Liedermacher Sebastian Krämer. Foto: Christian Biadacz
© Christian Biadacz

Liedermacher Sebastian Krämer will Hauskonzerte spielen Wenn Künstler Zeichen zu 2G setzen

Der Berliner Künstler Sebastian Krämer hat Probleme mit der 2G-Regel. Er bietet Leuten, die nicht in seine Konzerte dürfen, einen Besuch an.

Dies ist eine Geschichte aus dem Windschatten der Pandemie, die im Kleinen von den durch sie ausgelösten großen Verheerungen erzählt. Der Berliner Chansonnier Sebastian Krämer, ein großer seiner Zunft, jüngst erst für das Album „Liebeslieder für meine Tante“ mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet, fühlt sich unwohl damit, dass nur Geimpfte und Genese seine Konzerte besuchen dürfen.
Er will ein Zeichen setzen, denkt sich eine Aktion aus und stellt einen Aufruf erst auf seine Homepage und am Dienstag auch auf Facebook: „Allen, die mich aufgrund von 2G-Regeln zur Zeit nicht auf der Bühne erleben können, biete ich an, für ein kleines Privatkonzert zu ihnen nach Hause zu kommen. Der Anlass soll für Sie nicht mit höheren Kosten verbunden sein als ein Besuch im heimischen Kleinkunsttheater.“ In so einem, dem Zebrano-Theater am Ostkreuz nämlich, ist Krämer selbst künstlerischer Leiter. Auch dort gilt die 2G-Regel.

Impfstatus abfragen ist nicht

Das in pandemischen Zeiten überraschende Angebot, Hauskonzerte bei Jedermann und Jedefrau ohne Ansehens des Impfstatus zu spielen, will verbreitet sein. Also bietet der Künstler ein Gespräch an, das Dienstagabend geführt wird. Krämer erzählt, dass er keine Corona-Partys plane, sondern Konzerte unter Getesteten.

Er erzählt, wie unwohl er sich damit fühle, Menschen von seinen Auftritten ausschließen zu müssen, und auch damit, dass derzeit alle zu gegenseiten Kontrolleuren würden. Ihm gehe es darum, 2G nicht unwidersprochen hinzunehmen und eine Alternative anzubieten, im Gegensatz zu anderen Kollegen, die trotz Bedenken dazu schwiegen.

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Unterdessen mehren sich auf Facebook die Kommentare. Sie reichen von Freude bis Empörung. „Wow. Super Idee! So ermöglichst Du allen Menschen Zugang zur Kultur“, postet der Comedian Michael Hatzius. Jemand anderes lobt: „Wo Andere von Versöhnen nur tönen... bravo!“ Gegenstimmen lauten: „Unglaublich. Das ist an Respektlosigkeit für die Kultur- und Veranstaltungsbranche kaum zu überbieten“ oder „Epidemiologisch ist das leider das dümmste, was man machen kann“.

Die Notbremse ziehen

Am Mittwochmorgen will Sebastian Krämer das Gespräch mit dem Tagesspiegel dann nicht mehr veröffentlicht sehen. „Ich bin als Aktivist unerfahren und muss die Notbremse ziehen“, entschuldigt er sich. Die Umstände seien derzeit rapide im Wandel begriffen, der auch seine Position tangiere. Ihm ginge es jetzt darum, die erregten Gemüter wieder zu beruhigen. Kurz darauf veröffentlicht er eine Erklärung auf Facebook.

Ja, er respektiere es, wenn jemand für sich persönlich die Gefahren einer Impfung höher bewerte als die einer möglichen Corona-Infektion, schreibt Krämer. Seine Einschätzung sei jedoch unerheblich, da keine fachlich fundierte. Deshalb liege es ihm fern, die Entscheidungen anderer zu beurteilen.

Er selbst fühle sich durch seine zurückliegende Erkrankung ausreichend immunisiert, werde die geplanten Hauskonzerte jedoch nicht ohne zusätzlichen Impfschutz antreten. Dass schärfere Kontaktbeschränkungen die Aktion schnell infrage stellen können, ist dem Künstler bewusst. „Ich würde mich im Zweifel lieber dafür entscheiden, gar keine Konzerte mehr zu spielen, als die Spaltung zwischen den Lagern weiter voranzutreiben.“

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