Michael Lauterjung: "Biotop" (2021), 130 x 120 cm Foto: Galerie Tammen
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Landschaft in der Kunst Die Alpen sind zu Salz geworden

Die Ausstellung "Landschaft II" in der Berliner Galerie Tammen überrascht mit ebenso schrägen wie ungewöhnlichen Interpretationen des Themas

Das Paradies ist ein Schiff am Horizont – unwirklich wie ein extrem überbelichtetes Bild, das Motiv so gerade noch zu ahnen. Die Explosion der Farben drum herum macht aus dem Meer eine Galaxie voll verglühender Sterne. Es sind chimärenhafte Konturen, die Lars Theuerkauff in seinen Seestücken auf die Leinwand bringt. Das Wasser funkelt, ähnlich wie beim schwedischen Maler und späten Impressionisten Eugène Jansson, den Theuerkauff in seinen Bildtiteln vorbildhaft beschwört. Bloß dass letzterer als Künstler des 21. Jahrhunderts alles Gegenständliche aus seinen Landschaften tilgt und mit der toxischen Farbgebung auch an die latente Gefährdung der Natur erinnert.

„Landschaft II“ heißt die Ausstellung, in der seine Werke hängen. Zusammen mit Objekten von Volker März, Sonja Edle von Hoeßle oder Werner Schmidt, dessen monochrome Gemälde gänzlich ungegenständlich scheinen. „In der Hitze der Nacht I und II“ hat er ein feuerrot glimmendes Duo genannt. Und plötzlich stellt sich assoziativ die passende Atmosphäre zu den beiden Querformaten ein: Schmidt malt statt konkreter Orte ein Gefühl und intensiviert es mithilfe der Farben.

Die Galerie Tammen zeigt in ihrer Sommerschau eindrucksvoll, was Landschaft aktuell heißen kann. So erzählt Michael Lauterjung im begleitenden Katalogheft, wie er während eines Spaziergangs vom Jäger angeraunzt wird, weil er sich im Wald vom (befestigten) Weg entfernt. Anstelle der ersehnten Wildnis erwartet den Maler, Jahrgang 1959, nämlich Pachtland, in dem er das schießbare Wild vertreibt. Konsequent schließt Lauterjung in seinem Motiv „Biotop“ die Landschaft ein oder verewigt sie wie im Fall von „Sonnenaufgang am See“ gleich auf einer – ebenfalls gemalten – Terrine. Natur, was soll das sein?

Überhaupt ist das Repertoire der hier versammelten zwölf Künstler:innen breit, wenn es um die Auseinandersetzung mit dem Thema geht. Ironisch grundiert wie bei Harald Gnade, dessen geblümtes Stückchen Erde in einem Meer aus blauem Lack treibt. Und ebenso bei der Papier-Virtuosin Marion Eichmann. Ihr drei Meter langer, federleichter Schwerlaster heizt zwar die Atmosphäre auf, gleicht seine zerstörerische Kraft jedoch mit dem schönen Dekor einer Eislandschaft aus, die sich einmal um das Blech windet. „Alpensalz“ gibt es bei ihr im vertrauten blauen Karton aus dem Supermarkt, das Massiv rieselt als feine Kristalle auf den Galerieboden.  

Vögel aus Blech mit Schnäbeln aus Uhu-Tuben

Beim Bildhauer Matthias Garff versammeln sich Vögel auf Antennen. Andere stehen monumental für sich und erreichen wie der Wellensittich „Kiki“ eine Lebensgröße von fast drei Metern. Garffs ebenso einfallsreiche wie wunderliche Tiere sind komplett aus Dingen gemacht, die andere Abfall nennen würden. Der junge Künstler aus Leipzig aber erkennt ihr Potenzial, zerlegt alte Lederhandschuhe oder macht die Verschlüsse von Uhu-Tuben zu Schnäbeln. Künstlicher könnte das Sujet kaum sein, und doch fügt sich alles bei ihm organisch zusammen.

Schon die erste Ausstellung „Landschaft I“ in der Galerie Tammen im Frühjahr testete die Möglichkeiten, den Begriff so weit wie möglich zu dehnen. Diesmal geht Werner Tammen noch ein bisschen weiter – und kommt über die urbanen Nachtbilder von Michael Ramsauer, in denen Hochhäuser und Straßenverkehr wie heiße Lavastränge durch die Dunkelheit gleißen; über dessen fast abstrakte Motiv zu den Stadtlandschaften, die schon Ende des 19. Jahrhundert ein großes Thema waren. Die Gegenwart erfindet nichts neu, aber sie seziert es im kühlen Neonlicht unserer Zeit.

Galerie Tammen, Hedemannstr. 14; bis 28. August, Di-Sa 12-18 Uhr

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