Anja Kampe als Barbesitzerin Minnie und Marcelo Álvarez als ihr Lover Dick Johnson. Foto: Martin Siegmund
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"La Fanciulla del West" an der Staatsoper Berlin Puccini für den Saal und fürs Autokino

Zustände wie im Wilden Westen: Zur Wiederaufnahme des Live-Spielbetriebs zeigt die Berliner Staatsoper eine Premiere gleich an zwei Orten.

Kein Zweifel, hier geht’s hart zur Sache: Schon in der ersten Szene baumelt ein armer Teufel am Ast. Kalifornien, Wilder Westen, Goldrausch, der Strick ist schnell zur Hand, die Knarre im Holster auch, alle – Gauner, Schürfer, Sheriffs – haben extrem kurze Zündschnur . In diesem Milieu hat Giacomo Puccini seine siebte Oper angesiedelt, „La fanciulla del West“, das „Mädchen aus dem goldenen Westen“, das jetzt, nach sieben langen Monaten, die Berliner Staatsoper quasi wiedereröffnet.

Ein gutes Drittel des Saals ist am Sonntag besetzt, noch ist die Stimmung verhalten. Alle blinzeln ungläubig über ihren FFP2-Masken: Sind wir wirklich wieder da?

Diese Premiere ist kein verschobenes Lockdown-Opfer, sie war immer für diesen 13. Juni geplant. Nach 111 Jahren gibt „Fanciulla“ ihr Debüt an der Staatsoper. Trotz umjubelter Uraufführung 1910 an der New Yorker Met gehört das Stück nicht zu Puccinis stärksten Werken. Der Wilde Westen ist raubeinig und dreckig, kein gutes Sujet für eine Oper. Sie ist ein Zwitter, weder guter Western noch gutes Musiktheater.

Das Libretto nach einem Stück von David Belasco (der auch die Vorlage für „Madama Butterfly“ lieferte) erzählt eine banale Liebes- und Eifersuchtsstory ohne Erkenntnisgewinn. Und Puccini hat dafür ein naturalistisch-kurzatmige Musik komponiert, die dem Stoff zwar angemessen und klangfarbenreich ist, der die großen Signature-Arien wie in „Tosca“ oder natürlich „Turandot“ völlig abgehen.

Regisseurin Lydia Steier setzt auf Realismus

Dafür macht Regisseurin Lydia Steier, Staatsopern-Debütantin auch sie, noch das Beste aus der Sache. Indem sie nämlich das Liebesdreieck zwischen Barbesitzerin Minni, dem verkappten Gauner Dick Johnson und Sheriff Jack Rance realistisch erzählt, statt es noch zusätzlich ins Abstrakte zu heben. Ist doch italienischer Operngesang in einem Goldgräberlager nördlich von San Francisco schon abstrakt genug.

Also kommen, wie erwähnt, viele Stricke zum Einsatz, alle fuchteln mit Gewehren rum, brennende Menschen rennen über die Bühne. Und doch ist da mehr, Lydia Steier hat einen Hang zu dem, was man böswillig Kitsch oder gutwillig Poesie nennen könnte. Mit LED- Streifen verzierte Cowboy-Sombreros leuchten in der Dunkelheit, und ja: es fällt Schnee. Was ja eigentlich immer ein guter Kitsch- Indikator ist.

Hier aber ist es anders: Im zweiten Akt sind Minni und Dick in ihrer Hütte wegen eines Sturms eingesperrt, die Flocken haben tatsächlich szenische Funktion, und sie steigern die Dramatik. Am Ende des Aktes, als Minni den Sheriff durch Schummeln beim Pokerspiel besiegt und dadurch sich und den Geliebten rettet, kommt das Gestöber plötzlich von vorne, es weht direkt auf den Betrachter zu. Der stärkste Moment der Inszenierung.

