Königin der Nacht. Lilith Stangenberg als „Orphea“. Foto: Alexander Kluge, Lilith Stangenberg
© Alexander Kluge, Lilith Stangenberg

Lilith Stangenberg als „Orphea“ Unterwegs mit der blutigen Königin der Nacht

Andreas Busche

Andreas Kluge interpretiert den „Orphea“-Mythos in seinem Film auf sehr eigenwillige Weise neu. Und mittendrin, eine furiose Lilith Stangenberg.

Lilith Stangenberg schont sich in „Orphea“ nicht. Sie springt und schreit gitarreschwingend in einem Feuerkreis herum, rezitiert Ovids Metamorphosen (manchmal mit der Stimme des Regisseurs Alexander Kluge) und kriecht durch einen Lüftungsschacht in die Unterwelt.

Sie intoniert mit Katzengesängen Kunstmusik und singt mit rauchigem Sopran, weißgewandet auf einem Klavier kauernd, ein Libretto aus Tschaikowskis Mazetta; einmal zerlegt sie mit einem blutigen Beil Leichen. Stangenberg beherrscht jede Rolle mit Leidenschaft und Bravour, selbst wenn sie vor Green-Screen-Projektionen herumsteht.

[In Bali, Brotfabrik, Sputnik, Zukunft]

Wer sich noch an Alexander Kluges Nachtprogramme im Privatsender Vox erinnert, in denen philosophische Gespräche, hochgeistiger Blödsinn und Trashfilme nebeneinander standen (hier lief erstmals Schlingensiefs „Kettensägenmassaker“ im Fernsehen), hat eine vage Vorstellung von dieser eigenwilligen Interpretation des „Orpheus“-Mythos.

Es ist nach „Happy Lamento“ Kluges zweite Arbeit mit dem 40 Jahre jüngeren philippinischen Guerillafilmer Khavn De La Cruz – und man spürt, wie Kluges unersättliche Neugier, seine frei flottierenden Assoziationen durch seinen Partner in neue Höhen getrieben wird.

Stangenbergs spielt Orphea, die Königin des Nachtclubs Monodomanila, in denen Konzerte mehr an Orgien erinnern. An solchen Orten der Lust, die Khavn in seinen billigen, höchst eigenwilligen Genrefilmen (oft zwischen Musical und bizarrer Gewalt) in den Straßen von Manila inszeniert, ist die Hölle nie ganz weit. In diesem Fall trifft es ihren Geliebten, den Strichjungen Eurydico (Ian Madrigal), der über den Styx geht. Orphea begibt sich zu seiner Rettung in die Unterwelt – und landet erst mal in einem Puff.

Doch ihre Mission ist größer: „Es wäre nicht revolutionär, unser eigenes Leben zu verlängern, und die Vorfahren, die alles erarbeitet haben, in ihrem dunklen Grab zu belassen.“ Orphea will alle Toten auf die Erde zurückholen, da spricht die wahre Revolutionärin. Es geht Kluge und Khavn um nicht weniger als die Unsterblichkeit – des Menschen und der Kunst. Inspiration findet Orphea bei den russischen Biokosmisten, den Afterlife-Experimenten im Silicon Valley, in der Theologie. Und natürlich der Musik.

Der sprunghafte Denker Kluge trifft auf den hypertrophen Bilderstürmer Khavn. Und mittendrin Lilith Stangenberg: sabbernd, blutig, in albernen Kostümen, bis zur Erschöpfung verausgabt. „Orphea“ ist ein Parforceritt durch die westliche Ideengeschichte – und durch ein Manila, zu dem man als Europäer wohl niemals Zutritt bekäme.

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