Der Schriftsteller Kurt Drawert, 1956 in Henningsdorf bei Berlin geboren Foto: Ute Döring/Verlag C.H. Beck
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Kurt Drawerts Buch "Dresden. Die zweite Zeit" Loch im Gewebe, Pegida in der Elbstadt

Sprachskeptischer Blick, auch auf politische Verhältnisse: Kurt Drawert misst mit „Dresden. Die zweite Zeit“ die historischen Abgründe Dresdens aus.

Große Literatur beginnt immer mit der Aufkündigung aller Gewissheiten: mit dem existenziellen Zweifel des Schreibenden nicht nur an der „Prosa der Verhältnisse“ (Hegel), sondern auch an sich selbst.

Kaum ein Gegenwartsautor hat die erzählerische Entfaltung dieses Zweifels so weit vorangetrieben wie der 1956 geborene Kurt Drawert, der seit seinem ersten, 1987 veröffentlichten Buch, dem Gedichtband „Zweite Inventur“, das Unbehagen an einer von Stereotypen ausgehöhlten Sprache formuliert: „Die Worte gehörten mir nicht, / kalt lagen sie unter der Zunge als / nichtgemachte Erfahrung …“.

In seinem Roman „Spiegelland“, der ihn als Schriftsteller bekannt machte, hatte Kurt Drawert 1992 die Erfahrung einer Traumatisierung durch Sprachgewalt beschrieben: Es war, in den virtuosen Satzperioden dem Stil Thomas Bernhards folgend, ein Vater-Buch von äußerster Schärfe.

Denn der herrschsüchtige Vater, ein linientreuer Polizeioffizier, wird in „Spiegelland“ als Exekutor der DDR-Staatsräson porträtiert. Er versucht dem ängstlichen Sohn mit Brachialgewalt die Alphabete des real existierenden Sozialismus einzuprügeln, bis dieser ins zwanghafte Verstummen zurückfällt.

In seinem „Dresden“-Roman (Verlag C.H. Beck, München 2020. 294 S., 22 €.) führt Drawert jetzt diese schmerzhafte Erinnerungsarbeit fort. In einer präzise die eigenen Ambivalenzen und Selbstwidersprüche erfassenden Prosa topografiert er die Erschütterungen, die sein Vater und seine Mutter in der Nachwendezeit durchlebten.

Dresden tritt ihm als Fremdkörper entgegen

Aus dem linientreuen Kriminalpolizisten wurde ein Anhänger der sudetendeutschen Vertriebenenverbände, dem aber eine Stabilisierung der eigenen Identität versagt blieb. Nachdem „Spiegelland“ erschienen war, reagierte der Vater mit einer Geste erbitterten Protests, indem er eine zweihundertseitige Rechtfertigungsschrift verfasste und den Sohn, der einst den Namen des Vaters abgelegt hatte, mit einem Brief aus der Familie ausstieß. In „Dresden. Die zweite Zeit“ rückt nun die Mutter ins Zentrum der erzählerischen Suchbewegung.

Zu Beginn des Romans kehrt der Erzähler nach einem halben Jahrhundert in die Stadt seiner Kindheit zurück – diese erweist sich als vermintes Gelände, besiedelt von reizbaren Bürgern.

Kurt Drawert war elf Jahre alt, als seine Familie 1967 aus der brandenburgischen Provinz nach Dresden umzog. 1984 ging er nach Leipzig und studierte hier am Institut für Literatur, das damals noch den Namen des ersten DDR-Kulturministers Johannes R. Becher trug. Im Sommer 2018 kommt es dann zur Wiederbegegnung mit der Heimatstadt. Kurt Drawert wird Stadtschreiber in Dresden.

Eine Wiederbegegnung mit weitreichenden Folgen. Die Stadt tritt ihm nun als Fremdkörper entgegen, ein politisches Kraftfeld, in dem die Pegida-Bewegung den „verpassten Vatermord“ am SED-Staat in seltsamer psychogener Verschiebung an der Berliner Republik nachholt.

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Die Bücher, die der verlorene Sohn der Stadt in seiner Stipendiatenwohnung auspackt, zeigen die Perspektive an, aus der Kurt Drawert seine Heimatstadt wahrnimmt. Es sind die Bücher seiner intellektuellen Gewährsleute Jacques Lacan, Maurice Blanchot und Julia Kristeva, die Portalfiguren einer strukturalen Literatur- und Gesellschaftsanalyse.

Mit Pegida, so lautet denn auch die erzählerische Zwischenbilanz, formiere sich eine „mythische Empörungsgemeinschaft“, die sich in „narzisstischer Eigenliebe“ gegen alles „Fremde“ verkapsele.

Die Tiefbohrungen im kulturellen Gewebe der Stadt und auch in den Abgründen der eigenen Familiengeschichte, die Drawert vornimmt, lassen in ihrer Radikalität der Selbstbefragung alle gängigen kulturkritischen Erklärungsmuster zum Thema Heimat und Heimatverlust hinter sich. Drawert geht viel weiter als alle vergleichbaren Romane zur Wendezeit und zu den Aufwallungen der Gekränktheit im deutschen Osten.

Dies ist ein verstörendes Buch

Er versteckt sich nicht hinter wohlfeilen Entlarvungsformeln zur Pegida-Bewegung, inszeniert sich nicht als Opfer repressiver Familienverhältnisse, sondern stellt sich in all seinen Widersprüchen und narzisstischen Empfindlichkeiten selbst auf den Prüfstand, bis hin zur Bezweiflung der eigenen schriftstellerischen Identität.

Bereits in dem „Spiegelland“-Roman war die Suchbewegung des Erzählers verbunden mit jenem existenziell gewordenen Sprachzweifel des berühmten Chandos-Briefes von Hugo von Hofmannsthal, dem die Wörter zu „Wirbeln“ werden, „in die hinabzusehen mich schwindelt, die sich unaufhaltsam drehen und durch die hindurch man ins Leere kommt“.

Drawert verschärft den sprachskeptischen Blick auf die Verhältnisse, indem er seine Position als Autor an einen Nullpunkt führt, an dem nichts mehr gültig ist, am allerwenigsten eine souveräne Haltung des Erzählers: „Diese Stimme, dieser innere Ort, er geht mir verloren. Ich suche ihn in mir auf, spüre ihm nach, warte auf Resonanz – nichts. Nur Leere, Ödnis, schwarzes Licht. Nichts fügt sich aneinander, jeder Zusammenhang bricht, an sich selber, entzwei.“

Die quälerische Suchbewegung des Erzählers intensiviert sich immer mehr, seine Kräfte werden nach einem Sturz und einer misslingenden OP von rasenden Schmerzen in der Schulter fast aufgezehrt.

Kurt Drawerts „Dresden. Die zweite Zeit“ ist ein verstörendes Buch. Es ist das Selbstporträt eines Schriftstellers, der in die Abgründe der eigenen Familiengeschichte und einer politisch erregten Stadtgesellschaft blickt und schließlich „im Loch im Gewebe der Existenz“ zu verschwinden droht. Am Ende schaut der Erzähler ins Gesicht des sterbenden Vaters – ein ergreifendes Bild der späten Versöhnung.

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