Hitler und Mussolini in München, 1937. Foto: AFP
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Analyse des Historikers Wolfgang Schieder Hitler, der gelehrige Schüler Mussolinis

Wolfgang Schieder fragt nach der Vorbildfunktion des Faschistenführers Mussolini. Der kam bereits 1922 an die Macht.

In der deutschen Literatur zu Hitler kommt Mussolini kaum mehr denn als Randfigur vor; das ist, gemessen an den Ereignissen ab 1939, auch verständlich. Bei Konrad Heiden, der die überhaupt erste Hitler-Biografie als Zeitzeuge in den Jahren 1936/37 im Schweizer Exil veröffentlichte, ist Mussolini noch unmittelbar präsent. Geradezu vernichtend ist Heidens Darstellung von Hitlers allererstem Italien-Besuch, 1934 in Venedig, wo es um den von den Nazis forcierten Staatsstreich in Österreich ging. Damals fungierte Italien noch als Garantiemacht Österreichs; als Hitler die Alpenrepublik 1938 binnen zweier Tage beseitigte, stellte Mussolini keinen außenpolitischen Widerpart mehr dar.

Doch neben der Realgeschichte, die zwischen den beiden Diktatoren verlief und in der Installierung Mussolinis als Marionetten-Chef eines regionalen Terrorregimes parallel zur deutschen Besetzung Oberitaliens endete, gibt es eine Mentalgeschichte: die der nie abgerissenen Bewunderung Hitlers für Mussolini, des einzigen Politikers, den er öffentlich seinen „Freund“ nannte.

Es gab keinen "deutschen Sonderweg"

Immerhin war Mussolini bereits zehn Jahre an der Macht, als Hitler die seine gerade erst ergriff. Die Nähe, die Hitler zu Mussolini suchte, findet aus heutiger Sicht nicht mehr viel Beachtung. Das jedenfalls ist der Ausgangspunkt für die Untersuchung Wolfgang Schieders, die Hitler im Untertitel als „Politischen Zauberlehrling Mussolinis“ charakterisiert. Das ist ein großes, über die bloße politische Nähe weit hinausweisendes Wort. Die These des emeritierten Kölner Neuzeit-Historikers lautet, „dass Hitlers Machtübernahme nicht das Ergebnis eines ,deutschen Sonderwegs‘ war, sondern in wesentlichen Zügen einem Muster folgte, das in Italien durch Mussolinis Faschismus vorgegeben war“.

Es war, so Schieder, Mussolinis Doppelstrategie, auf scheinlegalem Weg an die Macht gelangt zu sein, „um danach Kurs auf eine Diktatur zu nehmen, die sowohl von der revolutionären Massenbewegung der faschistischen Partei als auch von den konservativen Kräften des Landes“ – König und Militär – „getragen wurde. Es war diese einzigartige politische Praxis, welche Hitler an Mussolini faszinierte, nicht dessen diffuse Ideologie“. Verstanden habe Hitler das Vorgehen Mussolinis erst nach seinem Münchner Putschversuch 1923, mit dem er den „Marsch auf Rom“ nachzuahmen glaubte. Fortan bewegte sich Hitler im Gewand des Legalisten – mit bekanntem Erfolg.

In den dreißiger Jahren fand die Beziehung des nunmehrigen „Führers“ zum „Duce“ ihre propagandistischen Höhepunkte in den wechselseitigen Besuchen 1937 in Berlin und 1938 in Italien. In Anbetracht der alles überragenden Bedeutung, die der Judenhass für Hitler besaß, stellt sich im Verhältnis zu Mussolini die Frage, wie es zum Erlass der italienischen Rassengesetze im Jahr 1938 und zur Judenverfolgung in Italien kommen konnte. Schieders Quellenstudium, etwa in den Tagebüchern von Mussolinis Schwiegersohn und zeitweiligem Außenminister Ciano, legt nahe, dass es sich nicht um eine bloß willfährige Übernahme aufseiten Mussolinis gehandelt habe, sondern dass „die sogenannte Rassenfrage für ihn im faschistischen ,Imperium‘ in Afrika anstand. Es waren nicht die in Italien lebenden Juden, sondern die Afrikaner im eroberten Abessinien, die Mussolini zuerst zu einer rassistischen Ausgrenzungspolitik veranlassten“. Dabei ging es Mussolini um politische, nicht um biologistische Erwägungen: „Die Juden wurden von Mussolini als gefährlich angesehen, weil sie wie die Afrikaner angeblich die Sicherheit des faschistischen Regimes zu unterminieren drohten, nicht aber schon an und für sich.“ Mussolini habe den Antisemitismus erst aufgegriffen, „als er glaubte, ihn bei seiner Kampagne gegen die ,Verbürgerlichung‘ des Regimes verwenden zu können“.

Mussolini zieht nur widerwillig in den Krieg

Mit der Entfesselung des Krieges durch den Angriff auf Polen kam es zu den bekannten Friktionen, beginnend mit Mussolinis Weigerung im September 1939, in den Krieg einzutreten. Später ließ sich das Scheitern von Mussolinis neo-imperialistischer Politik der „Parallelkriege“ in Afrika und im Adriaraum nur durch den Einsatz der Wehrmacht überspielen. Dieser Prestigeverlust des italienischen Militärs führte schließlich dazu, dass Mussolini die Nachricht vom Überfall auf die Sowjetunion „geradezu enthusiastisch“ aufnahm und sich erbot, „italienische Truppen nach Russland zu entsenden“.

Schieder stellt das entsprechende Kapitel seines Buches unter die bezeichnende Überschrift „Das Debakel“. Geradezu bizarr ist Mussolinis Ansinnen von 1943, einen Separatfrieden mit Stalin zu bewerkstelligen, um die Invasion der Alliierten im Süden Italiens mithilfe von der Ostfront abgezogener Truppen abzuwehren.

Die Geschichte der Beziehung beider Diktatoren ist eine der fortschreitenden Realitätsverweigerung. Das ist keine neue Erkenntnis, aber so pointiert wie von Schieder wohl noch nicht dargestellt worden. Ganz erklären kann auch er die über alle Enttäuschungen der Kriegsjahre hinweg anhaltende Bewunderung des „Führers“ für den „Duce“ nicht, und eher als Aushilfe wirkt das Argument, ein Eingeständnis, sich in Mussolinis Person getäuscht zu haben, wäre auf ihn selbst zurückgefallen. Vielleicht war es so, dass Hitler in seiner grenzenlosen Egomanie dennoch ein Rollenvorbild brauchte, an dem er sich messen – und das er zugleich übertreffen konnte.

Wolfgang Schieder: Adolf Hitler. Politischer Zauberlehrling Mussolinis. Verlag De Gruyter, Berlin/Boston 2017. 231 S., 24,95 €.

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