Beginn der Revolte. Im Mai 1968 protestieren Studenten in den Straßen Bonns gegen die Notstandsgesetze. Foto: picture-alliance/ dpa
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„Kursbuch“-Hefte von 1968 Der lange Weg nach Stammheim

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Peter Weiss, Hans Magnus Enzensberger & Co träumen von der Weltrevolution und rufen zur Gewalt auf. Ein Blick in die „Kursbuch“-Hefte des Jahres 1968.

1968 war das Jahr, in dem die Gewalt begann und die Literatur endete. Wie das geschah, lässt sich im „Kursbuch“ nachlesen, das, herausgegeben von Hans Magnus Enzensberger, die Revolte nicht bloß begleitete, sondern ihr auch die Richtung wies und die Abfahrtszeiten verkündete. Das „Kursbuch“ wurde zum Zentralmedium der Neuen Linken, schon mangels Alternative. Selbst die „Frankfurter Rundschau“ blieb stramm auf linksliberalem, gewerkschaftsnahem Kurs und stand den Kämpfen distanziert gegenüber. Das „Kursbuch“ war mittendrin. Nummer 12, die unter dem Titel „Der nicht erklärte Notstand“ die Folgen der Schüsse vom 2. Juni 1967 dokumentierte, erschien in der für eine intellektuelle Monatszeitschrift unfassbaren Erstauflage von 50 000 Exemplaren.

Liest man die alten Hefte heute noch einmal, ist der Sound der Revolution sofort wieder im Ohr, eine aufgewühlt-überdrehte Mischung aus Selbstermächtigung, Empörung und Kriegserklärung. „Das einzig Richtige ist, ein Gewehr zu nehmen und zu kämpfen“, schreibt Peter Weiss auf Seite 1 der Januarausgabe. Sein Nachruf auf Che Guevara, der in Bolivien erschossen worden war, „gerade jetzt, wo er unentbehrlicher geworden war denn je“, ist ein Plädoyer für „direkte und unverzügliche Aktion“ nach Vorbild der Revolutionäre in Lateinamerika und Vietnam.

Der in Deutschland geborene, in Schweden lebende Exilschriftsteller spricht zerknirscht von „unserem Verrat“, von der Mitschuld der Zuschauer an Guevaras Tod und jedem in der Ferne begangenen Mord, „solange wir dieser scheinheiligen Aufteilung der Welt kein Ende machen“. Die Befreiung hatte in der Dritten Welt begonnen und sollte von dort aus ins Zentrum der Repression getragen werden, nach Europa und in die USA. An eine solche Dynamik glaubte auch Rudi Dutschke, der prophezeite: „Dieser revolutionäre Krieg ist furchtbar, aber furchtbarer würden die Leiden der Völker sein, wenn nicht durch den bewaffneten Kampf der Krieg überhaupt abgeschafft würde.“ Eine Heilserwartung mit quasireligiösen Zügen.

Die Utopie versackt in ermüdenden Erläuterungen

Optimismus, der Glaube an die „eingeborene Kraft, die den Menschen dazu befähigt, seine Unterdrücker zu stürzen“ (Peter Weiss), gehörte zur revolutionären Pflicht. Gerne benutzen die „Kursbuch“-Autoren den Begriff „Verblendungszusammenhang“, den Adorno geprägt hatte. Dabei sind sie selbst verblendet, etwa wenn Bahman Nirumand und Eckhard Siepmann Kuba, China, Nordvietnam und Nordkorea als „befreite Länder der Welt“ auflisten. Kommunistische Diktaturen also, in denen Menschenleben wenig zählten. In China tobte 1968 gerade die von Mao ausgerufene Kulturrevolution, die mindestens 400 000 Todesopfer forderte. Viele starben in Arbeitslagern. Nirumands und Siepmanns Einschätzung, harte physische Arbeit sei in den „befreiten Ländern“ keine Ausbeutung, sondern „gesellschaftlich notwendige Arbeit“, erhält dadurch eine morbide Abgründigkeit.

Die Weltrevolution war eine Tatsache, und sie würde siegen. Jeder einzelne Kampf in Vietnam, Bolivien oder West-Berlin sei, so Nirumand/Siepmann, nur „die Besonderheit eines Allgemeinen“. Die Geschichte sah man im Stadium des „Spätkapitalismus“ angekommen, das auch Peter Schneider konstatierte. Aufgabe der Kulturrevolution sei es, als „Agitator, Propagandist und Organisator der Revolution“ aufzutreten. Statt dem „revisionistischen Sozialismus“ der Ostblock-Staaten mit seiner „gegenüber dem Volk verselbstständigten Bürokratie“ gehörte laut Nirumand/Siepmann der „sozialistischen Avantgarde“ die Zukunft. Studenten und Spontis hatten Marx besser verstanden als die grauen Herren der Politbüros. Der Übergang von der sozialistischen zur kommunistischen Gesellschaft schien unmittelbar bevorzustehen.

