Dem Peer ist nichts zu schweer. Lars Eidinger in John Bocks Monstertrash-Welt in der Schaubühne Foto: DAVIDS/Christina Kratsch
© DAVIDS/Christina Kratsch

Lars Eidinger spielt "Peer Gynt" Jacke wie Unterhose

Volle Rolle solo: Lars Edinger spielt sich an der Schaubühne im Alleingang durch Ibsens "Peer Gynt".

Es fängt schon gut an. Es gibt kein Programmheft, sondern eine Programmunterhose. „Peer Gynt“ steht vorne drauf, hinten ist das gute Stück mit einem traurigen Clownsgesicht bedruckt. Was tun? Auf Ebay als original Lars-Eidinger-Fetisch versteigern? Anziehen zum Valentinstag? Kommt nicht in Frage, das wäre glatte Anmaßung. Eidinger ist Superstar, von „Babylon Berlin“ bis zur Berlinale.

Wer sonst wagt „Peer Gynt“ im Alleingang, Henrik Ibsens 1867 uraufgeführtes faustisches Riesentheatergedicht von dem Jungen, der sich Himmel und Hölle zusammenschwindelt und locker über Leichen und Mythen und Kontinente geht, Frauen ins Unglück stürzt und mit Trollen kämpft – als Trolle noch nordische Höhlenmonster waren?

Wer sonst wickelt sein Publikum bald zweieinhalb Stunden ein und sich selbst pausenlos aus Schmuddelstrickklamotten heraus?

Die Peer-Witze reißen nicht ab

Ja, er ist nackt auf der Bühne, um die Frage schon mal zu beantworten. Er drängt sich – als eingeblendeter Gnom – in ein schlechtes Pornofilmchen mit drei Frauen hinein; die Leinwand ist aus weißen Unterhosen zusammengenäht. Dieser Schauspieler schöpft aus seiner Penetranz, er pubertiert mit großer Lust.

Nach den Ensemblestücken „Hamlet“ und „Richard III“ macht Eidinger das Ding jetzt solo, das ist nur konsequent. Jetzt muss er keinen mehr an die Wand spielen, ist ganz auf sich selbst geworfen, hin und her, wie ein Gummiball.
Es ist dann erstmal gut weitergegangen nach der Unterhosenüberraschung. Ansage an der Rampe: Stunden vor der Premiere habe Eidinger sich einen Finger abgeschnitten, ein Unfall, das sei aber in der Charité schnell geregelt worden, er könne spielen, wenn auch unter starken Schmerzmitteln. Davon ist nichts zu spüren.

Der Peerformer mit oder ohne Peerücke – die Peer-Witze reißen nicht ab – stürzt sich in die Frankensteinmaschinerie, die John Bock gebaut hat. Mittendrin ein Knäuel, ein Riesentier aus bunten Stoffen und Wülsten, eine Art Urmutter, in die Ei-Ei-Eidinger gern hineinkriecht – eingezwängt in Wasserleitungen, Apparate und Gestänge.

Dieses Riesen-Kind ist hyperaktiv.

Da haben sich zwei Aktionisten gefunden, die einander sehr ähnlich sind. Trash und Video und Narzissmus: Das passt zu „Peer Gynt“. Verzogenes Kind, bedrohliches Monster, zum Nationalepos taugt das 1876 uraufgeführte Lied vom durchgedrehten Helden nicht. Dass er sich um jeden Preis seine eigene Realität schafft, macht ihn als Künstlerfigur groß, als politisches Konzept ist es brandgefährlich.

Lars Eidinger aber ist die meiste Zeit mit sich selbst beschäftigt, mit all den seltsamen Rüstungen und Kopfbedeckungen, die er mit sich herumträgt – ein Kassettenrekorder aus den Siebzigern vor der Stirn, eine Riesenstoffwurst an den Hüften und überall Trödelkram.

Den Stationen Ibsens stattet er den einen oder anderen Kurzbesuch ab, und es kann schön sein, wenn er die Verse spricht, wie Echos aus fernen Zeiten. Wenn er sich Zeit lässt zum Träumen, viel zu wenig. Dieses Riesen-Kind ist hyperaktiv.
Und weil Peer ein peerverser Norweger war und die Musik in Eidingers Jugend fällt, singt er Hits der norwegischen Band a-ha – „Take on Me“, „Hunting High and Low“, also low. Die nimmt man in jedem Fall nachher mit in die kalte Nacht.

An Harmlosigkeit ist das hier alles kaum zu überbieten

Und sonst: Er schmiert sich mit grüner Farbe ein, wälzt sich auf dem Laufsteg, trinkt Milch, räumt ein bisschen auf, parodiert die Mutter mit dem Rollator, zwängt sich in ein neues Korsett, spielt Keyboards auf dem Bügelbrett: Vielleicht ist dieser ganze Auftritt (Leitung: John Bock und Lars Eidinger) eine ausgedehnte Reminiszenz an Lars’ junge Jahre, vielleicht hat er damals schon in seinem Kinderzimmer so geübt, als keiner es sah.
An Harmlosigkeit lässt sich dieses „Taten-Drang-Drama“, wie Bock und Eidingetr es Jonathan-Meese-artig nennen, kaum überbieten.

Und doch braucht es ein außergewöhnliches Selbst- und Sendungsbewusstsein, sich für eine kleine Ewigkeit peermanent halbnackt zu exponieren, mit all dem Trash. Peer will geliebt werden, Peer baut Mist, er kennt nur sich, nervt wahnsinnig, und am Ende verzeiht man ihm fast alles. So ähnlich ist es mit dem Schauspieler Lars Eidinger.

Zur Startseite