereich überzusiedeln. Den Unglücklichen, die von den zuständigen SS-Männern der „Volksdeutschen Mittelstelle“ zurückgewiesen wurden, war Verhaftung und Deportation in den Gulag sicher. Am fürchterlichsten getroffen waren Juden: Weder Hitler noch Stalin wollten sie haben, sondern trieben sie nach Möglichkeit der jeweils anderen Seite zu.

Diktatoren, Konkurrenten

Die wirtschaftliche Zusammenarbeit der beiden Regime gehört zum bekannten Teil der Folgen des Hitler-Stalin-Pakts. Sie spiegeln die wachsende Gegnerschaft der Diktatoren über territoriale Eroberungen in Südosteuropa, Stichwort Bessarabien. Die Blitzkrieg-Erfolge Hitlers, vor allem der rasche Sieg über Frankreich, beunruhigten Stalin über die Maßen. Im November 1940, als der Pakt schon fast zerbrochen war, kam Molotow nach Berlin, wo Hitler ihn für seinen Kampf gegen Großbritannien einzuspannen suchte – was Molotow als plumpen Trick zurückwies. Interessant aber, dass der Stalin-Vertraute spitz betonte, „dass das deutsch-russische Abkommen nicht ohne Einfluss auf die großen deutschen Siege gewesen war“. Wohl wahr!

Der Überfall stand unverrückbar fest

Bleibt die Frage nach dem Angriff auf die Sowjetunion, dem „Unternehmen Barbarossa“ vom Juni 1941. Weber bekräftigt, dass Hitlers Entschlossenheit zum Angriff unverrückbar feststand und vom Ausgang des Molotow-Besuchs völlig unabhängig war. Im Lichte des Narrativs vom Überfall aus heiterem Himmel erscheint es unverständlich, dass Stalin alle Warnungen über den deutschen Aufmarsch in den Wind schlug. Doch „aus der Perspektive der Bündnisgeschichte betrachtet“, wendet Weber ein, „ergab sich ein anderes Bild. Danach überraschte Stalin weder der Kriegsbeginn, noch war er vom ,Verrat‘ Hitlers schockiert. Diese Option war dem Hitler-Stalin-Pakt von Beginn an eingeschrieben, und Stalin war niemals politisch so naiv, sie auszuschließen“. Doch der Kriegsbeginn, räumte Molotow Jahrzehnte später ein, „hat uns im Schlaf überrascht“. Molotow, so Weber, „bedauerte das Ende des Bündnisses, das für die Sowjetunion eine außenpolitische Erfolgsgeschichte war“.

In der Tat: Nicht weniger als 422 000 Quadratkilometer waren der Sowjetunion zur Geltungszeit des Paktes dauerhaft zugefallen. Der Pakt, umreißt Weber dessen welthistorische Bedeutung, „hatte den Grundstein für das sowjetische Imperium nach dem Zweiten Weltkrieg gelegt“.

Claudia Weber: Der Pakt. Stalin, Hitler und die Geschichte einer mörderischen Allianz. Verlag C. H. Beck, München 2019. 276 S. m. 21 Abb., 26,95 €.

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