Michael Volle wird zum Zentrum der Aufführung

Anja Kampe bringt in der Titelrolle genau jene Jodie-Foster-hafte Mischung aus Geerdetheit, Entschlossenheit und Mut mit, die sie als einzige Frau in einer Welt von Extremmaskulinität braucht. Die Naturautorität des Baritons von Michael Volle macht seinen Jack Rance fast automatisch zum Mittelpunkt des Abends. Einzig Marcelo Álvarez kämpft damit, dass sein an sich geschmeidiger Tenor in einer Westernbar wirklich deplatziert wirkt. Antonio Pappano und die Staatskapelle tun alles dafür, dass die coronabedingte Ausdünnung des Orchesters (eigentlich hat „Fanciulla“ die größte Besetzung aller Puccini-Opern) so wenig wie möglich auffällt. Auch von eventueller Einrostung nach dem Lockdown ist nichts zu hören. Am Ende ziehen Minni und Dick in den Sonnenuntergang, ein klassischer Western-Topos. Kitsch? Nein, das geht in Ordnung (wieder am 16., 19., 24., 27. Juni sowie 3. Juli). Udo Badelt

Musiktheatervergnügen im Autokino

Zum Schluss wird heftig gehupt, und die Warnblinker lassen grüßen. Applaus im Autokino, wie bei einem Hochzeitskorso auf Berliner Straßen. Das passt. „La Fanciulla del West“ gehört zu den ganz wenigen Werken der Operngeschichte, die happy enden. Die Guten gewinnen, die Liebe bringt den Schnee im kalifornischen Goldgräbercamp und die Herzen der Härtesten zum Schmelzen – ganz anders als bei „Manon Lescaut“, Puccinis erster Oper, die in der Neuen Welt spielt. Da verenden die Liebenden in der Hitze Louisianas.

Wie innig Oper und Kino verbunden sind, wie wesenhaft, zeigt der Ausflug der Staatsoper auf das Tempelhofer Feld. Über der elektronischen Leinwand weitet sich der Abendhimmel, Wolken ziehen, Drachen fliegen, manch einer erinnert sich an Starts und Landungen in THF; 2008 wurde der Flugbetrieb eingestellt.

Die Atmosphäre ist angenehm aufgeladen, und bevor die Übertragung aus dem Opernhaus beginnt, werden in den Autos Sektflaschen geöffnet, Sandwich und Salat und Knabberkram ausgepackt, Picknick hinterm Steuer auf der größten Tupperparty der Stadt. Man prostet einander zu, kommt ins Gespräch. Viele Opernmenschen haben sich leger schick gemacht.

Die Besucher in ihren PKWs fühlen sich wie Pioniere

Glücklich, wer im Cabrio gekommen ist. Für den besseren Klang aus dem Autoradio und weil es zum dritten Akt langsam abkühlt, wird dann das Verdeck geschlossen. Zu zweit oder auch zu viert in einer Soundbox und doch verbunden mit hundert anderen ringsum geparkten Motorkutschen über 95,2 MHz. Es wird eine wilde Fahrt mit erstaunlich guter musikalischer Qualität. Aber das hängt auch von der technischen Ausstattung der Nachbarn ab, man hört’s von überall.

Es ist da draußen nicht so leicht zu sagen, was im Kern zum Opern- und Theatererlebnis gehört. Das Gemeinschaftsgefühl im Autokino scheint sehr ausgeprägt zu sein; man fühlt sich wie unter Pionieren, wie bei Puccinis Goldrauschtypen. Sie kommen einem doch gefährlich nah auf der Leinwand, es ist ein anderes Erleben und Sehen als im geschlossenen Theaterraum, wo man jederzeit die Totale hat. Großes Kino, Herzflattern, Tränenquell. Spiel mir das Lied vom Leben, lange vor Sergio Leone und Ennio Morricone. Der Italo-Western wurde in der Oper geboren. Die ersten Autokinos eröffneten in den 1930ern in den USA, wo sonst. Zum Träumen und zum Küssen. Auf ein Wiedersehen und -hören in Tempelhof, unbedingt! Rüdiger Schaper

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