Je größer der Weitblick, desto dozierender wird im „Kursbuch“ 1968 der Tonfall. Die Utopie versackt in ermüdenden Erläuterungen. Ein Dossier über „die Zukunft der Konterrevolution“ sagt das Ende des Präsidialsystems in Frankreich voraus und einen Sieg der Amerikaner in Vietnam. Allerdings besteht weiter Anlass zur Hoffnung: „Hier und dort auftauchenden örtlichen Terror wird es nicht nur in Vietnam, sondern in ganz Indochina und Thailand geben.“ Terror als Beitrag zur Befreiung. Eine Rede von Fidel Castro erstreckt sich über 15 Druckseiten. Klarer ist die Nahsicht. Die Rekonstruktion der Ereignisse, die zum Tod von Benno Ohnesorg führten, ist ein journalistisch-literarisches Glanzstück, das die aufgeheizte Stimmung an der Freien Universität beschreibt, die Brutalität der Polizeitaktik und die Eskalation in die Gewalt bei der Anti-Schah-Demonstration.

Das Verhältnis der 68er zur Gewalt war von Anfang an ambivalent

Trotzdem wirken manche Vokabeln übergroß. Den Kalten Krieg als „latenten Bürgerkrieg“ mit der Polizei als Ersatzarmee zu deuten, ist ein Versuch, den Widerstand als gerechten Guerrillaakt zu glorifizieren. Der Kalte Krieg war eine Systemkonfrontation, mit Berlin als einem Schauplatz, zum Glück kein Bürgerkrieg. Vom 2. Juni führte ein direkter Weg in den Terror der Rote-Armee-Fraktion. Als sich am Abend Demonstranten in der Zentrale des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) am Kurfürstendamm trafen, rief die spätere Topterroristin Gudrun Ensslin: „Mit denen kann man nicht diskutieren, das ist die Generation von Auschwitz.“

Das Verhältnis der Achtundsechziger zur Gewalt war von Anfang an ambivalent. Ein paar Jahre später sollte Rudi Dutschke mit erhobener Faust am Grab von Holger Meins „Holger, der Kampf geht weiter!“ versprechen, eine Szene, die als Rechtfertigung der RAF interpretiert werden konnte. Dutschke hatte das Attentat knapp überlebt, bei dem der Hilfsarbeiter Josef Bachmann auf ihn geschossen hatte, angestachelt von Schlagzeilen der „Bild“-Zeitung wie „Stoppt den Terror der Jung-Roten jetzt!“. Drei Schüsse waren auf ihn abgefeuert worden, an den Folgen starb der Studentenführer 1979 im Alter von 39 Jahren. Drei Schüsse, die zu weiterer Radikalisierung führten, zu brandschatzenden Angriffen auf den Springer-Verlag während der „Oster-Unruhen“.

Die Schriftsteller können abdanken

Hans Magnus Enzensberger reagierte auf den Anschlag mit verzweifeltem Sarkasmus. Bachmann habe die Logik der Politiker weitergedacht, er sei „der einzige treue Staatsbürger“, ätzt er im Juni 1968 im „Kursbuch“. Warum bekommt der Attentäter kein Bundesverdienstkreuz? „Warum wird Bachmann erst mobilgemacht, dann festgenommen, erst vorgeschickt, dann abserviert?“ Enzensberger ist als Sphinx beschrieben worden, als Zuspitzer und Zu-Ende-Denker, der immer, wenn man ihn verstanden zu haben glaubt, schon wieder hinter seiner nächsten Meinung verschwindet. Radikaler links als 1968 war er wohl nie. „Der neue Faschismus kommt ohne Führer aus“, schreibt er. Enzensberger höhnt und ist brillant. Die Figuren an der Spitze seien „vollkommen fungibel und austauschbar“, doch die monatlich wachsende Bewegung der Kritiker, die dieser Herrschaft den Kampf angesagt hat, werde „verschwindend“ genannt.

Und die Schriftsteller? Die können abdanken, niemand weint ihnen eine Träne nach. Jedenfalls nicht, wenn es nach dem berühmten „Kursbuch 15“ vom November 1968 geht, in dem Karl Markus Michel, Walter Boehlich und Yaak Karsunke den Tod der Literatur postulieren. Für Schriftsteller, „die sich mit ihrer Harmlosigkeit nicht abfinden können“, so Enzensberger, könne es doch nicht schwer sein, „begrenzte, aber nutzbringende Beschäftigungen zu finden“. Ab in die Produktion. Enzensberger schrieb weiter, überhaupt wurde immer weiter gedichtet, gedacht, zu Papier gebracht. Die Literatur hat das Jahr 1968 überlebt.

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