Florentina Holzingers „Komposition für acht Körper, fünf Harfen und ein Auto“ auf dem Parkplatz der Gallus Druckerei. Foto: Silke Briel; ©Schinkel Pavillon and the Artist
© Silke Briel; ©Schinkel Pavillon and the Artist

Kunstreihe „Disappearing Berlin“ „Das ist kein nostalgisches Projekt“

Von Spreewaldbad bis Bierpinsel: Performances und Musik an gefährdeten Berliner Orten. Die Macherinnen von „Disappearing Berlin“ im Gespräch.

Die Reihe “Disappearing Berlin” des Schinkelpavillon initiiert seit drei Jahren Kunstevents in spektakulären Berliner Architekturen, die vom Abriss bedroht sind, die renoviert oder umgenutzt werden sollen. Das Postbank-Hochhaus am Halleschen Ufer, das Wellenbad am Speewaldplatz, Café Keese, das Parkhaus hinter dem Zentrum Kreuzberg, Mäusebunker, Bierpinsel in Steglitz, insgesamt gut 20 Orte, waren bereits Schauplätze vor allem für Performances und Musik. Am vergangenen Sonntag fand die vorerst letzte Veranstaltung in der stets ausgebuchten Reihe statt: die Choreografin Florentina Holzinger zeigte eine Performance für “acht Körper, fünf Harfen und ein Auto” auf dem Parkplatz der Gallus Druckerei in der Spreestadt. Ein Gespräch mit der künstlerischen Leiterin Marie-Therese Bruglacher und mit Projektleiterin Anja Lindner über das Verschwinden, Gentrifizierung und Berlin.

Sie betonen oft, bei “Disappearing Belin” gehe es nicht um Nostalgie. Was war der Impuls die Reihe zu starten?
In Berlin gibt es jede Menge ikonische Bauten, grade aus der Ostarchitektur, die in den Nuller- und Zehnerjahren einfach abgerissen wurden, oft ohne öffentliche Diskussion. Die Serie ist darauf ausgerichtet, Stadtwandel anders erlebbar und verständlich zu machen, nicht über mediale Berichterstattung, nicht über bereits vorgefertigte Bilder.

Mit Performances und Musik schaffen wir einen neuen Zugang zu Orten, die man vielleicht gut, vielleicht nur vom Hörensagen kennt, von denen man Geschichten gelesen hat. In Berlin hat die kulturelle Besetzung solcher Orte Tradition, man denke an Raumlabor und die künstlerische Zwischennutzung im Palast der Republik. Daran wollen wir anknüpfen und die Diskussion über Stadt als architektonisches und soziales Gefüge neu anregen.

„Disappearing Berlin“ war in Kirchen, Schwimmbädern, auf Dächern und in Supermärkten aktiv. Wie werden die Orte ausgesucht?
Es geht um die Eigenheit, die jeder dieser Orte für Berlin hat. Dabei steht das Verschwinden nicht unbedingt im Fokus. Wir laufen oder radeln viel durch die Stadt, gehen gerne in Hinterhöfe, gucken um jede Ecke. Das ist eine Leidenschaft, die wir alle im Team teilen. Es gibt Orte, bei denen von vornherein klar ist, war, dass wir dort etwas machen möchten, beim Bierpinsel in Steglitz war es so.

Auf anderes werden wir von unserem Netzwerk aufmerksam gemacht. Das Dach des Bonjour Tristesse, ein Wohnhaus am Schlesischen Tor, kannten wir gar nicht, nur durch Zufall kamen wir dort ran. Es gibt aber auch ganz viele Sachen, die nie geklappt haben.

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Welche zum Beispiel?
Der LSD Erotikmarkt an der Potsdamer Straße. Die Leute dort sehen das LSD als Safe Space. Sie wollten nicht, dass Kunstpublikum reinkommt und sich alles anguckt. Manche Orte werden definitiv abgerissen, wie die Gallus Druckerei, auf deren Parkplatz wir am Wochenende eine Performance von Florentina Holzinger organisieren. Andere sind funktionierende Orte, so wie LSD, die Green Mango Bar oder auch das Xara Beach. Gerade die sind sehr spannend - für beide Seiten, weil eine andere Interaktion zwischen Künstler:innen und den Menschen vor Ort möglich ist. Viele andere Bauten sind - so schön und ikonisch sie sein mögen -, zu kommerziell. Das können wir dann einfach nicht finanzieren.

„Disappearing Berlin“ machte den Bierpinsel in Steglitz für zwei tage wieder zugänglich. Foto: Dorothea Tuch; Schinkel Pavillon Vergrößern
„Disappearing Berlin“ machte den Bierpinsel in Steglitz für zwei tage wieder zugänglich. © Dorothea Tuch; Schinkel Pavillon

Sollen bedrohte Orte durch „Disappearing Berlin“ gerettet, das Verschwinden aufgehalten werden?
Uns geht es um den Ist-Zustand. Wir selber haben nicht den Anspruch, dass wir einen Abriss oder einen Umbau verhindern. Wir wollen auf Veränderungsprozesse aufmerksam machen. Vieles passiert unbemerkt. Wir möchten ein Vehikel für Diskussionen sein und Fagen um Öffnung und Erhalt von Berliner Orten für die Kunst stellen. Im besten Fall kommen dadurch nachhaltige Strukturen zustande. Dann kommen andere Player ins Spiel, die Veränderungen durch- und umsetzen können.

