Alexander Tovborg: „Mann und Jeanne d’Arc (Das Gleichgewicht). Foto: Galleri Nicolai Wallner/Anders Sune Berg
p

Kunstmessen in Kopenhagen Sehnsucht nach Gefühl

Eva Karcher
0 Kommentare

Der Norden sammelt international – dank des erfolgreichen Messe-Doppels Code Art Fair & Chart Art Fair in Kopenhagen

Ein karamelfarbenes Fellknäuel auf einem Tisch trägt eine blaue Fliege um den Hals und scheint zu atmen – wenn auch kaum. Doch Bert ist kein Plüschtier, sondern der Zwergspitz von Kathy Grayson, der Besitzerin der New Yorker Galerie „The Hole“, und als Bertram The Pomeranian ein Instagramstar mit über 200 000 Followern. „Manchmal stiehlt er unserer Kunst die Show“, seufzt Direktor Raymond Bulman mit einem Augenzwinkern; ein Hüne und einer von vier Galeristen aus der US-Metropole auf der dritten Ausgabe der Code Art Fair in Kopenhagen.

Internationalität ist die Mission der Messe in der dänischen Hauptstadt, wie es Julie Leopold Alf beschreibt, verantwortlich für Strategien und Verkäufe. „Wir wollen die Kunstszene von morgen mitformen“, erklärt die Geschäftsführerin und Ehefrau des Galeristen Hans Alf, ebenfalls einer der 77 Teilnehmer in der von Glas überdachten Messehalle des Bella Centers. Auch er bestätigt, die skandinavischen Sammler und Kunstliebhaber würdigten inzwischen die globalen Künstlernamen: „Bis vor rund fünf Jahren haben sie sich noch überwiegend regional orientiert und gekauft“.

Seine Bemerkung ist ein „kollegial gemeinter“, kleiner Seitenhieb auf die parallel stattfindende, sechste Chart Art Fair, die mit 32 Galeristen in der prachtvollen „Kunsthal Charlottenborg“ residiert und zum ersten Mal zusätzlich zwölf Designgalerien im ebenfalls historischen Den Frie-Kunstzentrum versammelt. Denn sie definiert sich als „führende Messe der Nordischen Region“, gegründet von fünf dänischen Galeristen. Doch auch die Chart hat den Anspruch, „international zu sein“, so Nanna Hjortenberg. „Wir unterscheiden uns allerdings in unserer Präsentation“, sagt die neue Direktorin, und meint damit das Layout der Messe, die auf die klassischen Stände verzichtet.

Beide Messen inspirieren mit hoher Qualität

Stattdessen inszenieren jeweils zwei Galeristen ihre Werke in den Räumen als kuratierte Miniausstellung – ein Konzept, das auf „anregende Dialoge jenseits der Konkurrenz setzt“, wie es Galeristin Cilène Andréhn von Andréhn-Schiptjenko aus Stockholm auf den Punkt bringt.

Tatsächlich inspirieren beide Messen mit hoher Qualität von Werken etablierter und oft auch jüngerer, entdeckenswerter Künstler zu überwiegend moderaten Preisen zwischen 5000 und 40 000 Euro. Von günstigen Standpreisen um die „4000 Euro“ berichtet der Berliner Galerist Freddy Kornfeld auf der Code, der dem in Cornwall geborenen Samuel Bassett eine Soloshow widmet. Bassett, Sohn eines Fischers, malt im ehemaligen Atelier von Francis Bacon in seiner Heimatstadt St. Ives, wo auch einige Romane von Rosamunde Pilcher verfilmt wurden, bemerkenswerte Bilder von selbstironischer Expressivität. (1500 bis 15 000 Euro). Alle sechs aus Berlin angereisten Galeristen – Nagel, König, Alexander Levy, Sexauer und Dittrich & Schlechtriem – sind zum zweiten Mal auf der Messe und gut gelaunt, weil sie wie einige der fünf Wiener Galeristen, darunter Krinzinger, Christine König und Lisa Kandlhofer, bereits mit Sammlern aus der Region vernetzt sind.

Die Sammler präsentieren ihre Kunst auf Instagram

Neben Ole Faarup, dem größten Sammler Dänemarks, sind das junge Sammler wie der Aarhuser Claus Busch Risvig und der Kopenhagener Peter Ibsen, die zusammen die erste Ausgabe der Code kuratierten, oder Lars Holst und Rasmus Nyhold Moller. Sie alle präsentieren ihre Sammlungen auch auf Instagram; zu den Künstlern, die sie kaufen, zählen Talente wie der dänische Multimediakünstler Sergej Jensen oder die schwedische Malerin Astrid Svangren, die der dänische Galerist Christian Andersen vertritt. Er wie auch Nils Staerk und Nicolai Wallner, beide aus Kopenhagen, ist glücklich über seinen Auftritt auf der Chart: „Hier wird die typische Messe-Ästhetik durchbrochen, die so viele Sammler und Besucher immer mehr ermüdet.“

Wallner vertritt einige der nordischen Starkünstler, so Jeppe Hein, Elmgreen & Dragset, die Bildhauergruppe A Kassen oder den Maler Alexander Tovborg. Auf oft großformatigen Bildcollagen mixt dieser die Mythen und Religionen unterschiedlichster Kulturen in vielschichtigen Überblendungen aus Motiven und Ornamenten. Tovborg: „Religionen und Mythen verbinden uns mit unseren Emotionen.“ Sein Galerist präsentiert auf der Chart Art Fair auch den mexikanischen Bildhauer José Davila und den Briten David Shrigley und betont: „Entscheidend ist die Qualität der Künstler, nicht ihre Nationalität.“

Die teuerste Arbeit kostet eine halbe Million Dollar

Nordenhake ist als einzige Galerie auf beiden Messen vertreten, auf der Chart mit einer Soloshow des Amerikaners Ryan Mrozowski, auf der Code durch Erik, den Sohn von Claes Nordenhake mit einer Einzelpräsentation des Shootingstars Evan Roth. Dank der Kukje Galerie aus Seoul kann die Code Art Fair mit den höchsten Preisen für eine Arbeit auftrumpfen: 525 000 Dollar kostet ein kleinformatiges Werk des 1931 geborenen Malers Park Seo-Bo, der zu den bedeutendsten des Landes zählt. Kukje präsentiert auf der Messe ein Spektrum ihrer Künstler, darunter auch die Wolfgang-Hahn-Preisträgerin Haegue Yang.

Zurück zu Bert, dem vierbeinigen Maskottchen der Galerie The Hole und ihrem Programm. Es schillert in allen Facetten zwischen exzentrisch und minimalistisch und trifft so den Nerv einer emotional hysterisierten, intellektuell vom Internet paralysierten Zeit. Vor allem der 1987 in Los Angeles geborene Maler Alex Gardner visualisiert die distanzierende Coolness des Digitalen wie auch die immer größere Sehnsucht nach Nähe und Gefühl.

Code Art Fair & Chart Art Fair, Kopenhagen; beide bis 2.9., www.codeartfair.com; www.chartartfair.com

Zur Startseite