Man könnte Ihnen vorwerfen, das Sie mit „Disappearing Berlin“ zur Gentrifizierung beitragen.
Für uns ist die Schnittstelle zwischen Kultur, Investoren und Immobilienentwicklern spannend. Sicher sind wir an Gentrifizierung beteiligt, wie alle, die im Kunst- und Kulturbereich arbeiten. Wir entwickeln durch unser Programm keine nachhaltigen Strukturen, eher eignen wir uns die Strukturen vor Ort an, weil wir genau diese kommentieren möchten.

Bei „Disappearing Berlin“ geht es eben nicht darum eine fertige Kunstproduktion an eine ungewöhnliche Location zu bringen, sondern ortsspezifisch neue Arbeiten zu entwickeln. Zum Beispiel stellt ein Investor wie Signa Real Estate und deren Vorgehen in Berlin uns vor die Frage, wie wir hier kritisch interagieren können, ohne dass wir uns als Kulturschaffende im Interesse der Entwickler und Investoren instrumentalisieren lassen. 

Die Signa Real Estate verantwortet als Karstadt-Entwickler die drei großen Baustellen am Alexanderplatz, am Ku'damm und am Hermannplatz. Am Hermannplatz entsteht ein riesiger Neubau, was könnten Sie dort bewirken?
Der Karstadt am Hermannplatz ist ein wahnsinnig spannendes und unglaublich diskussionswürdiges Beispiel. Unserer Meinung nach, wäre es verkehrt, gerade solche stadtplanerischen Vorhaben zu ignorieren. Wir fragen, welche Formen von Interkation möglich sind, ohne dass wir vor den Karren gespannt werden?

Wir reden seit einem Jahr mit der Signa, haben aber noch kein Konzept gefunden, das funktioniert. Wenn wir aus dem Kulturbereich uns nicht damit beschäftigen, würde alles einfach so weiterlaufen, die politischen und wirtschaftlichen Interessen sind zu groß. Es sollte Wege geben, das zu kommentieren.

Manchmal verändern sich auch Dinge, das zeigt etwa Ihr Engagement im Bierpinsel, ein zweitägiges Festival, das dort zur Art Week 2021 stattfand.
Der Bierpinsel war über 15 Jahre geschlossen. Niemand hatte Zugang. Wir haben zwei Jahre daran gearbeitet, bevor wir dort aktiv werden konnten. Der Eigentümer hat sich zunächst gar nicht für uns nicht interessiert, war dann aber total begeistert von der Kultur in dem Gebäude. Jetzt will er sich dafür einsetzen, dass es zwei Jahre länger eine kulturelle Zwischennutzung gibt. Der ursprüngliche Plan war, das Gebäude sofort ab Herbst in einen Büroturm umzuwandeln. Der einzig öffentlich zugängliche Bereich wäre ein Coworking Space gewesen. Auch die Berliner Bäderbetriebe hatten eine kulturelle Nutzung ihrer Schwimmbäder gar nicht auf dem Schirm. Aber sie möchten jetzt mit uns weitere Veranstaltung machen und die Schwimmbäder für Kultur nutzbar machen.

Kronprinzenpalais: Hier fand im Rahmen von „Disappearing Berlin“ eine Veranstaltung mit den Künstler:innen Calla Henkel und Max Pitegoff statt. Foto: Malina Heinemann Vergrößern
Kronprinzenpalais: Hier fand im Rahmen von „Disappearing Berlin“ eine Veranstaltung mit den Künstler:innen Calla Henkel und Max Pitegoff statt. © Malina Heinemann

Ist das ein Projekt, das speziell in Berlin funktioniert?  
Berlin bestand es aus vielen einzelnen Städten bevor es Großberlin wurde. Und es hat durch seine besondere Geschichte sehr viele architektonische und kulturelle Bruchstellen. Das macht die Stadt extrem offen für ein Projekt wie “Disappearing Berlin”.

Würde man das in London oder New York machen, würde es vor Nostalgie triefen, weil dort die Prozesse abgeschlossen sind. Kapitalismus, Gentrifizierung, Tourismus sind weit fortgeschritten. Sie zu kommentieren oder auf Zeiten zurückzublicken, in denen es noch viele Möglichkeiten gab, hat immer etwas Nostalgisches. Auch Disappearing Berlin ist davon nicht ganz frei, aber wir wollen kein nostalgisches Projekt sein.

Eine Stadt, wo wir uns etwas Ähnliches vorstellen könnten, ist Paris. Paris hat sich in den vergangenen zwei, drei Jahren total verändert. Viele Künstlerinitiativen und neue soziale Projekte sind entstanden, und das in einer Stadt deren Strukturen bereits verfestigt waren. Veränderung ist also auch rückwirkend möglich.

Was würden Sie sagen, ist Berlin dabei, zu verschwinden?
Noch ist die Stadt in einer Phase, in der nicht alles verloren ist. Die spannende Frage ist, was in den nächsten  fünf bis zehn Jahren passiert. Es hat etwas mit der Anzahl an Orten zu tun, an denen es noch Gestaltungsmöglichkeiten gibt. Wir glauben, in Berlin ist noch viel möglich. Und es gibt immer noch sehr viele Menschen hier, die etwas verändern wollen. 

Berlin verfügt über eine lange Tradition kultureller und kollaborativer Arbeitsweisen, die in der Nachwendezeit entstanden sind. Wenn wir die Interessen dieser vielen Gruppen zusammenzubringen können, schaffen wir es auch gefährdete Orte in Berlin langfristig für die Kultur und die Öffentlichkeit zu öffnen und zu erhalten

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